SENDETERMIN So, 26.03.17 | 23:20 Uhr | Das Erste

"Der magnetische Norden"

Die Autobiografie des Literaten Tomas Venclova

Litauen - eine Biografie | Video verfügbar bis 27.03.2018

Er sei "ein Dichter in Stalins Winter" hat Tomas Venclova einmal gesagt. Er ist ausgereist aus Stalins Winterreich. Aber zugleich leidet er bis heute unter den unerträglichen Sommern in seiner Wahlheimat Connecticut. Tomas Venclovas Leben ist ein fortwährender Aufenthalt in der Fremde.

Besucher in der eigenen Heimat

Wir treffen ihn kurz vor seinem Auftritt auf der Leipziger Buchmesse in Litauens Hauptstadt Vilnius. "Der magnetische Norden" heißen seine Lebenserinnerungen. Er hätte nach 1990 zurückkehren können in die alte Heimat, aber er hat sich entschieden, Besucher zu sein: "Ich finde es ziemlich nützlich, als Schriftsteller in einigem Abstand von der Heimat zu leben. Dein Schreibtisch sollte möglichst weit weg stehen vom Vaterland."

Litauen – Jahrzehntelang ein Land in Unfreiheit

Der Autor Tomas Venclova.
Der Autor Tomas Venclova unterwegs in Vilnius.

Geboren wurde Venclova am 11. Sepember 1937 in Klaipeda, dem damaligen Memel. Nur einen kurzen geschichtlichen Moment lang hat er in einem unabhängigen Litauen gelebt. Ab 1940 begannen Deutschland und die Sowjetunion, das kleine Land förmlich zu zermalmen.

Zunächst fiel Litauen 1940 durch den Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion. Ein Jahr später, 1941, kam die Wehrmacht. Venclovas Vater, ein hoher litauischer KP-Funktionär, floh nach Moskau, die Mutter wurde von litauischen Nazi-Kollaborateuren verhaftet. Der vierjährige Tomas war auf einmal ohne Eltern und wurde zu Verwandten gegeben. Im Buch beschreibt er seine früheste Kindheitserinnerung: Wie er als Vierjähriger beim Spielen plötzlich von einem namenlosen Verlassenheitsgefühl befallen wurde:

"Ja, das war zweifelsohne ein existenzieller Moment; dieses Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit. In solch einer Situation spürt ein Mensch – auch wenn er noch sehr jung ist – in aller Unschuldigkeit, dass etwas Entscheidendes passiert, dass er seinem Schicksal gegenübersteht."

Nach sechs Wochen wurde seine Mutter aus dem Gefängnis entlassen. Aber dieses Erlebnis grundierte für immer den Ton in Venclovas Lyrik: Entfremdung, Abseitsstehen. Das machte seine Gedichte später in der Sowjetunion verdächtig.

Roter Terror vs. Holocaust? – Kritik am litauischen Geschichtsverständnis

Litauen erlebte ab 1940 die furchtbarste Zeit seiner Geschichte. Zuerst deportierten die sowjetischen Machthaber über 300.000 Litauer nach Sibirien. Nur wenige überlebten. Dann vernichteten die Nazis zusammen mit litauischen Kollaborateuren in kurzer Zeit fast 90 Prozent der litauischen Juden. Das offizielle Litauen bezeichnet die Deportationen durch Stalin heute als Genozid – und setzt sie damit dem Holocaust gleich. Gegen dieses Geschichtsbild wendet sich Venclova:

"Beide Verbrechen sind Verbrechen – ohne Zweifel! Aber: Die Nazis töteten die Juden, weil sie Juden waren. Der sowjetische Terror gegen die Litauer aber war etwas anderes als Hitlers Holocaust. Deportiert wurden bestimmte Schichten der Bevölkerung: reiche, patriotische, gebildete. Aber eben nicht die Litauer als Volk."

Venclova hat das schiefe litauische Geschichtsverständnis öffentlich kritisiert – und stand damit ziemlich allein. Aber im Dissens mit dem eigenen Land zu leben, das hat er 20 Jahre lang in der Sowjetunion eingeübt.

Vater und Sohn – Funktionär und Dissident

Das Elternhaus ist heute ein Museum.
Das Elternhaus ist heute ein Museum.

Venclova besucht mit uns sein Elternhaus in Vilnius, das heute ein kleines Museum ist. Hier hat er bis kurz vor seiner Emigration in die USA gelebt. Der Vater – ein berühmter litauischer kommunistischer Dichter, Parteifunktionär und Bildungsminister. Der Sohn fällt nach der blutigen Niederschlagung des Ungarnaufstandes vom Glauben ab und wird zum Dissidenten. Wie kamen sie zurecht miteinander?

"Wir beide, mein Vater und ich, verstanden, dass wir unterschiedliche Sichten auf die Dinge haben, dass wir sozusagen verschiedenen Parteien angehörten. Aber wir haben es geschafft, dennoch ein korrektes und liebevolles Vater-Sohn-Verhältnis zu behalten – auch während der Sowjetzeit, was natürlich nicht einfach war."

Ausgebürgert

Der Autor Tomas Venclova im Elternhaus in Vilnius.
Ein Jahrhundertzeuge, der vor Nationalismus warnt.

1977 wurde Venclova während einer USA-Reise ausgebürgert. Er arbeitete fortan als Professor für russische Literatur in Yale. 1990 errang Litauen dann endlich seine Unabhängigkeit. Venclovas Leben, die Brüche darin, seine Entwurzlung – all diese Erfahrungen stehen für das Schicksal seines Landes. Tomas Venclova sieht heute Europa als seine Heimat – ganz sicher, weil er Krieg und Vernichtung im Europa des 20. Jahrhunderts erleben musste und heute den wieder aufkommenden Nationalismus mit Sorge betrachtet.

"Wenn die Europäische Union auseinanderbrechen würde, was entsetzlich wäre, und in Europa würde der Nationalismus wieder sein Haupt erheben, das wäre so gefährlich wie vor dem Zweiten Weltkrieg – für Litauen wäre die Gefahr tödlich."

Autor: Ulf Kalkreuth

Buchtipp
Tomas Venclova: "Der magnetische Norden. Gespräche mit Ellen Hinsey. Erinnerungen"
Suhrkamp Verlag 2017, 651 Seiten, Preis: 36,00 Euro

Stand: 27.03.2017 12:31 Uhr

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