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Trumps Milliardäre auf dem Siegeszug?

Unterwegs in New York mit Niklas Maak

PlayBlick auf die Freiheitsstatue und Manhattan
Unterwegs in New York mit Niklas Maak | Video verfügbar bis 05.03.2018

Ein Stimmungsbericht aus New York. "ttt" trifft den Schriftsteller und Journalisten Niklas Maak vor den Trump Towers, an der Wall-Street und in der New Yorker Kunstszene. Maak beobachtet die aktuellen Entwicklungen in den USA, in denen die Demokratie gerade von einer gewählten Regierung abgeschafft werden soll. Darüber schreibt er in Zeitungsartikeln und Büchern, er lehrte in Harvard und kennt die Kunst- und Kulturszene hier wie kein anderer. Was fällt ihm auf? "Eine Veränderung der Lebensgewohnheiten", sagt er, "dass man, wenn man aufsteht, sofort das Handy schnappt und schaut: Trump, was hat er gemacht?"

Er hat ihre Aufmerksamkeit. Auch in New York, wo fast 80 Prozent gar nicht für Trump gestimmt haben. Die New Yorker haben massenhaft protestiert, Millionen für Bürgerrechtler gespendet. Und jetzt? Sind sie weiter geschockt und resigniert oder stehen sie am Anfang einer großen Bewegung für die Demokratie?

"Das ist, glaube ich, die große Hoffnung für viele auch Künstler", so Maak. "Dass es so eine ähnliche Bewegung gibt, wie in Zeiten des Vietnamkrieges. Dass es ein massenhaftes Aufbegehren gegen die Politik der Regierung in Washington geben könnte."

"Seit der Wahl Trumps und seiner Amtseinführung gab es hier im Washington Square Park jeden Samstag Demonstrationen", berichtet die Künstlerin und Schriftstellerin Leanne Shapton.

Aufbegehren gegen Trump

Niklas Maak spricht mit vielen Schriftstellern und Künstlern. Der Protest ist vielfältig – Zettel- Kampf in der U-Bahn-Station am Union Square und immer wieder Demonstrationen. "Selbst mein Körper ist ein Protestmittel", sagt die Schristellerin Heidi Julavits, "und ich will, dass man ihn in der Menge sieht und dass die Menge dadurch größer wirkt. Und die wird fotografiert und das Foto geht um die Welt."

Das MOMA – als Antwort auf das Einreiseverbot mussten hier Picasso & Co. Platz machen für iranische Künstler. Das Aufbegehren gegen Trump zieht sich wie ein thematischer Faden durch die Ateliers in Manhattan.

Milliardäre auf Siegeszug

"Es ist ohnehin erstaunlich", sagt Maak, "dass ein Land jemanden wählt, der als Immobilienunternehmer und Pleitier auch im Auge dieses Orkans war, der das ganze Land verwüstet hat. Ausgerechnet ein Immobilienunternehmer der fragwürdigen Art wird Präsident mit dem Versprechen, er wird das von einer Immobilienkrise zerstörte Land wieder aufbauen. Das ist eine bizarre Konstellation." 

Gerade hat Trump den Präsidenten der Investmentbank Goldman-Sachs, Gary Cohn, zu seinem Ersten Wirtschaftsberater gemacht, die Wall Street soll erneut dereguliert werden. Milliardäre auf Siegeszug. Niklas Maak hat über einen der größten Spekulanten geschrieben, in seinem Buch: "Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner". Hier erfahren wir, was damals passierte, als die Finanzmärkte freie Fahrt hatten.

Die "seltsamen Häuser" auf Long Island

Niklas Maak
Niklas Maak

Der Autor bringt uns zum Haus des Spekulanten, auf Long Island – dem Sonnendeck des New Yorker Geldadels. "Es klingt wie ein Märchen", so Maak, "es klingt wie eine Erfindung die ganze Geschichte. Es klingt wie eine Geschichte, die anfängt als 'Great Gatsby' und aufhört als 'Catch me if you can'. Aber das Verrückte daran ist, es ist ja keine Erfindung, es ist kein Märchen, es ist die Realität der Finanzwelt gewesen.

Finanzbetrüger Marc Dreier befeuerte den Kunstmarkt mit vielen Millionen und gab dem Kultur-Jetset das Gefühl, etwas wert zu sein, bestätigt auf seinen legendären Hauspartys. "Ich glaube", sagt Maak, "dass diese seltsamen Häuser, die misslungenen Häuser und die monströsen Häuser und die eigenartigen oder auch die eigenartig schönen Häuser oft mehr über unsere Zeit erzählen, über die Träume und Traumata einer Generation und einer Epoche als die gelungene Architektur."

