SENDETERMIN So, 27.09.15 | 23:05 Uhr | Das Erste

Der Dokumentarfilm "Landraub"

Die Folgen des modernen Kolonialismus

Bauern ernten auf dem Feld in Äthiopien
Äthiopien: Kleinbauern bei der Ernte

Der Wettlauf um die besten Böden der Welt hat längst begonnen. Nach der Finanzkrise 2008 hat das globale Finanzkapital die Äcker der Welt als Geschäftsfeld entdeckt. Ob als Produktionsstandort für Export-Gemüse und Biotreibstoff oder als Spekulationsobjekt, Land ist begehrter denn je.

Staaten wie China und Indien, multinationale Energie- und Rohstoffkonzerne, Banken, Fonds und reiche Privatanleger investieren in Grund und Boden. Bevorzugt dort, wo er billig ist, die Eigentumsverhältnisse unübersichtlich sind, die Korruption blüht und zivilgesellschaftliche Strukturen fehlen: in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa. Und nicht selten machen die neuen Landlords ausgerechnet in jenen Ländern Jagd auf die Äcker, in denen die Bevölkerung hungert wie in Äthiopien, im Sudan oder in Kenia.

Der österreichische Regisseur Kurt Langbein hat gemeinsam mit dem Autor Christian Brüser zwei Jahre lang die Welt bereist, um Facetten und Folgen dieses modernen Raubzugs zu dokumentieren. Sie haben Investoren und Opfer besucht und zeigen, wie indigene Völker und einzelne Bauern in Europa, Afrika, Asien und Südamerika vertrieben werden, um Nahrung nicht für die Region, sondern für die Märkte der wohlhabenden Länder zu produzieren. Ihr Film "Landraub" kommt am 8. Oktober in die deutschen Kinos.

Goldrauschstimmung

Große Landwirtschaftsfahrzeuge auf einem Feld in Rumänien
Industriell betriebene Landwirtschaft in Rumänien

Boden lässt sich nicht vermehren. Das macht ihn als Ressource so wertvoll. Eine Fläche so groß wie Westeuropa, schätzungsweise rund 220 Millionen Hektar, hat seit Beginn des 21. Jahrhunderts den Besitzer gewechselt. Etwa 40 Prozent der weltweiten Ackerfläche stehen nach Schätzungen derzeit zum Verkauf. Land gilt als krisensichere Investition und wirft mit zweistelligen Renditen gigantischen Profit ab – nicht zuletzt, weil die Preise für Nahrungsmittel zuletzt nur eine Richtung kannten: nach oben.

Profit macht hungrig

In Kambodscha steht ein vom Landraub Betroffener auf den Trümmern seines zerstörten Hauses.
In Kambodscha steht ein vom Landraub Betroffener auf den Trümmern seines zerstörten Hauses.

Die Folgen sind dramatisch. Bauern müssen den Profitinteressen weichen. Hunderttausende verlieren jedes Jahr mit dem Acker ihre Lebensgrundlage und den Arbeitsplatz. Die Böden werden für GPS-gesteuerte Maschinen im großen Stil eingeebnet. Der Verbrauch an Wasser, Chemie und Energie ist gigantisch. Kritiker sehen in dieser Form der Landnahme einen neuen Kolonialismus. Gewinner sind die großen Konzerne, Verlierer Zehntausende von Kleinbauern und Ureinwohnern, die Jahr für Jahr von ihrem Land vertrieben werden.

Katastrophale Folgen für die Weltgemeinschaft

Auch die Weltgemeinschaft wird die Folgen spüren: angefangen vom drohenden Kollaps der Welternährung über die Beschleunigung des Klimawandels bis hin zur politischen Instabilität ganzer Regionen. Wenn wir den Landraub nicht verhindern, wird die Lebensgrundlage von uns allen zerstört.

Kurt Langbein und Christian Brüser zeigen aber auch unsere Verantwortung: Es sind EU-Programme, mit deren Hilfe unter anderem riesige Zuckerrohr- und Palmöl-Plantagen entstehen – angebaut für Lebensmittel, Biosprit und Kosmetikprodukte in Europa. Die europäische Energiepolitik heizt die Nachfrage nach Boden zusätzlich an und die Weltbank wirkt mit ihrer Kreditvergabe als Brandbeschleuniger. Nicht zuletzt aber ist es unsere Gier, die den Ausverkauf der Erde in Gang gesetzt hat.

Stand: 28.09.2015 08:42 Uhr