SENDETERMIN Sa, 03.09.16 | 16:00 Uhr | Das Erste

Wie gefährlich sind Windkraftanlagen für Vögel und Fledermäuse?

Wie gefährlich sind Windkraftanlagen für Vögel und Fledermäuse? | Video verfügbar bis 03.09.2021

Vögel und Fledermäuse geraten immer wieder zwischen die Rotorblätter von Windrädern. Sie unterschätzen die Geschwindigkeiten und den Sog der Windräder. Fledermäuse halten diese für tote Bäume und fliegen unter Umständen direkt darauf zu. Ihnen platzt im Sog der Windräder die Lunge. Sie fliegen meist noch einige Meter, bevor sie abstürzen. Die toten Fledermäuse werden nicht unbedingt mit dem Windrad in Verbindung gebracht. Die Schlagopfer – egal ob Vogel oder Fledermaus – holt sich oft der Fuchs oder andere Aasfresser. Die genaue Zahl der Opfer lässt sich deswegen nur sehr schwer bestimmen

Vierjährige Studie – 46 Windparks untersucht

Toter Storch unter einer Windkraftanlage.
Auch Störche gehören zu den Opfern der Windräder.

Die Progress-Studie hat jetzt fast vier Jahre lang insgesamt 46 Windparks im gesamten norddeutschen Raum untersucht. 46 Windparks in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg Vorpommern und Brandenburg wurden systematisch abgelaufen, um zu sehen, wie viele Schlagopfer es gibt. Aufgrund dieser Daten und weiterer Untersuchungen in Brandenburg kommen Forscher zu dem Schluss, dass sowohl häufige Arten wie der Mäusebussard als auch seltenere Arten wie der Rotmilan unter dem Ausbau der Windkraft leiden. Es wird geschätzt, dass etwa 12.000 Mäusebussarde jährlich und etwa 1.500 Rotmilane mit Windrädern kollidieren und sterben. Bei Fledermäusen liegt die Zahl noch viel höher: Etwa 240.000 kommen jedes Jahr an Windrädern um.

Diese Zahlen sind erschreckend. Es gibt aber inzwischen Gegenmaßnahmen, um die Zahl der Schlagopfer zu reduzieren. Schließlich wollen die Windparkbetreiber "saubere" Energie verkaufen. Die Betreiber installieren oft schon vor Baubeginn Messmasten, um die Windverhältnisse auf Narbenhöhe zu erfassen. An diesen Messmasten lassen sich problemlos akustisch die Fledermausaktivitäten messen. So lässt sich ermitteln, bei welchen Temperaturen, bei welchen Windgeschwindigkeiten und in welchen Zeiträumen Fledermäuse unterwegs sind. Und so entsteht ein automatischer Abschalt-Algorithmus für Fledermäuse.

Für Vögel gibt es einen solch automatischen Abschaltzyklus noch nicht. Nicht nur Greifvögel, auch Singvögel zählen zu den Opfern der Windräder. Bei ihnen ist der Verlust nur scheinbar nicht ganz so hoch, da sie schneller und öfter brüten und teilweise weiter verbreitet sind als Greifvögel. 

Auflagen für Betreiber

Die Naturschutzämter versuchen die Zahl der Schlagopfer durch Auflagen zu reduzieren. Die Betreiber müssen zum Beispiel, wenn gemäht wird, die Windräder für drei bis vier Tage abschalten. Denn Greifvögel stürzen sich oft auf die frisch gemähten Felder, denn zu dem Zeitpunkt kommen sie besser an ihre Beute heran. Die Windparkbetreiber müssen versuchen die Greifvögel von den Windrädern wegzulocken mit "Ablenkflächen" oder künstlichen Horsten. Ablenkflächen sind Felder, auf denen Klee oder andere Gräser wachsen, und die sehr oft gemäht werden. Künstliche Horste werden in größerem Abstand von den Windrädern errichtet, damit die Greifvögel nicht direkt an den Windrädern nisten.

Naturschützer bemängeln aber, dass die Gutachten, die vorab klären sollen, welche gefährdeten Arten vorkommen, nicht unabhängig sind. Begleitstudien, die untersuchen, ob die Auflagen zum Schutz der Vögel funktionieren, werden auch oft von den Betreibern in Auftrag geben. Sie sind oft nichts anderes als ein Persilschein. Außerdem werden die Auflagen, sobald die Windräder stehen, oft aufgeweicht oder nicht eingehalten. Das größte Problem der Naturschutzbehörden ist aber, dass sie den Bau von Windrädern nicht verhindern können, sie können nur den Betrieb angreifen und selbst da haben sie vor Gericht oft nur geringe Chancen.

Autorin: Nicoletta Renz (BR)

Stand: 02.09.2016 15:56 Uhr