SENDETERMIN So, 19.03.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Zwischen Genie und Wahnsinn

Der Schweizer Menschenrechtler und Rebell Jean Ziegler

Jean Ziegler
Auch mit 82 aktiv: Jean Ziegler

"Ich bin bloß ein kleiner Bourgeois." Das sagt ausgerechnet Jean Ziegler, einer der bekanntesten und umstrittensten Globalisierungskritiker. Der Satz fällt in einem Filmporträt, das Nicolas Wadimoff über ihn gedreht hat. "Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens" feiert am 18. März in Köln Deutschlandpremiere und startet am 23. März in den Kinos. In diesen Tagen erschien auch das neue Buch von Jean Ziegler "Der schmale Grat der Hoffnung", in dem er die Bilanz seines politischen Lebens zieht. ttt hat den 82-Jährigen in Genf und in Köln getroffen.

Ausbruch aus dem Bürgertum

1934 im schweizerischen Thun geboren, wuchs Jean Ziegler umsorgt und wohlbehütet in einer bürgerlich-konservativen Familie auf. Seine Karriere schien vorgezeichnet. Doch als junger Mann begann er, gegen die festgefügte Ordnung zu rebellieren. Nach dem Bruch mit dem Vater ging er nach Paris und lernte das Philosophenpaar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennen. Sie machten ihn mit den jungen französischen Marxisten bekannt. Simone de Beauvoir war es auch, die Ziegler dazu überredete, seinen Taufnamen Hans in Jean zu ändern.

Nie wieder "auf der Seite der Henker"

Der junge Schweizer studierte Jura, Soziologie und Politische Wissenschaften. Nach ersten Berufserfahrungen als Anwalt ging er 1961 als Assistent eines UN-Sonderbeauftragten in den unabhängigen Kongo, der damals als Spielball der internationalen Mächte von einem Bürgerkrieg zerrissen wurde. Tief erschüttert von den katastrophalen Zuständen schwor er sich, nie wieder "auf der Seite der Henker" zu stehen.

Begegnung mit Che Guevara

Jean Ziegler in Kuba
Reise nach Kuba

1964 lernte er Che Guevara kennen. Zwölf Tage lang chauffierte er den schon damals legendären Guerillakämpfer anlässlich einer internationalen Konferenz durch Genf. Ein Schlüsselerlebnis, wie er erzählt. Begeistert von Ches Idealen, wollte er sich dem charismatischen Comandante anschließen. Doch der überzeugte ihn, in seiner Heimat zu bleiben, um dort gegen den "Kopf des kapitalistischen Monsters" zu kämpfen. Jean Ziegler blieb.

Recht auf Nahrung

Zeit seines Lebens hat Jean Ziegler nicht nachgelassen, gegen die "kannnibalische Weltordnung" zu kämpfen. Er unternahm Forschungsreisen durch Afrika, Lateinamerika und Asien, wurde Soziologieprofessor und Publizist.

Viele Jahre saß er für die Sozialdemokraten im Schweizer Parlament. Er gehörte dem Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der UN an, reiste als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen durch die Welt und musste mit ansehen, wie der Hunger das Leben zerstört. Schon in seinem ersten UN-Bericht vom April 2001 verurteilte er den von Menschen gemachten "stillen Genozid" und schlug eine jährliche Debatte über das Recht auf Nahrung in der UN-Generalversammlung vor. "Es gibt heute keinen objektiven Mangel mehr auf der Welt", sagt er. "Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet."

Kampf gegen die Unmenschlichkeit

Jean Ziegler mit seiner Frau
Mit seiner Frau Erica Deubner Ziegler

In unzähligen Büchern und Vorträgen prangerte er die Ungerechtigkeiten der Welt an: Er rechnete mit den Schweizer Großbanken ab – und wurde dafür als "Landesverräter" beschimpft –, kritisierte die Profitgier der multinationalen Konzerne, geißelte die Diktatur des "globalisierten Finanzkapitals" und verurteilte die fatale Verflechtung von Politik und Kapital.

In seinem neuen Buch schildert Ziegler seine Motive und seine politischen Kämpfe – die gewonnenen ebenso wie die verlorenen. Und er macht Mut. "Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie", betont er. Aufgeben ist für ihn keine Option.

Dass der "ewige Rebell" nicht nur an äußere, sondern auch an innere Grenzen stößt, macht Nicolas Wadimoff in seinem Filmporträt deutlich: "Dank unseres gegenseitigen Vertrauens konnte ich mit ihm dahin gehen, wohin er sonst gewöhnlich allein geht: zu seinen Zweifeln und Widersprüchen, seinen intimen Wutausbrüchen und Ängsten und zu seiner tief sitzenden Hoffnung, dass eine andere Welt möglich ist."

Buchtipp

Jean Ziegler: Der schmale Grat der Hoffnung.
Die gewonnenen und die verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden.
C. Bertelsmann 2017, Preis: 19,99 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 20.03.2017 09:11 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.