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Nachhaltig und sicher Dämmen

Nachhaltig und sicher Dämmen | Video verfügbar bis 26.08.2022

Der in Deutschland am häufigsten zur Fassadendämmung eingesetzte Dämmstoff ist Polystyrol, ein erdölbasierter, unverrottbarer Kunststoff. Schon das Material weist darauf hin, dass es sich dabei vielleicht um die billigste, aber wohl kaum um die nachhaltigste und umweltfreundlichste Möglichkeit der Wärmedämmung handelt. Welche Alternativen gibt es für umwelt- und sicherheitsbewusste Bauherren?

Wärmedämmstoffe: Kleine Materialkunde
Wärmedämmstoffe lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen:

- Erdölbasiert sind zum Beispiel die gängigen Dämmstoffe Polystyrol, Polyurethan und Polyethylen. Bei diesen Dämmmaterialien handelt es sich um aufgeschäumtes Plastik. Sie haben sehr gute Wärmedämmeigenschaften, sind aber wie die meisten Kunststoffe sowohl in der Herstellung als auch bei der Entsorgung alles andere als umweltfreundlich.

- Nachwachsende Dämmstoffe – genauer: Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen – umfassen ein sehr breites Spektrum: von Holz und Zellulose über Hanf, Stroh bis zu Materialien tierischen Ursprungs wie Schafwolle. Zur Verarbeitung in „Wärmeverbundsystemen“, die nachträglich auf der Außenfassade montiert werden, sind aber nicht alle geeignet. Hier kommen vor allem Holz(faser)-, Kork-, Hanf- oder Schilfplatten zum Einsatz.

- Mineralische Dämmstoffe sind zum Beispiel Mineralwolle und Mineralschaum, Blähperlite und Schaumglas. Sie werden unter hohem Energieaufwand erzeugt, haben aber hervorragende Dämm- und Sicherheitseigenschaften und sind vielseitig einsetzbar.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Für jedes Dämmvorhaben lässt sich eine mineralische oder nachwachsende Alternative zu Polystyrol finden.

Wie groß ist die Brandsicherheit der Dämmstoffe?

Brenner wird an eine Holzplatte gehalten
Nachwachsende Dämmstoffe sind nicht automatisch leicht entflammbar.

Nicht erst seit der Brandkatastrophe am Londoner Grenfell Tower im Juni 2017 wird die mögliche Feuergefahr durch Fassadendämmungen diskutiert. Auch in Deutschland kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Abbränden von auf Außenwänden angebrachten "Wärmeverbundsystemen". Diese Zwischenfälle haben gezeigt, dass die offiziell als "schwer entflammbar" geltenden Kunststoffe unter bestimmten Umständen sehr wohl Feuer fangen können und dann gefährlich abfackeln. Die Fragwürdigkeit der Einstufung "schwer entflammbar" und der ihr zugrunde liegenden Tests hatte [W] wie Wissen schon vor sechs Jahren demonstriert. Polystyrol wurde bis vor Kurzem noch mit dem giftigen und sich in der Umwelt anreichernden HBCD (Hexabromcyclododecan) brandgehemmt. Neuerdings kommt sogenanntes Polymer-FR zum Einsatz.

Mineralische Dämmstoffe sind von Natur aus nicht entflammbar. Aus diesem Grund sind sie auch bei mehrgeschossigen Gebäuden zwischen den Stockwerken als sogenannte Brandriegel vorgeschrieben, die verhindern sollen, dass ein Fassadenbrand sich unkontrolliert ausbreitet. Hochhäuser über einer bestimmten Höhe dürfen ausschließlich mit ihnen wärmegedämmt werden.

Bei den nachwachsenden Dämmstoffen kommt es auf das eingesetzte Material an: Seegras beispielsweise ist ebenfalls von Natur aus nicht entflammbar, vielen anderen Materialien werden künstliche Brandhemmer zugesetzt, oft Borate (Salze der Borsäure), die für Mensch und Natur aber unbedenklich sind.

Konstruktionsbedingte Umweltprobleme

"Vergrünte" Fassade eines Hauses
Verputzte Wärmedämmsysteme "vergrünen" durch Algen.

