SENDETERMIN Sa, 12.09.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Die Bienenkugel – das Ökohaus für Honigbienen

PlayBienenkugel
Die Bienenkugel - das Ökohaus für Honigbienen | Video verfügbar bis 12.09.2020
Kugelförmiger Bienenstock mit Honigbienen
Iglu-Effekt: Wohnen in der Kugel.

Weltweit sterben die Honigbienen. Auch wenn Wissenschaftler seit Jahren fieberhaft an den Ursachen forschen, gibt es kaum praktische Lösungsansätze, die das Überleben der Bienen fördern. Hobby-Imker und Bienenforscher der Universität Würzburg haben nun ein neues Bienendomizil entwickelt, das die natürlichen Lebensbedingungen von Wildbienen simulieren soll: die Bienenkugel.

Leben wie im Baumstamm

Imker hält rundes Honigrähmchen gegen die Sonne
Natürlich Bauen: runde Honigrähmchen.

Das kugelige Bienendomizil ist einer Baumhöhle, der natürlichen Behausung eines Bienenvolkes, nachempfunden und bietet für das Wohnklima der Bienen einige Vorteile: Die runde Form verhindert Schimmelbildung, es gibt keine Ecken, in denen sich Feuchtigkeit ansammelt und Kältebrücken entstehen. Dieser sogenannte Iglu-Effekt ist für die Tiere nicht nur im Winter sinnvoll, auch die Schwankungen zwischen Tag- und Nachttemperatur sind geringer. So müssen die Bienen weniger heizen und kühlen, was sie normalerweise viel Energie kostet.

Erfunden wurde die Bienenkugel von Andreas Heidinger, einem Hobby-Imker aus Dachau bei München. Zahlreiche Imker haben bereits gute Erfahrungen mit dem ungewöhnlichen Ökohaus gesammelt und ziehen inzwischen die neue Bienenwohnung den eckigen Bienenstöcken sogar vor. "Das Tolle an der Bienenkugel im Gegensatz zu herkömmlichen Beutesystemen ist, dass die Bienen in so einer Kugel wesentlich ausgewogener und zufriedener sind – weil sie eben ein besseres Klima schaffen können", sagt Robert Muttenhammer - ein Hobby-Imker aus Oberbayern, der sich zum Ziel gesetzt hat, seine Bienen möglichst naturnah zu halten.

Einblicke in die "Hobosphäre"

Schülerinnen, Lehrer und Bienenforscher an einem Bienenstock auf Schuldach in Hamburg
HOBOS: Schüler erforschen Bienenleben.

Auch die Bienenforscher der Universität Würzburg wurden vor Kurzem auf die Bienenkugel aufmerksam. Professor Jürgen Tautz und Hartmut Vierle haben beschlossen, sie wissenschaftlich zu untersuchen und in ihr weltweites HOBOS-Projekt aufzunehmen. HOBOS steht für HOneyBee Online Studies und soll Schülern, Studenten und Forschern über eine Webcam im Bienenstock Zugang zum Leben der Bienen ermöglichen.

Inzwischen sind neben Schülern aus Deutschland auch Schulklassen in Luxemburg, Nordirland, Italien, USA, China, Südafrika, Schweiz und Jordanien an dem Projekt beteiligt. Sie sammeln Daten und tragen so dazu bei, weltweite Zusammenhänge zwischen dem Leben der Honigbiene, der Ökologie und der Landwirtschaft besser nachzuvollziehen.

Könnte die Bienenkugel einen kleinen Teil dazu beitragen, das globale Bienensterben in den Griff zu bekommen? Langfristig erhobene Daten über die Auswirkungen des verbesserten Wohnklimas auf die Gesundheit der Bienen gibt es bislang nicht - aber das soll sich ändern. Die Otto-Hahn-Schule im Hamburger Osten soll in das HOBOS-Projekt aufgenommen werden. Sensoren sollen rund um die Uhr Temperatur und Feuchtigkeit messen. Was die Imker aus der Praxis wissen, will Bienenforscher Hartmut Vierle mit harten Fakten untermauern. "Die Messdaten, die wir jetzt schon haben, die auf Erfahrungen der Imker draußen im Feld basieren, sind sehr vielversprechend. Sie haben starke Völker und wenig Befall mit Varroamilben“, sagt der Forscher. HOBOSphere wurde das Projekt getauft. Das Ziel: neue Erkenntnisse über die Gesundheit der Honigbienen in ihrem runden Ökohaus.

Mini-Ökosystem mit winzigen Untermietern

Bücherskorpion zerlegt Varroamilbe
Feind der Varroa: der Bücherskorpion

Um der Natur noch näher zu kommen, hat sich Biologielehrer Torben Schiffer etwas Besonderes einfallen lassen: Der Hamburger Bienenfreund arbeitet schon länger mit sogenannten Bücherskorpionen. Die wenige Millimeter kleinen Spinnentiere  ernähren sich von Kleinstlebewesen und gelten als natürlicher Feind der bei Imkern gefürchteten Varroamilbe. Nun sollen sie als Untermieter in die Bienenkugel einziehen und die Bienen-Parasiten in Schach halten.

Dazu haben die Forscher eine kleine Schublade mit Totholzresten bestückt, die als Mini-Ökosystem von unten an die Bienenkugel angehängt wird. Sie entspricht einem Stück eines hohlen Baumes und dient den Bücherskorpionen als Habitat, in dem sie mit den Bienen in Symbiose leben. Zusätzlich kann das Totholz wie ein Schwamm Feuchtigkeit speichern und wieder abgeben - in der Kugel bleibt es trocken. Bienenhaltung wie in der Natur, dieses Konzept lässt Imker Robert Muttenhammer einigermaßen zuversichtlich in die Zukunft blicken: „Wenn es den Bienen schon mal in der Beute gut geht und sie selber ihr ganzes Nest strukturmäßig so bauen können wie sie möchten, dann muss man sich eigentlich nicht mehr groß einmischen“.

Fühlen sich die Bienen wohl, entwickeln sie auch Abwehrkräfte gegen Milben und Krankheiten. Und sie brauchen weniger Honig. Es könnte sich also doppelt lohnen, wenn man Bau eines Bienenhauses die Natur zum Vorbild nimmt.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 11.09.2015 11:05 Uhr