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Die Rettung der Störe

Die Rettung der Störe | Video verfügbar bis 03.09.2021

Seit 200 Millionen Jahren tummeln sie sich in den Gewässern der Erde und noch immer sehen sie wahrhaft urzeitlich aus: Störe. Sie sind Knochenfische. Statt eines Schuppenkleids tragen sie einen Panzer aus Knochenplatten. Wie Haie gleiten sie durchs Wasser. Manche Arten können bis zu fünf Meter lang und 800 Kilogramm schwer werden. Die meiste Zeit leben sie im Meer. Aber um Nachwuchs zu zeugen, wandern sie die Flüsse hinauf. Auch in den Flüssen Deutschlands und in der Nord- und Ostsee waren die Urzeitriesen unterwegs. Heute gelten sie als ausgestorben. Doch das soll sich ändern.

Empfindlicher Riese

Die Dinosaurier haben sie längst überlebt, aber ob sie sich mit den Menschen dauerhaft arrangieren können, das ist fraglich. Weltweit gilt die Fischgattung der Störe als diejenige mit dem höchsten Gefährdungsgrad. Die Fische werden bis zu 80 Jahre alt. Aber erst mit 15 oder 20 Jahren werden sie geschlechtsreif. Aus den Eiern schlüpfen Fischlarven, die dann zu Jungfischen heranwachsen und die ersten Lebensjahre in den Flüssen verbringen, in denen sie geboren sind. Dann wandern sie abwärts ins Meer. Erst wenn sie geschlechtsreif sind, kehren die erwachsenen Tiere für kurze Zeit in die Flüsse zurück, um zu laichen. Ein Weibchen kann das unter natürlichen Bedingungen nur alle drei bis fünf Jahre. Ein komplexer Lebenszyklus, der sie empfindlich macht gegenüber den Einflüssen des Menschen.

Niedergang der Urzeitfische

Störfang am Krakauer Elbtor 1903
Historischer Störfang von 1903.

Schon im 19. Jahrhundert reduzierte der Mensch die Bestände des Störs in deutschen Gewässern dramatisch. Die Begradigung der Flüsse zerstörte Laich und Futtergründe, Wehre und Kraftwerke verhinderten die Wanderungen der Fische. Zudem setzten ungeklärte Abwässer und Gifte aus der Landwirtschaft und Industrie den Tieren zu. Genauso wie intensive Fischerei. 1968 wurde In Deutschland der letzte Stör gefangen. Der Europäische Stör, der ursprünglich die Nordsee und Zuflüsse wie die Elbe in Deutschland bevölkerte, gilt als fast ausgestorben. Nur noch in der Gironde, in Südwest-Frankreich gibt es einen kleinen Bestand.

Die Rettung – ein Mammutprojekt

15.000 Jungfische schwimmen in einem Becken der Landesforschungsanstalt für Fischerei in Born.
Vier Wochen alte Störe in der Aufzuchtstation.

Vor 20 Jahren haben Experten des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei mit einem Projekt zur Rettung der Störe begonnen. Doch weil die Tiere in Deutschland schon ausgestorben waren, wusste man wenig über deren Biologie. Informationen, wie sie gezüchtet und gehalten werden können, fehlten ganz. Zudem gingen die Experten anfangs davon aus, dass Nord- und Ostsee nur vom Europäischen Stör bevölkert waren. Doch weil dieser fast ausgestorben ist, ist die Nachzucht schwierig. Durch genetische Untersuchungen von Museumspräparaten fanden die Störretter allerdings heraus, dass in der Ostsee ursprünglich der Atlantische Stör beheimatet war. Und von dem gibt es noch Bestände vor der kanadischen Küste. Das eröffnete neue Chancen für die Störretter.

Dringend gesucht: Lebensraum!

Oder und Altwässer im Nationalpark Unteres Odertal
Im Nationalpark Unteres Odertal finden die Störe noch Lebensräume.

Mit eingeflogenen Elterntieren aus Kanada und in Zusammenarbeit mit der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern gelang schließlich die Nachzucht der Urzeitfische. Gleichzeitig machten sich die Störretter auf die Suche nach geeigneten Lebensräumen für die Fische. Die Laichgründe müssen vielfältig in der Struktur sein, mit groben Kieseln, dazwischen sandige Inseln und Bewuchs. Und der Fluss muss auch genügend Futter liefern - kleine Krebse und verschiedene Wasserinsekten. In der Oder und ihren Zuflüssen auf polnischer Seite fanden die Artenschützer, was der Stör braucht.

Verschiedene Aufzuchtstrategien

Jörn Gessner (li.) und Lutz Zimmermann.
Störretter: Projektleiter Jörn Gessner (li.) und Nationalparkfischer Lutz Zimmermann.

Seit 2010 sorgen die Störretter für Nachwuchs. 15 Elterntiere liefern jedes Jahr Eier und Samen für die künstliche Befruchtung im Labor. Aus einem Kilo Eier schlüpfen etwa 50.000 Fischlarven, die dann zu Jungfischen heranwachsen. Die eine Hälfte unter streng kontrollierten Bedingungen in den Anlagen der Landesforschungsanstalt in Born, die andere Hälfte in einem Container, am Ufer der Oder, im Nationalpark Unteres Odertal. Dort werden die Becken mit Oderwasser gespeist. Das sind härtere Bedingungen für die Jungfische. Im Gegensatz zur Aufzucht im Labor spüren sie hier die Temperaturschwankungen des Flusses, müssen sich gegen Parasiten und Erreger im Wasser wehren. Gleichzeitig werden sie durch den Geruch des Wassers aber auch schon früh auf die Oder als ihre Heimat geprägt. Das könnte ihre spätere Rückkehr sicherer machen.

Hoffen auf die Rückkehrer

Björn Geßner in einem Boot auf der Oder mit Säcken voller Jungstöre.
Die ersten Flossenschläge in Freiheit: Jungstöre werden in die Oder eingesetzt.

Welche Aufzuchtstrategie die beste ist, wissen die Störretter nicht. Das wird sich tatsächlich erst in 15 oder 20 Jahren herausstellen – wenn die ersten erwachsenen Tiere wieder zurückkommen an die Oder. Solange werden die Artenschützer weiter junge Störe in das Wasser der Oder entlassen. 2016 waren es etwa 650.000! Die Experten schätzen, dass 650 davon überleben könnten. Der Rest wird von Raubfischen wie Hecht und Zander verschluckt oder durch Krankheiten dahingerafft – alles ganz natürlich.

Aber zumindest wissen die Störretter, dass sich die jungen Urzeitfische wohl fühlen in der Oder. Manche von ihnen sind nämlich markiert. Werden sie später von Fischern entdeckt kommen Rückmeldungen. Demnach sind Störe aus der Oder schon bis nach Norwegen und Westfrankreich gewandert.

Menschen schaffen Chancen

Die Fische finden geeignete Futtergründe in der Oder. Ansonsten könnten sie nicht so schnell und prächtig heranwachsen und dann die Meere durchwandern. Jetzt muss auch der Mensch sicherstellen, dass weitere Flüsse Lebensräume für den Fisch bieten. Vor allem natürlichere Flussläufe und die Durchgängigkeit der Flüsse, ohne Wehr und Staustufen, sind nötig. Dann hat der Urzeitriese tatsächlich eine Chance, in Deutschland wieder heimisch zu werden.

Autor: Herbert Hackl (BR)

Stand: 02.09.2016 15:57 Uhr