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Bunker: Abriss oder Umbau zu Wohungen?

Bunker: Abriss oder Umbau zu Wohungen? | Video verfügbar bis 30.09.2022

Man findet sie in allen deutschen Großstädten, die meisten unauffällig integriert in die Häuserzeilen, angemalt, bepflanzt oder auf andere Art und Weise optisch entschärft. Doch Bunker sind was sie sind: Militärische Gebäude, die vor Bomben und Krieg schützen sollten. Allein in Hamburg existieren schätzungsweise noch rund 700 überirdische und unterirdische Bunker. Nach dem Krieg waren sie in vielen Vierteln die einzigen, unzerstörten Gebäude – und damit auch dringend benötigter Wohnraum für die deutsche Bevölkerung. So hausten viele Menschen bis zum Wiederaufbau der Städte in diesen Betonklötzen. Denn die Alternative hieß: Nissenhütten oder andere Notunterkünfte. Später dienten die Bunker oft als Probenräume für Musiker, Fotolabore oder Lager.

Bunker blockieren Baugrund

Spezialgerät bohrt Löcher für Sprengladungen
Spezialgerät bohrt Löcher für Sprengladungen.

Lange Zeit galt es als zu aufwändig, große Fenster in den dicken Stahlbeton zu schneiden, um Bunker auch anders nutzen zu können. Abriss war jahrzehntelang nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand sprich Kosten möglich. Doch durch die Explosion der Mieten und Immobilienpreise hat sich das geändert. Bunker stehen oftmals in bester Wohnlage und blockieren dort wertvollen Baugrund. Je teurer der wird, desto lohnender der aufwändige Abriss. So wurden bereits in der Vergangenheit vereinzelt Bunker weggefräst. Das dauert allerdings sehr lange und ist teuer, weil der harte Stahlbeton die Fräsinstrumente sehr schnell abnutzt.

Mittlerweile gibt es ein Abrissverfahren, das den Rückbau rentabler macht. Mit sogenannten Lockerungs-Sprengungen rücken Ingenieure den Bunkern zu Leibe. Zum Beispiel in Hamburg Eimsbüttel in der Henriettenstraße: Der sogenannte Henriettenbunker besteht aus 10.000 Tonnen Stahl-Beton. Auf sein Flachdach wurde ein kleiner Spezialbagger gehievt. Statt einer Schaufel am Baggerarm trägt der eine überdimensionale Bohrmaschine. Mit der durchlöchern die Abrissspezialisten das Bauwerk von oben. Die Bohrungen gehen allerdings nicht komplett durch die 140 Zentimeter dicke Decke bis in den Bunker hinein, sondern enden etwa in deren Mitte. Diese Löcher werden mit kleinen Sprengladungen gefüllt und zusätzlich mit Kies verdämmt. Von oben kommen noch dicke Gummimatten als Lärm- und Splitterschutz drauf.

Sprengung und Abrissbagger – wie Bunker verschwinden

Eine Abriss-Schere „knabbert“ Beton weg.
Eine Abriss-Schere „knabbert“ Beton weg.

Schließlich drückt der Sprengmeister den Knopf und eine Welle kleiner Detonationen zerbröselt den Beton. Die Kraft der Explosion wirkt dabei nach innen. Sie reißt die nicht durchbohrten 70 Zentimeter der Decke mit sich in den Bunker hinein. Von außen sieht man davon nichts. Aber die Decke ist jetzt nur noch halb so dick. Trotzdem ist sie noch so stabil, dass sie einen schweren Abrissbagger trägt, der mit einem Kran aufs Dach gehievt worden ist. Mit seiner Betonschere macht er sich später daran, das Gemisch aus Armierungsstahl und Beton "wegzuknabbern". Die acht Tonnen schwere Betonschere kann mit ihren mächtigen Zähnen bis zu 1,20 Meter Stahlbeton "zerbeißen". Bei so dicken Happen verschleißen die Meißel am Maul des Baggers allerdings relativ schnell. Erst ab 90 Zentimetern wird der Abriss rentabel. Deshalb versuchen die Techniker, die Bunkerwände möglichst "dünn" zu sprengen. Stück für Stück wird der Bunker klein geknabbert. Das Ganze dauert circa neun bis zwölf Monate. Dann ist der Kriegsklotz verschwunden.

Geschichte bewahren: Eigentumswohnungen in Bunkern

Architekt Rainer Mielke aus Bremen findet den Abriss von Bunkern falsch. Für ihn sind sie wertvolle Zeugnisse der Geschichte. Mielke hat während des Studiums in einer Band gespielt. Ihr Probenraum war in einem Bunker. Später fuhr er auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad immer an einem der grauen Riesen vorbei. Er liebt die raue, verwitterte Struktur von fast 80 Jahre altem Beton. Eine solche Oberfläche lasse sich künstlich gar nicht herstellen. Es dauert eben lange bis Beton verwittert. Mielke beschloss, auf Umbau statt Abriss zu setzen. Fünf Jahre dauerte es, bis er von den Bremer Behörden die Erlaubnis bekam, einen Bunker zu erwerben und in ein Wohnhaus umzuwandeln. Mittlerweile realisiert er Bunkerprojekte in vielen deutschen Großstädten. Mielke kombiniert alt und neu. Er baut die Beton-Riesen um und setzt moderne Eigentumswohnungen zwischen die alten Wände.

Teil-Abriss und Umbau

Bauarbeiter auf dem Dach eines Bunkers
Statt Abriss ist auch eine Nutzung als Wohnraum möglich.

Wenn die Kriegsbunker eine Raumhöhe von mindestens 2,40 Meter haben, lässt der Bremer Architekt Decken und Wände weitestgehend stehen. Um das Gebäude bewohnbar zu machen werden mit Diamantsägen große Fensteröffnungen in die Wände geschnitten. Bei den Hamburger Bunkern haben die Ingenieure im Dritten Reich niedrigere Räume gebaut. Dadurch lässt sich die heute vorgeschriebene Deckenhöhe von mindestens 2,40 Meter nicht einhalten. Von einem solchen Bunker in Hamburg-Eilbek hat Rainer Mielke nur die Seitenwände und das Fundament stehen lassen. In das "U" plante er ein neues Wohnhaus. Die vordere und die hintere Fassade sind neu. Sichtbar ist der Bunker nur noch an den alten Seitenwänden. Innen kann der Architekt frei gestalten. Nur Keller oder Tiefgarage sind nicht möglich, das verhindert das alte Fundament des Bunkers. Immerhin bleibt so ein kleines Stück Geschichte erhalten, ohne neuen Wohnraum zu blockieren.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 30.09.2017 13:48 Uhr

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