SENDETERMIN So, 31.05.15 | 23:05 Uhr

Von Tätern und Opfern

Ein Dokumentarfilm hinterfragt Sühne und Schuld

Beyond Punishment
Begegnung zwischen Tätern und Opfern

Kann es Vergebung geben nach schweren Verbrechen? Oder verlangt Schuld notwendig nach Sühne? Welche Möglichkeiten der Annäherung gibt es jenseits des staatlichen Strafsystems? Mit diesen für unser menschliches Miteinander existenziellen Fragen beschäftigt sich Hubertus Siegert in seiner Dokumentation "Beyond Punishment" – bewegend, anschaulich, aufrüttelnd. Der Film, der mit dem Max-Ophüls-Preis 2015 ausgezeichnet wurde, kommt am 11. Juni in die deutschen Kinos. Zwei Tage zuvor wird er in einer Reihe von Justizvollzugsanstalten vor Inhaftierten aufgeführt. ttt über ein außergewöhnliches Projekt.

Was ist Strafe?

Der Berliner Filmproduzent und Regisseur Hubertus Siegert hat schon mit einer Reihe von Filmen für Aufsehen gesorgt: "Berlin Babylon" (2001) erzählte vom babylonischen Baurausch nach dem Fall der Mauer. "Klassenleben" (2004) porträtierte das gemeinsame Lernen von hochbegabten und behinderten Kindern in einer Berliner fünften Klasse.

Ausgangspunkt für "Beyond Punishment" waren seine sehr persönlichen Überlegungen zum Thema Strafe. Welches Menschenbild steht hinter der Idee der Bestrafung? Welche Funktion erfüllt sie? Kann es eine Gesellschaft ohne Strafe geben?

"Mich beschäftigt der Umgang mit der emotionalen Seite, mit jenem tief sitzenden Schmerz und Hass, mit all dem Leid, das ich unter der Oberfläche spüre und beobachte, wenn ich ein Gefängnis besuche oder ein Strafurteil lese, wenn ich den Versuch unternehme, mit den Delinquenten oder mit der Seite der Beschädigten und Verletzten in Kontakt zu kommen", sagt der Regisseur. "In 'Beyond Punishment' interessieren mich all jene Gefühle und Bedürfnisse, die im modernen Justizapparat und Strafvollzug keinen ausreichenden Raum haben."

 Reise durch drei Länder

Bei seinen Recherchen stieß Hubertus Siegert auf das Konzept von "Restorative Justice", einer Bewegung, die nach Alternativen für Bestrafung sucht, indem sie Modelle der Auseinandersetzung von Tätern und Opfern bis hin zur Wiedergutmachung entwickelt.

Am Beispiel dreier Gewaltverbrechen in den USA, Norwegen und Deutschland erzählt er nicht nur von individuellen Schicksalen, sondern er beleuchtet auch die Rechtssysteme in unterschiedlichen Ländern, die Anwendbarkeit von "Restorative Justice" und weitere Möglichkeiten der Konfliktlösung.

USA

Der Film beginnt in einem Gefängnis im US-Bundesstaat Wisconsin. Dort organisiert Janine Geske, ehemalige Richterin am Obersten Gerichtshof von Wisconsin, Begegnungen zwischen verurteilten Mördern und Angehörigen von Mordopfern. Sie sind der Abschluss eines regelmäßig stattfindenden Programms, das Inhaftierte bei der Resozialisierung unterstützt. Es gründet auf der Erfahrung, dass ein solcher Austausch den Prozess der Reue und der Trauer fördert. Wichtig ist, dass die Angehörigen der Opfer nicht dem eigentlichen Täter, sondern einem anderen gegenübersitzen. Sie erhoffen sich, nach dem Gespräch besser mit ihrem Schmerz umgehen zu können.

In Wisconsin lernte Hubertus Siegert Lisa und Leola kennen. Sie sind in der New Yorker Bronx zu Hause und wohnen unweit des Supermarkts, wo ihr damals 16-jähriger Bruder und Sohn erschossen wurde. Seit inzwischen elf Jahren warten sie darauf, dass der zu 40 Jahren Gefängnis verurteilte Sean sich zu seiner Tat bekennt.

Ausgehend von Lisa und Leola spannt der Film einen Bogen von den USA über Norwegen bis nach Deutschland.

"Es war schon eine große Herausforderung, überhaupt Menschen zu finden, die bereit waren, sich auf so eine Auseinandersetzung mit 'ihrer' anderen Seite einzulassen", sagt Hubertus Siegert. "Und eine noch größere Herausforderung, diese zu überzeugen, sich dabei filmen zu lassen. Damit betritt der Film wirklich Neuland und die Protagonisten haben großen Mut aufgebracht."

Norwegen

Eine Jugendliebe in Norwegen endet in einem Mord, als Stiva seine 16-jährige Freundin Ingrid-Elisabeth aus Eifersucht tötet. Nach sechs Jahren Gefängnis kehrt Stiva zurück in den kleinen Ort, in dem Ingrid-Elisabeths Vater Erik immer noch zu Hause ist. Für ihn ist es schwer erträglich, dass Stiva bereits nach wenigen Jahren das erste Mal auf Hafturlaub in seine Heimatstadt zurückkehren darf. Als Erik und Stiva sich im Film indirekt über Videoaufnahmen begegnen, beginnt eine vorsichtige Annäherung.

Deutschland

Patrick lebt in Deutschland. Sein Vater Gerold von Braunmühl, ein hoher Beamter im Außenministerium, wurde 1986 von der linksmilitanten Rote Armee Fraktion (RAF) getötet. Es gibt zwar ein Bekennerschreiben, doch die Täter sind bis heute unbekannt. Patrick hat aber die Möglichkeit, im Film Manfred Grashof gegenüberzutreten, einem Gründungsmitglied der RAF, der einen Polizisten getötet hat.

"Freiheit ist das, was du aus dem machst, was dir angetan wurde"

Hubertus Siegert hat seine Protagonisten über mehrere Jahre begleitet. Der Film dokumentiert ihre Versuche, Vergebung zu finden und zu gewähren. Er stellt unsere Vorstellung von Schuld und Strafe in Frage, und er macht deutlich, dass es gar nicht um Versöhnung geht, sondern um den Dialog und die daraus resultierende Möglichkeit, den gewaltsamen Verlust zu verarbeiten.

"Je stärker das Strafbedürfnis, desto mehr Gewalt ist unbewältigt und desto gewalttätiger ist eine Gesellschaft. Wir betrachten das Verbrechen selten so, wie es tatsächlich erlitten wird: als eine tiefe Verletzung von realen Menschen durch reale Menschen."

Stand: 01.06.2015 13:35 Uhr

Sendetermin

So, 31.05.15 | 23:05 Uhr