SENDETERMIN Sa, 28.01.17 | 16:00 Uhr | Das Erste

Wenn das Auge altert

PlayMenschliche Linse in einer Grafik
Wenn das Auge altert | Video verfügbar bis 28.01.2022 | Bild: NDR

Kleinste Gegenstände auf große Entfernung sehen, prächtige Farben wahrnehmen, auch bei Dunkelheit feine Kontraste erkennen – für junge, gesunde Augen ist das noch kein Problem. Im Lauf des Lebens ändert sich das: Wie in allen anderen Organen kommt es im Auge zu Alterungsprozessen. Diese können die Sehkraft stark beeinträchtigen.

Klassische Altersweitsicht - was ist das?

Erste Veränderungen nehmen die meisten Menschen schon mit Mitte 40 wahr. Sie haben plötzlich immer größere Mühe, Dinge in der Nähe scharf zu sehen. Das macht sich vor allem beim Lesen bemerkbar. Je geringer die Entfernung der Augen zum Buch, desto unschärfer erscheinen die Buchstaben. Der Arm, der das Buch hält, wird dann immer länger. Augenärzte nennen dieses Phänomen Presbyopie – klassische Altersweitsichtigkeit. Viele Betroffene glauben, der Grund für die nachlassende Sehschärfe sei ein Kraftverlust der Augenmuskeln. Ein weit verbreiteter Irrglaube, weiß Augenärztin Dr. Antonia Tschakaloff aus Pinneberg bei Hamburg: "Es liegt nicht an den Augenmuskeln, sie behalten auch im Alter ihre Kraft. Das eigentliche Problem ist die Linse."

Linse verliert Elastizität

In der Kindheit ist die Linse noch elastisch und lässt sich von den Augenmuskeln leicht stauchen, um die Brechkraft zu variieren. Dieser Vorgang, Akkomodation genannt, ermöglicht scharfes Sehen in der Nähe. Im Lauf des Lebens lässt jedoch die Fähigkeit zur Akkomodation nach. Denn die Linse verhärtet und lässt sich von den Muskeln immer schwerer verformen. Ihre Brechkraft  reicht dann im Nahbereich nicht mehr aus, um das Licht auf die Netzhaut zu bündeln. Das Bild erscheint unscharf. Zum Glück ist es einfach, in solchen Fällen Abhilfe zu schaffen. Mit einer Lesebrille kann die fehlende Brechkraft der Linse ganz einfach ausgeglichen werden.

Ab 70: Grauer Star

Elbphilharmonie verschwommen gesehen
Durch die Linsentrübung wirkt das Bild verschwommen – wie durch einen Nebel. | Bild: NDR

Ab Anfang 70 haben viele Menschen dann auch zunehmend Probleme, Dinge in der Ferne scharf zu erkennen. Sie sehen verschwommen, wie durch einen Nebel oder eine zerkratzte Fensterscheibe. Hinzu kommt eine erhöhte Empfindlichkeit gegen Blendungen. Auch dahinter steckt die Linse. Bei Kindern ist sie noch klar und durchsichtig. Das verändert sich mit den Lebensjahren. Bestimmte Proteine in der Linse beginnen zu verklumpen. Die Linse wird trübe und verfärbt sich gelblich. Das führt zu einem langsamen, schmerzlosen Verlust der Sehschärfe. Außerdem entstehen Blendeffekte, weil das Licht durch die Trübung diffus gestreut wird.

Augenärzte nennen die Trübung der Augenlinse Katarakt oder Grauer Star. "Das ist eine ganz normale Alterserscheinung", erklärt Augenärztin Tschakaloff. "Bei so gut wie allen Menschen über 70 ist die Linse milchig. Erst wenn diese Trübung sich so verstärkt, dass es zu merklichen subjektiven Beeinträchtigungen des Sehens und zu Behinderungen im Alltag kommt, wird es krankhaft." Dann kann der Augenarzt den Grauen Star operativ behandeln, indem er die trübe Linse entfernt und eine Kunstlinse einsetzt.

