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Karibische Kakophonie

Marlon James' grandioser Roman über Gewalt und Rassismus in Jamaika

Der jamaikanische Schriftsteller Marlon James
Der jamaikanische Schriftsteller Marlon James

Jamaika, 3. Dezember 1976. Sieben bewaffnete Männer dringen in das Haus des Reggae-Musikers Bob Marley ein und eröffnen das Feuer. Marleys Manager wirft sich schützend über ihn und wird lebensgefährlich verletzt. Auch Marleys Frau Rita wird schwer verwundet. Er selbst kommt mit leichten Verletzungen an Armen und Brust davon.

Wer waren die Täter? Was waren ihre Motive? Ausgehend von den Spekulationen, die sich um das Attentat ranken, entwirft der jamaikanische Schriftsteller Marlon James ein vielstimmiges Bild seiner Heimat in den 70er- und 80er-Jahren. Für seinen Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" erhielt er 2015 den Man Booker Prize, die renommierteste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. Jetzt erscheint er in deutscher Übersetzung. ttt hat den Autor in seiner US-amerikanischen Wahlheimat Minneapolis getroffen.

Gewaltexzesse

Reggae-Ikone Bob Marley
Reggae-Ikone Bob Marley in den 70ern

Das Attentat auf Bob Marley ist historische Realität. Es fiel in eine Zeit, als sich die politischen Spannungen auf der Karibikinsel dramatisch zuspitzten und in Gewaltexzessen entluden. Wenige Tage nach dem Attentat wurde in Jamaica gewählt. In den vorangegangenen Wochen war der Wahlkampf, angeheizt von Extremisten der beiden gegnerischen Parteien, immer brutaler geworden.

Bob Marley, der sich normalerweise aus der Politik heraushielt, hatte sich für die Partei des amtierenden Regierungschefs stark gemacht und seine Teilnahme an einem "Friedenskonzert" zugesagt. Er hielt Wort. Trotz seiner Verletzungen trat er am 5. Dezember beim "Smile Jamaica Konzert" auf und wurde enthusiastisch gefeiert. Regierungschef Michael Manley errang bei den Wahlen einen überwältigenden Sieg.

Bis heute sind die Hintergründe des Attentates auf Bob Marley nicht aufgeklärt. Vermutlich waren politische Gegner die Auftraggeber. Aber kamen sie aus der konservativen Oppositionspartei, die Michael Manley seine Nähe zu Kubas Fidel Castro vorwarfen? Oder waren es CIA-Agenten?

Marlon James nimmt den Anschlag zum Anlass, die Verwerfungen in seinem Heimatland in den 70er- und 80er-Jahren zu schildern. Nicht den Sänger Bob Marley stellt er in den Mittelpunkt, sondern die sieben Auftragskiller und ihre Schicksale. Aus verschiedenen Perspektiven zeichnet er ihre Lebensgeschichten über mehr als ein Jahrzehnt nach und entfaltet das Bild eines geschundenen Landes, in dem rivalisierende Gangs, von skrupellosen Politikern unterstützt, die Bevölkerung terrorisieren.

Stimmenvielfalt

Über mehr als 800 Seiten zieht Marlon James alle sprachlichen Register, um seinen realen und fiktiven Figuren Glaubwürdigkeit zu verleihen. Egal aus welchem Milieu sie stammen, ob CIA-Beamte oder Drogendealer, Reporter oder Schaffnerinnen, Parlamentarier oder Gespenster – sie alle tragen bei zu einem faszinierenden Stimmungsbild, das die räumliche und zeitliche Distanz aufzuheben scheint. Und das die Hitze, das Chaos, die Wut, die Verzweiflung und den Mut der Menschen lebendig werden lässt.

Exilroman

Marlon James, 1970 in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston geboren, wuchs als Sohn einer Kriminalkommissarin und eines Anwalts auf. Nach seinem Studium der Literatur und Politikwissenschaft arbeitete er in einer Werbeagentur. 2005 veröffentlichte er seinen Debütroman "John Crow's Devil". 2009 folgte "The Book of Night Women". "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" ist sein drittes Buch. "Es ist ein Exilroman", sagte er bei der Verleihung des Man Booker Prize. "Ich musste das Land verlassen, um so darüber schreiben zu können."

Buchtipp

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden.
Heyne 2017, Preis: 27,99 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Stand: 17.03.2017 07:52 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.