SENDETERMIN So, 20.08.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Der Nomade mit der Kamera: Josef Koudelka

Große Retrospektive in Berlin und Dokfilm über sein Mauer-Fotoprojekt in Israel

Josef Koudelka: Shooting Holy Land - Szene aus dem Dokfilm
Josef Koudelka: Shooting Holy Land - Szene aus dem Dokfilm

Josef Koudelka unterwegs an der israelischen Mauer mitten durch das Heilige Land. Gilad Baram, sein Assistent, filmt ihn: "Shooting Holy Land" heißt der Dokfilm, der dabei entstanden ist und derzeit in Berliner Kinos läuft: Es ist beinahe ein Tanz, mit dem sich Josef Koudelka mit seiner Kamera seinen Bildern annähert. Er lässt sich von nichts dabei stören – nicht von der Kamera seines Assistenten, und schon gar nicht von dem Wachposten an einem Kontrollpunkt im Westjordanland.

Josef Koudelka: Shooting Holy Land - Szene aus dem Dokfilm
Josef Koudelka: Shooting Holy Land - Szene aus dem Dokfilm

Es gibt nur eines, was wirklich wichtig ist für Josef Koudelka: das perfekte Foto. Dafür unabdingbar:

"Als allererstes brauchst du gute Schuhe. Das ist das Wichtigste. Das ist mein Rat für alle Fotografen: Lauf, lauf und schau hin. Bis Du etwas siehst, was Dich interessiert. Bis Du einen Platz findest, an dem ein Bild auf dich wartet. Manchmal kriegst du es gleich beim ersten Mal, manchmal musst Du zehn Mal zurückgehen und kriegst es trotzdem nicht."

"Shooting Holy Land" – Vier Jahre unterwegs an der israelischen Mauer

Vier Jahre lang begleitete Gilad Baram Koudelka auf seinen Exepditionen entlang der von Israel errichteten Mauer. Er hat übersetzt, Konflikte entschärft – und: gefilmt:

Gilad Baram in der Ausstellung
Gilad Baram in der Ausstellung

"Es war faszinierend, ihn zu beobachten. Wenn er zu den Orten zurückkehrte, kannte er sie auswendig. Er kannte sie durch seine Bilder. Er wusste genau, wo er hingehen musste, von wo die Sonne kam. Es war unglaublich zu sehen, wie genau er den Ort studiert hatte, den er fotografierte."

Ein politischer Fotograf?

An manche Orte kamen Koudelka und Baram bis zu 50 Mal zurück. Menschen sind fast nie auf den Mauer-Bildern zu sehen. Nur die Folgen – für die Landschaft und die Menschen auf beiden Seiten. Das Ausstellungshaus C/O Berlin zeigt die Serie als Videoprojektion: Riesig und in ihrer ganzen Monstrosität – wie ein politisches Statement.

Josef Koudelka in der Ausstellung
Josef Koudelka in der Ausstellung

Josef Koudelka sagt dazu: "Es gibt Leute, die sagen mir, ich sei ein politischer Fotograf. Als ich das das erste Mal hörte, war ich geschockt. Aber klar, was ist Politik?

Wenn ich über mich nachdenke: Ich habe niemals in meinem Leben Nachrichten gemacht. Bis auf eine Ausnahme: Prag 1968."

Koudelkas Fotos vom Prager Frühling

Koudelka war damals Theaterfotograf, als russische Panzer sich aufmachten, den Prager Frühling zu beenden: "Ich wurde von meiner Freundin um vier Uhr morgens geweckt, als die Russen kamen. Ich habe meine Kamera genommen und bin fotografieren gegangen. Ich habe nicht wie ein Reporter fotografiert, sondern als einer von denen, die auf der Straße waren."

