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Wurm trifft Spitzweg

Ein Wiener Gipfeltreffen kritischer Kunst-Giganten

Wurm trifft Spitzweg  | Video verfügbar bis 02.04.2022

Eigenartige Sonderlinge agieren im Spießbürgeridyll – das sind die Figuren in Carl Spitzwegs Bildern und Zeichnungen. Spitzwegs Werke gelten als Ikonen des Biedermeier und sind für viele Betrachter der Inbegriff unpolitischer Beschaulichkeit. 130 Jahre nach seinem Tod präsentiert jetzt das Wiener Leopold-Museum die erste umfassende Ausstellung des deutschen Malers – und fordert dazu auf, ihn neu zu entdecken. Wenig bekannt ist, dass Carl Spitzweg die vermeintlich heile Welt der Restaurationszeit mit bissiger Ironie kritisierte.

Eine Gemeinsamkeit, die er mit einem anderen, gut 140 Jahre später geborenen Künstler teilt: mit dem österreichischen Bildhauer Erwin Wurm, der bekannt dafür ist, dass er "Humor als Waffe" einsetzt. Wurm wurde weltberühmt mit seinen skurrilen Skulpturen, die immer auch als Kommentar auf die bestehenden politischen Verhältnisse zu lesen sind. Komik als Form der Ideologiekritik – das teilen Erwin Wurm und Carl Spitzweg.

Neugier auf ein Gipfeltreffen

Und so herrscht Gedränge in Wien, wegen Erwin Wurm, derzeit prominentester Künstler Österreichs, Bildhauer. Wien liegt ihm zu Füßen, sobald eine seiner Ausstellungen eröffnet wird. Seine Kunst hat Witz. Und Biss. Doch heute muss er sich den Glanz teilen, mit einem fast 150 Jahre älteren Künstler-Kollegen: Carl Spitzweg. Sie wissen schon: der Maler des "Armen Poeten".

"Ich wollte die Ausstellung zuerst nicht machen, weil ich mir gedacht habe: Spitzweg, das ist ein Biedermeier-Maler", gesteht Wurm. "Mit seinen jammernden Bildern – der 'Arme Poet' und so. Ich habe das falsch eingeschätzt."

Carl Spitzweg, geboren 1808, ein Münchner Apotheker, der zum Künstler umsattelt. Es ist die Zeit der Restauration: die Energie der Französischen Revolution, der Romantik – wie weggefegt. Es herrscht Desillusion. Doch Spitzweg beobachtet scharf – und schafft trügerische Heimeligkeit. Vordergründig: alles putzig. Doch bei genauem Hinsehen: Soziale Überwachung. Ein bedrohliches Spießbügeridyll.

Peinlichkeit, Lächerlichkeit, Klaustrophobie

Es fehlt die Luft zum Atmen, so wie auch in einer begehbaren Skulptur von Erwin Wurm: In seinem "Narrow House" herrscht klaustrophobische Enge. Es ist eine gequetschte Version seines eigenen Elternhauses.

"Es hat mit der Enge einer gewissen Gesellschaftsform zu tun", so Wurm. "Das Österreich der 1950/60er Jahre, das ja noch ein postfaschistisches Land war. Dann hat es mich immer auch interessiert: Ist es möglich, dass man aus Gefühlen wie Peinlichkeit, Lächerlichkeit, Klaustrophobie Skulpturen macht?"

Es ist möglich. Das zeigen Wurms Arbeiten: verfettete Autos – die unseren Statuswahn entblößen. Absurde Pulli-Skulpuren. Und seine berühmten "One Minute-Sculptures", in denen Ausstellungsbesucher sich in surreale Posen begeben. Peinlichkeit als Weg zur Selbsterkenntnis!

"Man versucht oft den Humor aus meiner Arbeit herauszulesen und glaubt, das sei das Wesentliche", sagt der Künstler. "Ist es aber wirklich nicht, sondern das Paradoxe interessiert mich am allermeisten!"

Das Essig-Gurkerl und der Kaktus

Paradox: Die Widersprüche des Männlichen hat er in der Installation auf den Punkt gebracht, die er "Selbstporträt als Essig-Gurkerl" nennt. Phallisch. Selbstironisch. Von der Wurmschen Gurke ist es nicht weit bis zu Spitzwegs Kaktus. Spitzweg malte immer wieder schrullige Gelehrte, die in Verzückung geraten: wegen eines Kaktus!

"Da kann man wirklich sagen: Das ist der geile Kaktus", so Wurm. "Wie der sich dem Herrn, der ihn betrachtet, entgegenreckt. Und plötzlich erblüht er auch noch! Das ist ja fast wie ein Samenerguss. Wirklich schräg."

Zwei große Spötter

Sublimieren, unterdrücken, das ist nicht immer Wurms Sache. Doch er teilt mit Spitzweg den politischen Blick auf seine Zeit: Justitia, erblindet. Oder Beamte, die sich langweilen. Und Fliegen fangen. Der Maler verhöhnt den Metternich’schen Überwachungsstaat. Für Wurm besonders grotesk: der Soldat, der einen Pulli strickt!

Spitzweg – in dieser Ausstellung unerwartet politisch. Direkt daneben: Wurm, bekannt für seine zeitkritischen Statements. Zum Beispiel eine monstergroße Polizeimütze, natürlich aus den USA: "Das trifft sich ja sogar ganz gut mit dieser'"Neuaufstellung'", so Wurm. 'Make America great again'. Das passt ganz gut."

Erwin trifft Carl: Zwei große Spötter. Ein geniales Gipfeltreffen.

Autorin: Brigitte Kleine

"Carl Spitzweg – Erwin Wurm"
Leopold Museum Wien
25.03.- 19.06.2017

Stand: 21.04.2017 15:44 Uhr

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