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Lebensgrundlage Boden – "Dreck", von dem wir leben

Lebensgrundlage Boden – "Dreck", von dem wir leben | Video verfügbar bis 23.09.2022

Auch wenn wir meist nur ahnungslos über ihn hinweggehen oder ihn als "Dreck" bezeichnen – wir leben von ihm. Der Boden gehört neben Luft und Wasser zu unseren zentralen Lebensressourcen. Aus ihm entnehmen alle Pflanzen – auch unsere Nutzpflanzen – die Nährstoffe für ihr Wachstum. Ohne Boden gibt es keine Bäume, kein Weizen, kein Mais, kein Gemüse. Natürlich kann man Tomaten auch in modernen Gewächshäusern auf Watte, am Tropf von künstlichen Nährlösungen wachsen lassen. Aber sieben und bald zehn Milliarden Menschen lassen sich so nicht ernähren. Es lohnt sich also darüber nachzudenken, wie wir diesen lebenswichtigen Stoff erhalten können, denn er wird durch die industrielle Landwirtschaft, Erosion und Flächenversieglung bedroht.

Lebendiger Boden ist keine Selbstverständlichkeit

Boden ist nicht einfach irgendein "Pulver", sondern er besitzt eine aufwändige Hohlraumstruktur, die in Jahrtausenden entstanden ist. Dort findet der Stoffwechsel mit Pflanzen und Lebewesen statt. Eine Hand voll Erde enthält je nach Standort mehr Lebewesen als es Menschen auf der Erde gibt. Würmer, Käfer, Spinnentiere, Pilze, Algen, Bakterien, Einzeller – sie alle leben vom Boden und sind auf der anderen Seite ganz wesentlich für seine Eigenschaften verantwortlich. Zum Beispiel setzen sie aus organischen Abfällen wie Laub und Mist wieder die Nährstoffe frei, die die Pflanzen für Ihr Wachstum benötigen. Aber dieser Kreislauf funktioniert nur, wenn nach dem Abernten der Pflanzen die verlorenen Nährstoffe im Boden wieder ersetzt werden. Die Rede ist von Pflanzenresten oder tierischen und menschlichen Ausscheidungen, die am Ende der Nahrungskette anfallen und wieder in den Kreislauf der Nährstoffe, also in den Boden eingebracht werden müssen. Dort dienen sie den Bodenlebewesen als Nahrung und durch deren Stoffwechsel werden die Nährstoffe wie Phosphor, Kalium oder Stickstoff wieder für die Pflanzen im Boden verfügbar.

Wenn der Nährstoffkreislauf unterbrochen wird

Sackgassenschild
Nährstoffsackgasse in der Massentierhaltung.

Durch die Rationalisierung in der industriellen Landwirtschaft wird die Pflanzen- und Viehwirtschaft in der Regel voneinander getrennt. Die meisten Bauern haben deshalb neben ihren Feldern kein eigenes Vieh mehr, während andernorts in Ställen massenhaft Tiere gehalten werden. Dort entstehen riesige Mengen von Mist und Gülle, die auf den Feldern vor Ort gar nicht alle als Dünger genutzt werden können. Die Folge ist eine Überdüngung der Böden. Die Nährstoffüberschüsse, die von den Pflanzen nicht aufgenommen werden können, gelangen dabei als Nitrat in unser Grundwasser.

Segen und Fluch der Kunstdünger

In einem Stück Phosphor stecken drei Gabeln
Ohne Phosphor keine Ernährungssicherheit. Wie lange aber der Nachschub gesichert ist, bleibt unklar.

Wer dagegen kein eigenes Vieh hat, muss zur Düngung auf industriell hergestellte Kunstdünger wie Stickstoff, Phosphor oder Kali zurückgreifen. Die Pflanzen sprechen auf diese künstlichen Nährstoffe gut an und wachsen hervorragend. Man hat deshalb die Dosis dieser Kunstdünger in den letzten Jahrzehnten immer weiter erhöht, um die Ernteerträge zu steigern. Dabei wurde die Grenze dessen, was die Pflanzen an Nährstoffen aufnehmen können häufig überschritten, sodass auch auf diesem Weg Überschüsse in unser Wasser gelangen.

Die permanente Verfügbarkeit der künstlichen Nährstoffe ist heute eine der wichtigsten Säulen der Landwirtschaft. Alle brauchen diesen Rohstoff. Allerdings sind die weltweiten Phosphor-Reserven nur auf wenige Länder verteilt. Wie lange uns diese Reserven weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung stehen, wird in der Wissenschaft heiß diskutiert: Pessimistische Prognosen gehen von einem "Peak of Phosphor" (Zeitpunkt ab dem die jährliche Fördermenge zurückgehen wird) schon in den 2030er-Jahren aus, während optimistischere Wissenschaftler die Verfügbarkeit des Rohstoffs für weitere 300 Jahre als gesichert annehmen. 

Da sich aber zum einen die real vorhandenen Reserven nur schwer schätzen lassen und zum anderen sich die Nachfrage, sowie die technischen Möglichkeiten beim Abbau in den kommenden Jahren sehr stark verändern könnte, wird allgemein zu einem sparsameren Umgang mit dieser wichtigen Ressource geraten. Würde Phosphor wirklich knapp, hätte das in Anbetracht der schnell wachsenden Weltbevölkerung dramatische Konsequenzen für die globale Ernährung, denn für diesen Nährstoff gibt es keinen Ersatz.

In Kreisläufen denken

Es ist also höchste Zeit, den Einsatz an Kunstdüngern einzuschränken, um kostbare Rohstoffe zu sparen und unsere Umwelt zu schonen. Hilfreich wäre es auch, den Fleischkonsum zu reduzieren, damit die Massentierhaltung und damit die hohen Konzentrationen von Mist und Gülle auf kleiner Fläche abnehmen, oder diese Nährstoffe zumindest besser in der Fläche zu verteilen. Außerdem könnten aus unseren Toiletten große Mengen an Nährstoffe für unsere Böden recycelt werden. Letztlich geht es also darum, die Nährstoffkreisläufe wieder so gut wie möglich zu schließen.

Buch-Tipp:
Ute Scheub, Stefan Schwarze:
Die Humusrevolution
Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen
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Autor: Jörg Wolf (SWR)

Stand: 23.09.2017 13:13 Uhr