Er ist nicht nur auf der Straße, sondern auch auf einem Dach, von dem er bald fliehen muss. Man hält ihn für einen Heckenschützen. Doch Koudelka schießt nur mit der Kamera. Aber die Treffer sitzen. Er fotografiert die verwirrten Soldaten, die mit jubelnden Pragern gerechnet hatten. Und seine Landsleute: wütend, verzweifelt, diskutierend. Koudelkas Bilder erscheinen erst ein Jahr später, er hat sie zu Magnum nach New York geschmuggelt. Inzwischen sind sie längst keine Nachricht mehr, inzwischen sind sie viel mehr.

Josef Koudelka: Tschechoslowakei, 1968
Josef Koudelka: Tschechoslowakei, 1968

Die Bilder gehen um die Welt – als Autor gilt fast 20 Jahre lang "ein unbekannter Prager Fotograf". Koudelka geht sicherheitshalber trotzdem ins Exil. Fortan zieht er mit seiner Kamera durch Europa, von einem Ort zum nächsten. Er erwacht mit der Sonne, isst, was er kriegt und schläft, wo es gerade passt. Inzwischen ist er Mitglied bei Magnum, aber Aufträge nimmt er nicht an. Er hat seinen eigenen:

Josef Koudelka in der Ausstellung
Josef Koudelka in der Ausstellung

"Als ich im Westen ankam, wollte ich kein Auto haben oder Besitz anhäufen wie die Leute hier. Auf der anderen Seite war ich wütend. Ich wurde sofort bei Magnum aufgenommen, aber ich dachte:

Diese Leute hier haben all diese Möglichkeiten, sie haben all das Geld, sprechen all diese Sprachen, aber sie machen nicht, was sie eigentlich machen sollten. Sie gehen nur fotografieren, wenn sie bezahlt werden dafür. Ich wollte das anders machen – bis heute."

"Wenn du an zu lange einem Ort bleibst, wirst du blind"

Immer wieder fotografiert er Roma, überall in Europa. Die Verlorenheit, aber auch die unbändige Lebensfreude sind sein Thema. Ein bisschen wird er selbst zum Gypsy: heimatlos durch die Welt ziehend, auf der Suche nach Bildern, teilweise drei Monate am Stück, in denen er unter freiem Himmel übernachtet – gerade da, wo er seinen Kopf hinlegt.

"Wenn du an zu lange einem Ort bleibst, wirst du blind. Oder zumindest ich würde blind werden. Man akzeptiert alles, als wäre es normal. Aber es ist nichts normal. Ich kam zu dem Schluss: Nach drei Monaten sehe ich nichts mehr. Ich glaube, in den fast 50 Jahren bin ich nie länger als drei Monate an einem Ort geblieben. Es ist sehr schön zu kommen – aber es ist viel schöner, wegzugehen."

"Was ich nicht habe, brauche ich auch nicht"

 40 Jahre, nachdem er selbst geflohen war, suchte er wieder eine Mauer auf. Seine Bilder, die das erste Mal seit 30 Jahren wieder in Deutschland in der großen Werkschau im Ausstellungshaus c/o zu sehen sind, machen das Abwesende sichtbar: die Freiheit.

"Das ist sehr wichtig: Was ich nicht habe, brauche ich auch nicht. Ich habe ja alles. Ich bin sehr glücklich und erfreue mich daran. Ich hätte gelitten, wenn ich nicht gemacht hätte, was ich eben gemacht habe. Ich habe immer getan, was ich wollte. So einfach ist das."

Autor: Dennis Wagner

Ausstellung | Ausstellungshaus für Fotografie C/O Berlin: Invasions / Exiles / Wall | Bis 10. September 2017

Begleitend zur Ausstellung:

Dokfilm | "Koudelka – Shooting Holy Land” (Regie: Gilad Baram, 2015) -
Derzeit in Berlin im Kino: ACUD Kino, Veteranenstraße 21 | 22. und 29. August, 2./5./12. September
IL Kino | Nansenstraße 22 | 27. August und 10. September | 20 Uhr

 

Stand: 23.08.2017 15:00 Uhr

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