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Bildungsnotstand in Deutschland?

Lehrermangel und marode Schulen

Lehrermangel und marode Schulen | Video verfügbar bis 20.08.2018

Dieser Tage ist es wieder soweit. Eltern- und Kinderaugen leuchten. Prall gefüllte Tüten versüßen den Erstklässlern den Aufbruch ins Klassenzimmer.

In bester Hoffnung
In bester Hoffnung

Am Anfang ein Fest! Für viele der Kleinen wird das böse Erwachen bald kommen. In Bremen wurde nicht einmal die Kreidetafel repariert.

Das Schulwesen im Land der Dichter und Denker rottet, schon rein äußerlich, vor sich hin.

Akuter Renovierungsbedarf an Schulen auf 30 Milliarden Euro geschätzt

Daniela von Treuenfels, Stiftung Bildung Berlin
Daniela von Treuenfels, Stiftung Bildung Berlin

Daniela von Treuenfels von der Stiftung Bildung erreichen Tag für Tag neue Meldungen aus dem Katastrophengebiet.  Der akute Renovierungsbedarf an deutschen Schulen wird auf sage und schreibe 30 Milliarden Euro geschätzt. Das hat – wen wundert's – üble Folgen.

Daniela von Treuenfels sagt dazu: "Der Klassiker sind die stinkenden Toiletten, die kaputt sind. Dann haben wir Löcher in den Wänden. Wir haben Fassaden, an denen der Putz runterbröckelt. Wir haben Schimmel, teilweise in feuchten Räumen."

Alarmierende Studie der Bertelsmann Stiftung

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied Bertelsmann Stiftung
Jörg Dräger, Vorstandsmitglied Bertelsmann Stiftung

Die Unzumutbarkeiten sind Symbol eines verdrängten Desasters: An deutschen Schulen gibt es keinen regulären Unterrichtsbetrieb mehr. Jede Woche, so der Deutsche Philologenverband, fallen rund eine Million Schulstunden aus. Es fehlen Lehrer. Es fehlen Schulen. Nun hat die Bertelsmann Stiftung, da es von staatlicher Seite kaum verlässliche Zahlen gibt, eine alarmierende Bilanz vorgelegt.

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, erklärt: "Wir haben in den letzten 10 bis 15 Jahren 1.800 Grundschulen geschlossen. Jetzt bräuchten wir rechnerisch 2.400 Neue, die wir eröffnen."

Pädagogischer Notstand

Der Kollaps war absehbar. Kinder fallen schließlich nicht vom Himmel. Jetzt werden hastig Notmaßnahmen ergriffen. Gymnasiallehrer sehen sich Hals über Kopf an Grundschulen verfrachtet, ja sogar: Lehrkräfte ohne jede pädagogische Ausbildung. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat sich an dieser Schule in Leipzig ein Bild gemacht. Wir mussten leider draußen bleiben.

Marlis Tepe, Bundesvorsitzende Bildungsgewerkschaft
Marlis Tepe, Bundesvorsitzende Bildungsgewerkschaft

Marlis Tepe, Bundesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft, schätzt ein: "Wir haben nicht genügend Kolleginnen und Kollegen, die in Grundschulen oder Förderschulen ausgebildet sind. Und nun ist die Not da, besonders hier in Sachsen. Mehr als die Hälfte der neu zu besetzenden Stellen, können nicht mit ausgebildeten Kolleginnen besetzt werden. Wenn Sie ihr Auto reparieren lassen würden und Sie würden wissen, dass in einem Betrieb die Hälfte der Personen nicht qualifiziert ist, ich glaube, Sie würden diese Werkstatt nicht wählen."

Cornelia Falken, Grundschullehrerin in Sachsen, sagt: "Für die Schüler ist das eine klare Katastrophe. Ganz einfach deshalb, weil sie nicht die Qualität erhalten durch die Lehrerinnen und Lehrer. Die Seiteneinsteiger, wie wir sie zurzeit im Freistaat Sachsen eingestellt haben, bewegen sich in einer zu hohen Größenordnung. An der Grundschule brauche ich eine besondere Methodik, um den Kindern Wissen zu vermitteln."

Ein Beispiel: das Campe-Gymnasium im niedersächsischen Holzminden

Georg Muschik, Oberstudiendirektor Holzminden
Georg Muschik, Oberstudiendirektor Holzminden

Am traditionsreichen Campe-Gymnasium im niedersächsischen Holzminden traf kurz vor Schuljahresbeginn ein unerwarteter und folgenschwerer Bescheid des Kultusministeriums ein, der die Qualität der Ausbildung dramatisch gefährdet.

