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Boris Nemzows Vermächtnis

Die Tochter des russischen Regimekritikers über die Ermordung ihres Vaters

PlaySchanna Nemzowa
Schanna Nemzowa über das politische Vermächtnis ihres Vaters | Video verfügbar bis 01.03.2017

Boris Nemzow war einer der bekanntesten russischen Oppositionspolitiker und ein erbitterter Gegner von Wladimir Putin. Am 27. Februar 2015 wurde er in Moskau in der Nähe des Kremls auf offener Straße erschossen.

Seine älteste Tochter Schanna stand ihrem Vater besonders nahe. Für seinen Tod macht sie den russischen Präsidenten verantwortlich. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie erzählt, warum ihr Vater sterben musste und wofür sie politisch kämpft. "ttt" hat Schanna Nemzowa in Bonn getroffen, wo sie als Journalistin für die Deutsche Welle arbeitet, und mit Alfred Koch, einem langjährigen Vertrauten ihres Vaters, gesprochen.

Liberaler Reformer

Boris Nemzow, 1959 in Sotschi geboren, begann seine politische Karriere als Kämpfer für den Umweltschutz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986.

Während des Zerfalls der Sowjetunion wurde der studierte Physiker 1990 Abgeordneter in Moskau und übernahm 1991 mit gerade mal 32 Jahren das Amt des Gouverneurs in der zentralrussischen Region Nischni Nowgorod. Dort setzte er weitreichende wirtschaftsliberale Reformen durch und privatisierte den Handels- und Dienstleistungsbereich.

Im März 1997 holte ihn der damalige Präsident Boris Jelzin nach Moskau zurück und machte ihn zum Vize-Ministerpräsidenten. Eine Zeitlang galt er sogar als Jelzins möglicher Nachfolger. Doch während der schweren Wirtschaftskrise 1998, als Russland vor dem Staatsbankrott stand, trat Nemzow zurück und gründete gemeinsam mit einigen prominenten Mitstreitern die neue liberale Partei "Union der rechten Kräfte".

Putins Widersacher

Boris Nemzow spricht bei einer Demo in Moskau
Boris Nemzow bei einer Kundgebung in Moskau

Nach Putins Wahl zum Präsidenten im Jahr 2000 unterstützte er zunächst den neuen Kreml-Chef. Bald aber wurde er zu einem seiner größten Widersacher. Er kritisierte den autoritären und undemokratischen Führungsstil, die Eingriffe in die Meinungsfreiheit und die Kontrolle der Medien. Als charismatischer Führer der Opposition engagierte er sich bei zahlreichen Demonstrationen gegen die russische Regierung, wurde mehrfach verhaftet und war Opfer von Hacker- und Abhörattacken. Seine gemeinsam mit dem Ökonomen Wladimir Milow verfasste Streitschrift "Putin. Bilanz. Zehn Jahre", die 2010 in Russland erschien, wurde von den Behörden als "extremistische Literatur" diffamiert.

Kämpfer für den Frieden

Nach der Annexion der Krim im Frühjahr 2014 verurteilte Boris Nemzow die russische Ukraine-Politik und warf Putin vor, die Separatisten in der Ostukraine mit eigenen Truppen zu unterstützen. Vor seinem Tod recherchierte er für einen Enthüllungsbericht. Noch in seinem letzten Radiointerview kritisierte er die Aggression gegen die Ukraine und forderte den sofortigen Stopp des Krieges. Wenige Stunden später brachten ihn vier Schüsse zum Schweigen.

Seine Tochter Schanna gab von Anfang an Putin die politische Verantwortung für den Mord. Sie könne zwar nicht beweisen, dass er den Mord tatsächlich in Auftrag gegeben habe. Eindeutige Belege habe sie aber für den Versuch der Behörden, die Ermittlungen zu blockieren. "Auch das ist ein Verbrechen", sagt sie.

Abrechnung mit Putin

Im Mai 2015 ist sie nach einem Besuch in Berlin nicht wieder nach Russland zurückgekehrt – aus Angst vor Repressalien und weil sie selbst um ihr Leben fürchtet. Mit dem Buch "Russland wachrütteln" will die 31-Jährige nicht nur über die Gründe für den Tod ihres Vaters aufklären, sondern auch sein politisches Erbe antreten. "Der Buchtitel ist ein Zitat meines Vaters", sagt sie. Wie er ist sie davon überzeugt, dass Putin Russland zu einem "Unrechtsstaat" gemacht habe und das Land zu Grunde richten werde. Es gebe nur eine Lösung: den radikalen demokratischen Wandel. Und der sei nur mit einem Wechsel an der Spitze möglich.

Davon will sie die Bürger in ihrer Heimat überzeugen. Doch das ist nicht einfach: "Putin kontrolliert die staatlichen Fernsehsender und die Berichterstattung", weiß die Journalistin. Ein Beispiel seien die Falschmeldungen und Gerüchte im "Fall Lisa", der 13-jährigen Russlanddeutschen, die in Berlin angeblich Opfer einer Vergewaltigung geworden sei.

Schanna Nemzowas Buch ist nicht nur ein bewegendes Porträt ihres Vaters, sondern auch eine scharfe Anklage des russischen Präsidenten, der eine entscheidende Rolle in der  Weltpolitik spielt.

Buchtipp

Schanna Nemzowa: Russland wachrütteln.
Mein Vater Boris Nemzow und sein politisches Erbe.
Ullstein 2016, Preis: 18 Euro

Stand: 29.02.2016 09:35 Uhr