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Rassismus in den USA

Colson Whiteheads Sklaverei-Roman trifft den Nerv der Zeit

Protest gegen Rassismus
Protest gegen Rassismus

Die Sklaverei ist eines der dunkelsten Kapitel in der US-amerikanischen Geschichte. Offiziell wurde sie 1865 abgeschafft. Doch Rassismus gibt es bis heute. Das haben die Bilder der jüngsten Ausschreitungen in Charlottesville erschreckend deutlich gemacht, die sich am Streit über eine Statue zu Ehren eines Bürgerkriegsgenerals und Sklavenhalters entzündeten. Noch erschreckender war die Reaktion von Präsident Donald Trump, der es nicht für nötig hielt, sich klar von Rassisten und Rechtsradikalen abzugrenzen, und dafür vom Ku Klux Klan gefeiert wurde.

Immer wieder hat es literarische oder filmische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Sklaverei gegeben – aufwühlend, berührend oder kämpferisch. Eines der erfolgreichsten Bücher ist der 2016 erschienene Roman "Underground Railroad" von Colson Whitehead. Er stand monatelang auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde mit den beiden wichtigsten amerikanischen Literaturpreisen ausgezeichnet – dem  National Book Award und dem Pulitzer Preis – und von Expräsident Barack Obama empfohlen. Vor wenigen Tagen ist "Underground Railroad" auf Deutsch im Hanser Verlag erschienen. ttt hat den Autor in seiner Heimatstadt New York getroffen.

Realität und Fantasy

"Underground Railroad" erzählt die bewegende Geschichte des Sklavenmädchens Cora, das auf einer Baumwollplantage in den Südstaaten geboren wird und unter menschenunwürdigen Verhältnissen aufwächst. Die Schreckensherrschaft der Eigentümer lässt auch ihre Opfer verrohen. Ein Entkommen scheint aussichtslos. Doch Cora wagt das Undenkbare.

Die Flucht gelingt ihr mit Unterstützung der Untergrundorganisation "Underground Railroad", eines geheimen Netzwerks, mit dessen Hilfe weiße Gegner der Sklaverei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rund 100.000 Sklaven befreiten.

Die Organisation gab es tatsächlich. Ihr Name war eine zur Hoch-Zeit der Eisenbahn gut gewählte Metapher, ebenso wie die damals benutzten Codewörter "Schaffner", "Passagiere" oder "Station", mit denen sich Helfer und Flüchtlinge im Geheimen verständigten. Colson Whitehead hat die sprachlichen Bilder in seinem Roman wörtlich genommen. "Das erste Mal habe ich als Schüler von der Organisation gehört", sagt er. "Ich habe mir die Bahn schon damals in meiner Fantasie ganz real vorgestellt."

Unterstützung und Verrat

Cora steigt in einen unterirdischen Zug und reist mit anderen Flüchtlingen nach Norden. Doch den Schrecken wird sie nicht los. Ihr dicht auf den Fersen ist der erbarmungslose Sklavenjäger Ridgeway. Zweimal spürt er sie auf, zweimal kann sie sich wieder befreien.

Auf ihrem Weg trifft sie Helfer und Verräter. Nicht immer ist klar, wo Verderben droht oder Rettung naht. Ein klassisches Happy End gibt es nicht. Denn wo auch immer sie hinkommt, muss Cora erfahren, dass ihre Existenz als Schwarze nichts wert ist.

Das richtige Buch zur richtigen Zeit

Porträt des Autors Colson Whitehead
Der Schriftsteller Colson Whitehead

Colson Whitehead hat mit seinem historischen Fantasy-Roman den Nerv der Zeit getroffen. Die Amerikaner haben sein Buch als eine Allegorie auf das Leben der Schwarzen in den Vereinigten Staaten verstanden: auf ihre Unterdrückung, Verfolgung und Ausgrenzung, die bis heute den Alltag prägen. "Underground Railroad" spielt nicht in der Gegenwart, aber das Buch erzählt von ihr, indem es ihre Vorgeschichte aufrollt.

Auch Colson Whitehead, 1969 in New York geboren und aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie, hat zu spüren bekommen, wie Ressentiments den Rassismus befeuern: Wegen seiner Hautfarbe wurde er als Jugendlicher viel häufiger und viel brutaler von Cops kontrolliert als seine weißen Freunde.

Auch 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei sind die USA noch immer ein tief gespaltenes Land. Für viele Afroamerikaner haben sich die Hoffnungen, die sie mit dem ersten schwarzen Präsidenten Obama verknüpften, nicht erfüllt. Und es steht zu befürchten, dass sich Ausschreitungen wie in Charlottesville wiederholen.

Buchtipp

Colson Whitehead: Underground Railroad.
Hanser Verlag 2017, Preis: 24 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Stand: 27.08.2017 17:55 Uhr

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