Georg Muschik, Schulleiter am Campe-Gymnasium Holzminden, berichtet: "Also Anfang des letzten Monats wurden wir darüber informiert, dass wir Lehrkräfte an die Grundschulen abzuordnen haben. Anfänglich war von 70 Stunden die Rede, mittlerweile sind es 100 Stunden."

Thorsten Müller-Rauschgold, Elternvertreter, erklärt: "Ja, ich denke, dass nahezu zehn Prozent des Unterrichts, den wir eigentlich in Vollversorgung bräuchten, jetzt entfällt."

Jonathan Horn, Schülervertreter, schidert: "Auf einmal fällt der Englisch-Leistungskurs aus oder der Deutsch-Leistungskurs. Das ist natürlich für die Schüler katastrophal. Zum anderen wird in den 9. Klassen z. B. der Sportunterricht gestrichen, Förderunterricht in Sprachen fällt aus, Ganztagsangebote werden gestrichen."

An dieser gebeutelten Lehranstalt hätten wir uns gerne näher umgesehen. Doch das Schulamt verweigerte unserem Kamerateam den Zutritt.

Georg Muschik, Oberstudiendirektor Holzminden, sagt: "Wir haben eben die Situation, dass hier über Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte, versäumt worden ist, dass Gymnasium auf einen modernen Stand zu bringen. Es ist ja auch bezeichnend, dass ich Ihnen bestimmte Bereiche auch gar nicht zeigen darf."

Bizarre Erklärungsversuche

Doch freundliche Gymnasiasten halfen aus – mit einem mutigen Schülerstreich im Zeitalter des Smartphones. Gut, dass es kein Geruchsfernsehen gibt. In manchen Räumen stinkt es erbärmlich. Das sind mehr als nur bauliche Mängel. Die Aufnahmen der Pennäler zeigen exemplarisch, welche Wertschätzung Bildung in Deutschland genießt. Wir leben, trotz Spargeboten, in einer begüterten Republik, aber das Musikzimmer des "Campe" verschimmelt.

Unsere Bildungspolitiker haben lange, lange weggeschaut. Bizarre Erklärungsversuche vom Sprecher der Kultusministerkonferenz.Torsten Heil, Pressesprecher der Kultusministerkonferenz: "Also ich glaube, dass wir dieses Problem erkannt haben und auf dem Weg sind. Die Kultusministerkonferenz hat sich 2015 ganz bewusst dafür entschieden, die Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen auszusetzen auf Grund der neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland und weil man keine statistischen Unschärfen haben wollte in dieser Vorausberechnung, die wir ja regelmäßig erheben."

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, merkt dazu trocken an: "Die Prognose der KMK ist zu alt. Man hat sie zu wenig und zu selten wieder aktualisiert. Jetzt ist es dringend nötig, die Prognosen zu aktualisieren."

Torsten Heil argumentiert: "Und jetzt werden wir im Herbst 2018 unsere Zahlen vorstellen, unsere neue Vorausberechnung. Solche statistischen Berechnungen bedürfen einer soliden Grundlage."

"Die Bildung ist im Wahlprogramm wichtig, eine anständige Finanzierung aber fehlt"

Die Bertelsmann Stiftung immerhin hat belastbare Daten erhoben: In den nächsten neun Jahren werden die Schülerzahlen noch einmal um fünfzehn Prozent steigen. Wenn nicht augenblicklich etwas passiert, ist es um den Bildungsstandort Deutschland geschehen. Sonntagsreden haben wir genug gehört.

Marlis Tepe, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft sagt: "Jetzt im Wahlprogramm der FDP heißt es: 'Wir brauchen die weltbeste Bildung', bei der CDU 'die beste Bildung', bei der SPD wird von 'gerechter Bildung' gesprochen. Die Bildung ist allen auch den Grünen und den Linken in den Parteiprogrammen wichtig, aber sie finanzieren es nicht anständig aus."

Bund, Länder und Gemeinden schieben sich nun gegenseitig den schwarzen Peter zu. Oft reichen die aus dem Hut gezauberten Lösungsmodelle allenfalls bis zum Ende der Wahlperiode. Die Misere ausbaden müssen die Schüler.

Autoren: Tilman Jens, Constanze Müller

Stand: 21.08.2017 15:14 Uhr

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