Trübung der Linse beeinflusst Farbsehen

Bunte Perlen auf einem Tisch
Im Alter verblassen die Farben. | Bild: NDR

Die altersbedingte Linsentrübung führt zu schleichenden Veränderungen, die von den Betroffenen zunächst oft nicht bewusst wahrgenommen werden. Es beginnt mit dem Farbsehen. Die milchige Linse streut und absorbiert kurzwelliges bläuliches Licht deutlich stärker als eine gesunde klare Linse. Das bedeutet: Blautöne werden herausgefiltert und nicht mehr richtig wahrgenommen. Die gesamte Umwelt erscheint leicht rötlich-gelblich. Je fortgeschrittener die Linsentrübung, desto mehr verlieren alle Farben an Intensität. Im Alltag führt dies zu ganz typischen Problemen: "Es kommt häufig vor, dass die Patienten sich merkwürdig anziehen, weil sie die Farben nicht mehr sehen im Kleiderschrank. Manchmal werden auch Gardinen dauernd gewaschen, weil sie so gelb erscheinen", erklärt Dr. Tschakaloff.

Nachtblindheit: Fotorezeptoren sterben ab

Blendene Autos bei Nacht
Nachtblindheit und zunehmende Blendempfindlichkeit sind besonders im Straßenverkehr gefährlich. | Bild: NDR

Nicht nur bestimmte Farben werden von der milchigen Linse herausgefiltert, es gelangt auch insgesamt weniger Licht ins Auge. Die Folge: Nachtblindheit. Hierbei spielen mehrere Faktoren zusammen. Zunächst lässt im Alter durch die Eintrübung der Augenlinse die Kontrastempfindlichkeit nach. Das bedeutet, dass ältere Menschen feine Helligkeitsunterschiede nicht mehr so gut wahrnehmen. Bei schlechten Lichtverhältnissen führt das zum Beispiel zu Problemen beim Erkennen von Konturen und Gesichtern. Das Alter geht auch an der Netzhaut nicht spurlos vorüber. Sie wird schlechter durchblutet und mit weniger Nährstoffen versorgt. Nach und nach sterben circa 30 Prozent der lichtempfindlichen Fotorezeptoren ab - vor allem die Stäbchen, die für das Sehen bei Dunkelheit zuständig sind.

Der Gesamteffekt ist deutlich: Messungen haben gezeigt, dass die durchschnittliche Netzhauthelligkeit bei 60-Jährigen nur noch ein Drittel derer von 20-Jährigen beträgt. Um die gleiche Sehleistung zu erzielen, brauchen ältere Menschen darum viel mehr Licht.

Das Auge braucht Vitamine

Ein Kind mit einer Sonnenbrille
UV-Schutz für die Augen – am besten von Kindesbeinen an | Bild: NDR

Das natürliche Altern der Augen lässt sich nicht verhindern. Dennoch gibt es Möglichkeiten zur Prophylaxe. Augenärztin Tschakaloff empfiehlt vor allem, nachweisliche Risikofaktoren zu vermeiden, die das Altern der Augen beschleunigen. "Dazu zählt vor allem das Rauchen, auch Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder ein zu hoher Cholesterinspiegel wirken sich ungünstig aus. Und was viele nicht wissen oder unterschätzen: Auch das UV-Licht der Sonne kann Linse und Netzhaut schädigen und einen Grauen Star begünstigen oder verschlimmern."

Darum rät Tschakaloff zu einer Sonnenbrille mit UV-Filter. Auch eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse ist auf keinen Fall verkehrt. Die Augen brauchen für ihre gesunde Funktion bis ins hohe Alter eine gute Versorgung mit Vitaminen, zum Beispiel mit Vitamin A aus Karotten oder Kürbis (für das Hell-Dunkel-Sehen) und Lutein aus grünem Blattgemüse (antioxidative Wirkung auf die Netzhaut).

Autorin: Anke Christians (NDR)

Stand: 28.01.2017 16:23 Uhr