SENDETERMIN So, 20.11.16 | 23:20 Uhr | Das Erste

Mitleid und Barmherzigkeit

Warum wir anderen Menschen helfen

PlayFlüchtlingshilfe am Hauptbahnhof München
Warum wir anderen Menschen helfen | Video verfügbar bis 20.11.2017

Als im Herbst 2015 Hundertausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, rollte eine große Welle der Solidarität durch das Land. Angesichts der Not waren viele Bürger spontan bereit, den Ankommenden zu helfen: pragmatisch, effektiv und innerhalb kürzester Zeit. Sie spendeten Lebensmittel, Kleider und Spielzeug, organisierten Unterkünfte und medizinische Versorgung. Es war die Geburtsstunde der Willkommenskultur, die unsere Gesellschaft verändert und den politischen Diskurs – bis hin zu Protest und Diffamierung der "Gutmenschen" – geprägt hat.

Doch es gibt auch andere Beispiele: Vor wenigen Wochen starb ein Rentner in Essen, weil ihm niemand zu Hilfe kam. Er war im Vorraum einer Bank zusammengebrochen. Mehrere Kunden sahen ihn auf dem Boden liegen und taten – nichts.

Wie hängt beides zusammen? Was sind die Motive für unsere Hilfsbereitschaft? Und wie fest sind sie in unserer Gesellschaft verankert? Darüber hat ttt mit Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung und dem Historiker Tillmann Bendikowski gesprochen. Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer aktuellen Studie "Der Kitt der Gesellschaft" den sozialen Zusammenhalt untersucht. Tillmann Bendikowski hat die Solidarität mit den Flüchtlingen zum Anlass genommen, dem Phänomen der Hilfsbereitschaft in Geschichte und Gegenwart nachzuspüren. Vor wenigen Tagen ist sein Buch "Helfen" erschienen.

Der barmherzige Samariter

Jeder, der an Hilfsbereitschaft denkt, hat andere Bilder im Kopf. Ins kollektive Gedächtnis hat sich eine Geschichte aus der Bibel eingeschrieben: die Erzählung vom barmherzigen Samariter. Als der Reisende am Wegesrand einen von Räubern ausgeplünderten schwer verletzten Mann sieht, geht er nicht achtlos vorüber. Er bleibt stehen, versorgt den Verwundeten, bringt ihn in eine Herberge und zahlt seine Unterkunft.

Für Tillmann Bendikowski ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter ein universales Beispiel für die Nächstenliebe, das weit über das Christentum hinauswirkt. Als Motiv der Kunstgeschichte wurde es weltbekannt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Tillmann Bendikowski
Der Publizist Tillmann Bendikowski

In seinem Buch versucht er zu ergründen, worin die Wurzeln der Nächstenliebe liegen. Er fragt nach moralischen und psychologischen Motiven, zitiert Philosophen und Soziologen. Vor allem aber lässt er Menschen zu Wort kommen, die unterschiedliche Erfahrungen mit dem Helfen gemacht haben.

"Nun ist der Mensch erst mal ein soziales Wesen und das Helfen wohnt uns sozusagen inne", sagt er. "Es ist eine menschliche Grundtechnik, die aber nicht einfach da ist und sich fortentwickelt und sich jederzeit zeigt, sondern wir müssen das Helfen auch als eine Kulturtechnik verstehen, als eine Kulturtechnik, die erlernt wird, die weitergegeben wird, die Vorbilder braucht, die Erfahrungen braucht und die an strukturelle Bedingungen geknüpft ist."

Helfen braucht Hilfe

Bundeskanzlerin Merkel in einer Flüchtlingseinrichtung
"Wir schaffen das." Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2015

Wie sehen diese Bedingungen in unserer Gesellschaft aus? In den letzten Jahren war oft die Rede davon, dass das Klima rauer wird: Traditionelle Familienbindungen brechen auf, der Zusammenhalt lässt nach und auch der Sozialstaat definiert seine Rolle neu.

Wie es tatsächlich um den sprichwörtlichen Kitt steht, der die Menschen verbindet, hat die Bertelsmann Stiftung in einer aktuellen Studie untersucht. "Was wir feststellen: die Hilfe findet immer noch statt, die Leute sind immer noch solidarisch. Aber sie hat sich qualitativ sehr verändert im Vergleich zu früher", erläutert der für die Studie verantwortliche Soziologe Kai Unzicker. Die Hilfe sei individualistischer geworden. "Die Leute überlegen sich sehr konkret: Was möchte ich als Person jetzt machen, in welchem Projekt möchte ich mich engagieren." Und die Menschen wollen beteiligt werden, mitentscheiden und mitgestalten – so wie es in der Flüchtlingshilfe möglich war.

Nun kommt es darauf an, die Hilfsbereitschaft zu stärken und zu stabilisieren. Gerade in unruhigen Zeiten. "Sie können den Zustand einer Kultur des Helfens sehr schön daran ablesen, ob die Hilfsbedürftigen kategorisiert werden oder nicht", sagt Tillmann Bendikowski. "Wenn jemand in Deutschland sagt, er spendet diese Kleider nur für deutsche Obdachlose, aber nicht für ausländische Obdachlose, sehen Sie, dass eine große Gefahr für die Kultur des Helfens besteht." Deswegen endet sein Buch mit einem Appell: "Das Helfen braucht selbst Hilfe – sonst geht es als kulturelle Errungenschaft verloren."

Buchtipps

Tillmann Bendikowski: Helfen.
Warum wir für andere da sind.
C. Bertelsmann 2016, Preis: 19,99 Euro

Bertelsmann Stiftung (Hg.): Der Kitt der Gesellschaft.
Perspektiven auf den sozialen Zusammenhang in Deutschland.
Verlag Bertelsmann Stiftung 2016, Preis: 28 Euro

Stand: 21.11.2016 10:00 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.