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Die Wiederbelebung der Almen

Die Wiederbelebung der Almen

Blühende Almwiesen mit grasenden Kühen prägen die romantische Vorstellung von den Alpen. Die Almen sind keine Naturlandschaft, sondern Kulturlandschaft. Natürlicherweise wüchse hier fast überall Wald. Erst durch die Bewirtschaftung durch die Bergbauern sind die Almen entstanden.

Rinder sind auf der Haaralm
Immer weniger Rinder beweiden im Sommer die Almen.

Almauftrieb zur Haaralm in den oberbayerischen Alpen auf etwa 1.500 Meter Höhe. Es ist Ende Mai. Die Rinder sind über ein halbes Jahr im Tal im Stall gestanden. Am frühen Morgen wurden sie in Lkws verladen und an den Fuß des Berges gefahren. Jetzt dürfen sie den Berg hinaufsteigen bis zu ihrer Alm, auf der sie den Sommer verbringen werden. Sie gehören zu den glücklichen Kühen. Rund 50.000 Jungrinder und Milchkühe (von insgesamt 3,2 Millionen Rindern in Bayern) verbringen jährlich den Sommer in den Bergen auf den rund 1.400 Almen und Alpen.

Problem nicht bewirtschafteter Almen

Borstgras
Das wuchernde Borstgras macht Siegfried Steinberger von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft Probleme.

Viel zu wenig, sagt Siegfried Steinberger. Der Wissenschaftler an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft ist beim Almauftrieb mit dabei. Die Haaralm ist für ihn seit fünf Jahren Untersuchungsobjekt und – mittlerweile – Musteralm. "Das Problem: Viele Almen liegen brach und wachsen zu. Wir verlieren Weidefläche und damit nicht nur Futter, sondern auch eine attraktive Landschaft", sagt Steinberger. Wenn die Almen nicht mehr bewirtschaftet werden, wachsen sie oft mit Borstgras zu. Die bis zu 30 Zentimeter langen dürren Halme legen sich hangabwärts übereinander. Bei Regen wirken sie wie ein Strohdach: Das Wasser versickert nicht im Boden, sondern läuft über die Halmen talabwärts. Bei Starkregen, wie er bei Gewitterschauern in den Bergen häufig auftritt, kommt es zu einem sprunghaften Wasseranstieg in Gräben und Bächen. Die Hochwassergefahr im Tal steigt. Auch im Winter ist das lange Gras ein Problem: Es wirkt wie eine Rutschbahn für den Schnee. So steigt die Gefahr von Schneebrettern und Lawinen. Erst nach 60 bis 70 Jahren – wenn wieder Wald entstanden ist - wird die Erosions- und Rutschgefahr wieder kleiner.

Almbewirtschaftung lohnt sich - für Mensch und Natur

Mit seiner Musteralm will Siegfried Steinberger beweisen, dass sich die Mühe der Almbewirtschaftung lohnt. Denn die Landschaft bleibt erhalten, das Vieh ist gesünder, der Bauer spart sich das Futter im Tal und wird zusätzlich noch von der EU gefördert. Und tatsächlich hat Steinberger schon viel erreicht. In den letzten Jahren haben wieder mehr Bauern ihr Vieh auf die Almen geschickt. Allerdings müssen sie früher dran sein als sie es gewöhnt sind. Denn wegen des Klimawandels ist die Vegetation zwei bis drei Wochen früher dran als noch in den 1960er-Jahren. Steinberger hat den Termin des Almauftriebs vorverlegt, damit das Weidegras noch frisch und zart ist, wenn das Vieh auf die Alm kommt. Und weil es anders als früher keine Hirten mehr gibt, die die Rinder an die richtigen Weideplätze führen, werden sie jetzt mit Elektrozäunen gesteuert.

Tannbergalm nutzt traditionelle heimische Nutztierrassen

Bettina Burkart-Aicher
Bettina Burkart-Aicher, Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege, auf der Tannbergalm.

Aber es gibt auch noch andere Konzepte: Im Interreg-Projekt "Almen aktivieren – Neue Wege für die Vielfalt" will Bettina Burkart-Aicher von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege in Laufen die frühere Vielfalt auf den Almen wieder herstellen. Nach diesem Konzept sollen die Bauern nicht nur Rinder auf die Almen bringen. Denn diese fressen nur bestimmte Pflanzen. Für steile Hänge sind sie meist zu schwer. Mit ihren Klauen zerstören sie den Boden, vor allem wenn er nach starkem Regen aufgeweicht ist. Burkart-Aicher plädiert dafür, dass wieder mehr traditionelle heimische Nutztierrassen den Sommer auf den Bergwiesen verbringen: Neben alten Rinderarten sollen auch andere seltene Nutztierrassen auf die Alm: besondere Rassen von Schafen, Ziegen, Pferden und sogar Schweine.

Auch Bettina Burkart-Aicher hat eine Musterfarm: die Tannbergalm von Georg Bichler. Der Landwirt ist ebenso wie die Wissenschaftlerin überzeugt, dass sich nur mit der extensivien Beweidung durch verschiedenen Tierarten naturnahe Almweiden erzielen lassen. Seine Alm hat er mithilfe seiner Familie und mit viel Handarbeit von hohen Stauden und Adlerfarn befreit und eine funktionierende traditionelle Almweide mit einer hohen Artenvielfalt daraus gemacht.

Ziegen
Ziegen sorgen für eine grüne Weide auf der Tannbergalm

Zwei Konzepte: Das von Siegfried Steinberger setzt auf Wirtschaftlichkeit und guten Ertrag und hofft so, möglichst viele Landwirte für die Almbeweidung zu gewinnen. Das von Bettina Burkart-Aicher setzt auf seltene Nutztierrassen und extensivere Bewirtschaftung. Das ist zwar mehr Arbeit für den Almbauern, aber auch dieses Konzept kann wirtschaftlich sein, wenn es gelingt, die besonderen Produkte, die auf der Alm hergestellt werden, gut zu vermarkten. Beide gemeinsam sorgen dafür, dass die traditionelle Kulturlandschaft der Almen, die Touristen und Einheimische so lieben, erhalten wird.

Autorin: Susanne Delonge (BR)

Stand: 31.08.2017 18:35 Uhr