SENDETERMIN So, 27.08.17 | 23:00 Uhr | Das Erste

"Digitale Drecksarbeit"

Moritz Riesewieck über die Müllabfuhr im Internet

Löschzentrum von Facebook in Berlin
Löschzentrum von Facebook in Berlin

Täglich werden im Netz Millionen Fotos gepostet, darunter viele mit verstörendem Inhalt voller Gewalt und Pornografie. Wir, die Nutzer von Facebook und Co., sollen sie nicht zu Gesicht bekommen. Das würde dem Image schaden und den Wert der Social Media als Werbeplattform verringern.

Deshalb arbeitet eine ganze Armee von Billiglohnarbeitern daran, sie zu löschen. Es gibt zwar inzwischen Filter, und auch viele Nutzer melden anstößige Fotos. Entfernt aber werden sie nicht automatisch, sondern "von Hand".

Die dunkelste Seite des Netzes

Die großen Konzerne Google und Facebook beschäftigen über Subunternehmen rund um die Uhr sogenannte Content-Moderatoren, die für wenig Geld die dunkelste Seite des Netzes durchforsten. Viele von ihnen leben in der philippinischen Hauptstadt Manila. Aber auch in Berlin gibt es Firmen, die im Auftrag der großen Konzerne die digitale Drecksarbeit verrichten.

Der Theatermacher und Autor Moritz Riesewieck
Der Theatermacher und Autor Moritz Riesewieck

Der Theaterregisseur und Dokumentarfilmer Moritz Riesewieck hat sich gemeinsam mit seiner Künstlergruppe Laokoon auf Recherche begeben. Er fuhr nach Manila, um die digitalen Putzleute zu besuchen, sprach mit Psychologen und Gewerkschaftern. Daraus entstanden sind ein Theaterstück und das Buch "Digitale Drecksarbeit", das jetzt bei dtv erschienen ist. ttt hat Moritz Riesewieck in Berlin getroffen.

Horrorbilder vor Traumkulisse

In Manila ist die philippinische Firma TaskUs beheimatet. Ihre Mitarbeiter, darunter viele junge Frauen aus den unteren sozialen Schichten, sitzen stundenlang vor dem Monitor, um das Internet sauber zu halten. Was sie selbst auf Fotos und in Videoclips zu sehen bekommen, übersteigt unser Vorstellungsvermögen: Hardcore-Pornografie, Sadismus, brutale Gewalt irregeleiteter Fanatiker.

Das Wühlen im Dreck

Unter Zeitdruck entscheiden sie, was veröffentlicht wird und was nicht. Mit einem Klick landet das meiste im Müll. Doch aus den Köpfen der Arbeiter ist es nicht mehr zu löschen. Und auch nicht aus ihren Seelen. Viele klagen über körperliche Beschwerden, Schlaflosigkeit und Unruhe. Sie entwickeln psychische Krankheiten wie Depressionen und fühlen sich alleingelassen, zumal sie sich in einer Verschwiegenheitserklärung verpflichten, mit niemandem über ihre Arbeit zu reden. Auch Moritz Riesewieck und die Mitglieder von Laokoon führten mit den Auskunftswilligen konspirative Gespräche.

In ihrer Performance lassen sie einige ihrer Gesprächspartner zu Wort kommen, darunter die junge Maggy, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifiziert, stolz darauf ist, wie schnell sie arbeitet, aber unter einem neurotischen Waschzwang leidet. "Schmutzig wird man nicht vom Bildermüll", sagt Moritz Riesewieck, "er hinterlässt aber Spuren bei denen, die das Netz putzen."

Intransparenz und Zensur

Seine Beschäftigung mit der "digitalen Drecksarbeit" ist aber nicht nur eine Auseinandersetzung mit Ausbeutung und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen. Es geht auch um Zensur und Meinungshoheit.

Denn die großen Internetkonzerne haben ihre Vorgaben für das Löschen bisher nicht offengelegt. Warum zum Beispiel manche Propagandavideos der Terrormiliz IS trotz ihres schockierenden Inhalts nicht entfernt werden, ist unklar. Möglicherweise stecken politische Überlegungen dahinter.

Solange die Löschkriterien nicht bekannt sind, lässt sich nur vermuten, welchen Standards die großen Konzerne folgen, wie und mit welchem Ziel sie die öffentliche Meinung beeinflussen.

Buchtipp

Moritz Riesewieck: Digitale Drecksarbeit.
Wie uns Facebook und Co. von dem Bösen erlösen
dtv 2017, Preis: 16,90 Euro. Das Buch erscheint am 8. September 2017

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 28.08.2017 09:08 Uhr

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