Finanzwelt trifft Kunstmarkt

Marc Dreiers Haus am Meer spricht Bände über die Zeit des derivativen Kapitalismus vor dem Finanzcrash 2008 – eines seiner seltsamsten Häuser. Vertreter zweier hochspekulativer Systeme – Finanzwelt und Kunstmarkt – feierten hier rauschende Partys und hielten sich gegenseitig für die echte Welt.

"Es gibt viele seltsame große Häuser, aber das ist ein speziell seltsames großes Haus, weil es sieht aus, als ob ein 3D-Drucker immer wieder das gleiche Haus aneinander gedruckt hat und nicht mehr aufhören konnte", so Maak. "Es sieht manisch aus. Es ist immer wieder das gleiche Haus und deswegen glaube ich, ist es rückblickend fast so etwas wie ein Symbol für einen Kapitalismus, der immer wieder das gleiche Versprechen produziert."

Um ihren Erfolg zu dokumentieren, brauchte die Finanzwelt anerkannte Symbole und kaufte deshalb Kunst. "Wenn jemand sehr viel Geld hat und er hat das Haus am Strand und er hat drei Sportwagen und noch eine Yacht und ein paar Wohnungen über die ganze Welt verteilt… Dann ist die Frage, was machst du dann", sagt Maak. "Es gibt dann welche, die kaufen sich einen Polo-Verein. Dann haben sie mit Pferde-Koliken zu tun und mit Jockeys und mit matschigen Rennbahnen. Aber, wenn man das in die Kunstwelt investiert, dann ist man immer auf Partys eingeladen, dann sitzt man neben Brad Pitt und neben Claudia Schiffer beim Galeristen-Dinner. Dann sagen alle, und das ist unser großer Freund soundso, der diese Ausstellung möglich gemacht hat, und man fliegt in Privatjets nach Miami und nach Venedig und da ist etwas los. Und es ist nicht nur oberflächliches Vergnügen, die Leute finden auch so etwas wie Sinnstiftung im Kunst sammeln."

"Ikonisierung von Trump"

Und welche tiefere Einsicht in die Geschichte vermittelt nun dieses seltsame Haus? "Die Dreier-Geschichte ist auch eine Geschichte, wie sich Fakten und nachprüfbare Werte auflösen in Fiktionen und Behauptungen und in einer großen zynischen Spielerei", sagt Maak. "Das ist etwas, was uns jetzt natürlich sehr bekannt vorkommt, weil es offensichtlich wiederkommt."

Alles zurück auf los! Sollte der Finanzmarkt weiter dereguliert werden – die nächsten Marc Dreiers und Berni Madoffs stehen schon am Start. Diffamierende Kunst in Pappmaché und Öl wird da wenig helfen.

"Das ist ja wirklich so" , sagt Maak, "dass man Trump inzwischen so wie Superman oder Batman an den vier Strichen erkennen kann und man trägt als Künstler, teilweise auch ohne es zu wollen, zur Ikonisierung von Trump bei."

"Von Trumps Attacken profitiert"

Was fehle, sei der Diskurs, sagt Maak, was helfe, sei Aufklärung. Journalisten und Künstler müssten es schaffen, alle zu erreichen, nicht nur sich selbst. Er trifft einen bekannten Kritiker der New York Times, die im Moment – von Trump dauerattackiert – viel in den seriösen Journalismus investiert.

"Die New York Times hat, ehrlich gesagt, sehr von Trumps Attacken profitiert", sagt Michael Kimmelman, Redakteur der New York Times, "weil die Leute wissen wollen, wohin sie sich in solchen Zeiten wenden könne, wer ihnen erzählt, was gerade läuft und sie mit der Wahrheit versorgt."

Es wird noch lange dauern und viele Anstrengungen kosten. Aber in der Stadt, die für die Freiheit steht, wollen sie nicht zulassen, dass eine demokratisch gewählte Regierung die Demokratie abschafft. Es geht wirklich um die Wahrheit, sagt Niklas Maak, New York kämpfe gegen "Trumpistan".

Bericht: Sven Waskönig

Niklas Maak "Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner"
256 Seiten, € 20,00
Hanser Verlag 2016
ISBN 978-3446252899

Stand: 06.03.2017 14:00 Uhr

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