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Wie Hamburg seit 170 Jahren sein Abwasser entsorgt

PlayIn der Kanalisation
Wie Hamburg seit 170 Jahren sein Abwasser entsorgt | Bild: BR

Hamburg hat das älteste Abwasserkanalsystem Kontinentaleuropas. Und auch heute noch fließen die Abwässer von mehr als zwei Millionen Menschen zum Teil durch Leitungen, die vor mehr als 170 Jahren gebaut wurden – für damals gerade mal 250.000 Einwohner. Eine gewaltige Herausforderung für die Ingenieure der heutigen Wasserbetriebe.

Warum ein Feuer die Abwasserentsorgung verbesserte

Arbeiter beim Bau des Geest-Stammsiels
Bau des Geest-Stammsiels. | Bild: NDR

Die Geschichte des Hamburger Abwassernetzes beginnt mit einem Feuer: dem Großen Brand von 1842. Diese historische Brandkatastrophe zerstörte fast ein Drittel der Stadt. Einer der Gründe für das Ausmaß: Es gab zu wenig Löschwasserleitungen, sodass die Feuerwehren dem Unglück oft nur hilflos zuschauen konnten.

Damit sich so etwas möglichst nicht wiederholte, beschlossen die Stadtväter den Bau eines umfangreichen Wasserver- und –entsorgungssystems und beauftragten den englischen Ingenieur William Lindley mit der Planung und Durchführung. Noch im selben Jahr entstanden die ersten Siele, wie die Abwasserkanäle in Hamburg genannt werden - komplett gemauert aus Ziegelsteinen. Rund 1.000 Kilometer Siele wurden in den folgenden Jahrzehnten angelegt, von denen viele heute noch in Betrieb sind.

Mehr Einwohner, mehr "Schiet"

Stammsiel
Stammsiele sind die "Abwasser-Autobahnen" der Stadt. | Bild: NDR

Doch Hamburg wuchs im Laufe der vergangenen anderthalb Jahrhunderte gewaltig, sowohl was die Zahl der Bewohner als auch das Ausmaß der bebauten Flächen angeht. Mehr als 5.500 Kilometer Siele ziehen sich mittlerweile durch den Boden unterhalb der Stadt, aber letztendlich muss das hier gesammelte Abwasser auf den letzten Kilometern zum Klärwerk immer noch durch die alten Stammsiele, gewaltige Abwasser-Autobahnen“ mit Durchmessern von bis zu 4,70 Meter.

Die Folge: Es war lange Zeit nicht möglich, diese Siele von Grund auf zu sanieren. Für gelegentliche Inspektionen und notwendige Reparaturen konnten allenfalls kurze Abschnitte trockengelegt werden. Erst durch ein zweites, tiefer gelegenes Entlastungsabwassernetz wurde es in den letzten Jahren ermöglicht, den alten Stammsielen gründlich auf den Zahn zu fühlen.

Das Netz unter dem Netz

Moderner Sielneubau
Moderne Sielneubauten entlasten die alten Abwasserkanäle | Bild: NDR

Wie viele andere alte Kanalisationssysteme ist das in Hamburg zum großen Teil eine sogenannte Mischwasserkanalisation: Abwässer aus Haushalten und Industrie landen im selben Siel wie Regenwasser. Bei heftigen Regenfällen kamen die alten Siele immer wieder mal an die Grenzen dessen, was sie zu schlucken im Stande sind. In solchen Fällen wurde das Abwasser-Regen-Gemisch dann ungereinigt direkt in die umliegenden Flüsse und Kanäle gespült.

Damit das möglichst selten passiert, baute man in Hamburg ab den 1980er-Jahren neue, zusätzliche Leitungen, die etwas seitlich und unterhalb der alten bestehenden Siele liegen. Kommt es nun zu einer Überlastung der Stammsiele, können die Abwassermassen statt in die Umwelt, in das neue Entlastungsnetz abgelassen werden. Die Bauarbeiten an diesem zusätzlichen Abwassernetz laufen auch heute noch. Die Hamburger bekommen aber kaum etwas davon mit, weil die Sielbauer - anders als im 19. Jahrhundert - nicht die Straßen aufreißen, sondern sich in circa 25 Metern Tiefe unter der Stadt durchbuddeln.

Reparieren und erhalten

Im Geest-Stammsiel werden Bohrkerne genommen.
Im Geest-Stammsiel werden Bohrkerne genommen. | Bild: NDR

Willkommener Nebeneffekt des Entlastungsnetzes: Endlich ist es möglich, die alten Siele auf längeren Strecken trocken zu legen, zu untersuchen und zu renovieren. Die Abwässer werden in der Zeit dann über die neuen Siele umgeleitet. Die trocken gelegten Rohre werden nicht nur oberflächlich optisch, sondern auch chemisch-physikalisch untersucht. Dazu werden zunächst Bohrkerne aus dem vierschaligen Mauerwerk entnommen, anhand derer dann im Labor die Festigkeit der Klinker und des verwendeten Mörtels überprüft werden kann. Aufgrund der Ergebnisse wird dann entschieden, ob das Siel in seinem aktuellen Zustand noch zehn bis zwanzig Jahre weiterbetrieben werden kann oder ob baldmöglichst eine Sanierung durchgeführt werden muss. Rund 100 Mitarbeiter von „Hamburg Wasser“ beschäftigen sich ausschließlich mit dem Erhalt der Altsiele.

Aus alt mach neu

Kunststoffrohre werden in die alten Siele geschoben
Kunststoffröhren, die auf den Querschnitt der alten Leitungen angepasst sind, werden von innen in die Siele geschoben. | Bild: NDR

Das wahrscheinlichste Problem, was bei den alten Abwasserleitungen auftreten kann, ist, dass der Klinker an einer oder mehreren Stellen brüchig wird, und das Abwasser dort im Grund versickert. Weniger problematisch ist die Statik: Die alten, gemauerten Rohrleitungen tragen selbst dann problemlos den Druck der Erdmassen über ihnen. Die wirtschaftlichste und vernünftigste Sanierungsmöglichkeit ist deshalb in vielen Fällen ein sogenanntes Rohrlining.

Kunststoffröhren, die auf den Querschnitt der alten Leitungen angepasst sind, werden von innen in die Siele geschoben. Dazu wird glasfaserverstärkter Kunststoff eingesetzt, wie man ihn auch aus dem Flugzeugbau kennt. Die Ingenieure von „Hamburg Wasser“ kalkulieren für diese Siel-Rohr-Konstruktion eine Lebens- und Nutzungsdauer von wenigstens weiteren 77 Jahren. Da Kontrolle aber bekanntlich besser ist als reines Vertrauen, werden die Kanäle aber alle zehn Jahre gründlich überprüft.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 13.04.2018 10:35 Uhr

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