SENDETERMIN So, 27.09.15 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Frühstück mit der Drohne"

Atef Abu Saifs literarisches Tagebuch des Gaza-Krieges

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Atef Abu Saifs literarisches Tagebuch des Gaza-Krieges | Video verfügbar bis 27.09.2016

Zerbombte Häuser, riesige Trümmerberge, Schutt und Ruinen: der Schrecken und das Ausmaß der Zerstörung im Gazastreifen sind unvorstellbar. Rund eine halbe Million Menschen mussten alleine im vergangenen Sommer aus ihren Häusern fliehen, als Anfang Juli ein 50 Tage langer Kampf zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas aufflammte. 2000 Opfer, darunter 551 Kinder, forderte der dritte Krieg innerhalb von sechs Jahren.

Schreiben um zu Überleben

Persönliche Schicksale, die in den Nachrichten zu bloßen Zahlen und Schlagzeilen wie dieser werden: 50 Menschen in Gaza getötet. "Doch dahinter stehen 50 Geschichten, 50 Leben, 50 Romane und Tausende von vergessenen Minuten, über die niemand spricht", sagt der palästinensische Journalist und Schriftsteller Atef Abu Saif. Er selbst wollte weder eine Nummer noch eine Schlagzeile sein und fing an zu schreiben. "Ich schrieb, um mich selbst zu vergewissern, dass ich noch lebe", erzählt er im Gespräch mit ttt.

In seinem Buch "Frühstück mit der Drohne" schildert der 1973 in einem Flüchtlingslager in Jabalia im Gazastreifen geboren Autor jene Kriegstage im Sommer 2014. Saif schreibt im Stil eines Tagebuchs und hält in 51 Einträgen das Geschehen aus Sicht eines Überlebenden fest. Dabei geht es ihm weniger um Schuldzuweisungen als um die alltägliche und menschliche Seite. Seine Geschichten erzählen davon, wer wie lange duscht, wann es wieder Strom gibt, wie er seinen Kindern zu erklären versucht, warum sie nicht mehr auf die Straße dürfen, und auch wie Drohnen gegen den Tinnitus seiner Frau helfen.

Leben mit dem Konflikt

Ein palästinensisches Mädchen spielt in einem Flüchtlingslager in Gaza City
Ein palästinensisches Mädchen in einem Flüchtlingslager in Gaza City, Sommer 2014

Er schreibt von sich und seiner Familie, von anderen Menschen, von Tragödien und Hilfsbereitschaft, von Dingen und Gebäuden, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, und natürlichen von den Drohnen und F16-Kampjets, die allgegenwärtig sind: "Der Explosionslärm ist zum normalsten Geräusch der Welt geworden, das blendende Licht, das kurz vor einem Drohnenangriff abgegeben wird – normal. Das konstante Summen der Drohnen – normal. Das Geräusch eines Rettungswagens, der mit quietschenden Reifen eine Kurve nimmt oder nur schlitternd zum Halten kommt – normal. Die Schreie der Mütter, die Rufe der Rettungskräfte – alles völlig normal."

Keine Spur von Wiederaufbau

Normalität helfe zu überleben, sagt der Familienvater, der mit Frau und fünf Kindern im Gazastreifen lebt. Doch mehr als ein Jahr nach der Militäroffensive ist dort nichts normal. Immer wieder kommt es zu Luft- und Raketenangriffen. Der Großteil der Häuser ist noch zerstört und Strom und Wasser sind weiter Mangelware. Die Wirtschaft liegt wegen der von Israel und Ägypten 2007 verhängten Blockade am Boden, die meisten Palästinenser sind arbeitslos und der Wiederaufbau lässt auf sich warten. Ohne Veränderung könnte der Gazastreifen laut eines UN-Berichts in fünf Jahren schon unbewohnbar sein.

"Hoffnung ist die einzige Waffe"

Düstere Aussichten also, dass sich in naher Zukunft etwas ändert. Atef Abu Saif will seine Heimat nicht verlassen und vor allem die Hoffnung nicht aufgeben. In seinem Buch schreibt er dazu: "Sie ist das Einzige, das dir keiner nehmen kann. Das Einzige, das eine F16, eine Drohne, ein Panzer oder ein Kriegsschiff nicht erreichen kann. (...) Hoffnung ist deine einzige Waffe. Sie funktioniert immer, lässt dich nicht im Stich. Niemals. Und auch dieses Mal nicht. Hoffentlich."

Buchtipp

Atef Abu Saif: Frühstück mit der Drohne.
Tagebuch aus Gaza.
Unionsverlag 2915, Preis: 19,95 Euro

Stand: 28.09.2015 08:42 Uhr