Über die Frage "Umweltfreundlich oder nicht?" entscheidet aber nicht nur der verwendete Dämmstoff. Manche Umweltprobleme haben viel mehr mit der Gesamtkonstruktion der Fassadendämmung zu tun: "Wärmedämmverbundsysteme" bestehen klassischerweise aus der Dämmschicht, die auf das bestehende Mauerwerk aufgeklebt wird, einer Putzträgerschicht (armierter Unterputz) und einer Oberflächenschicht (Oberputz oder Blende). Der Haken dieser Konstruktionsweise: Weil die äußere Putzschicht – anders als die frühere Außenwand – keine Sonnenwärme aufnehmen und speichern kann, sinkt dort die Temperatur oft unter den sogenannten Taupunkt. Das ist die Temperatur, bei der die Luftfeuchtigkeit sich als Tau niederschlägt. Und "dauerfeuchte" Flächen auf dem Oberputz bieten einen Nährboden für Algen und Pilze.

Um ein Vergrünen der Fassaden zu verhindern, werden Oberputz und/oder Anstrich daher Biozide (hier Algen- und Pilzgifte) beigemischt. Diese halten die Außenwände zunächst einmal sauber. Ihre Wirkung ist aber zeitlich begrenzt. Das von der Fassade abfließende Tau- und Regenwasser spült die oberen Giftschichten regelmäßig von der Fassade und zieht frisches Gift aus tieferen Putzschichten an die Oberfläche. Im Laufe von etwa fünf bis sieben Jahren wird so das Wirkstoffdepot im Anstrich komplett aufgebraucht. Um ein Vergrünen weiterhin zu unterbinden, muss die Fassade neu vergift – also gestrichen werden.

Giftstoffe: Von der Fassade in die Gewässer

Tropfen rinnen an einer Fassade hinab
Biozide aus dem Fassadenanstrich belasten die Gewässer.

Schwerer als dieser Auffrischungsbedarf wiegt aber, was mit den ausgewaschenen Giftstoffen passiert. Die landen nämlich in nicht unerheblichem Maße in den umliegenden Gewässern und schädigen dort Pflanzen- und Tierwelt. Einige der eingesetzten Biozide – wie das Algengift Terbutryn – lagern sich auch im menschlichen Fettgewebe und im Gehirn ab. Die Langzeitfolgen sind dabei unbekannt.

Eine umweltfreundlichere Alternative zum (Kunstharz-)Putz ist eine Verkleidung der gedämmten Fassade mit Klinkern. Die sind in der Lage Sonnenwärme zu speichern und halten ihre Oberfläche so trocken und daher algenfrei. Aber: Eine Klinkerfassade ist um einiges teurer als eine verputzte. Allerdings ist sie auch bedeutend pflegeleichter. Die Kosten für die regelmäßigen Neuanstriche entfallen und auch die Gesamtkonstruktion hat eine deutlich höhere Lebenserwartung als klassische Wärmedämmverbundsysteme.

Sorgen mit der Entsorgung

Abfallcontainer
HBCD-haltiges Polystyrol muss getrennt entsorgt werden.

Wie lange hält ein Wärmedämmverbundsystem? Die Herstellerindustrie spricht vollmundig von bis zu 50 Jahren. Das erscheint – vorsichtig ausgedrückt – sehr optimistisch. Was geschieht, wenn die alte Wärmedämmung entsorgt werden muss? Mineralische Dämmstoffe haben da umwelttechnisch klar die Nase vorn. Sie müssen nur grob gereinigt werden und können dann direkt wiederverwendet werden.

Bei nachwachsenden Dämmstoffen ist die Lösung etwas weniger umweltfreundlich: Die Rohstoffe waren zwar ökologisch vorteilhaft, aber da sie mit Brandhemmern und teilweise auch mit Schädlingshemmern behandelt wurden, können sie weder kompostiert noch recycelt werden. Sie landen in der Müllverbrennungsanlage.

Ebenfalls in der Müllverbrennungsanlage landet Polystyrol. Aber: Wie bereits erwähnt, wurde dem Kunststoffschaum bis vor Kurzem noch der inzwischen verbotene Brandhemmer HBCD beigemischt. Viele Fassaden sind mit entsprechenden Dämmplatten gepflastert. Eine Einstufung als Sondermüll wurde diskutiert, aktueller Stand ist aber im Moment nur die Vorschrift, die Polystyrol-Abfälle getrennt zu sammeln und nicht mit anderen Bauabfällen zu vermischen. Die Mehrkosten dafür dürften letztendlich die Bauherren bei künftigen Renovierungen zahlen.

Fazit: Bei der Planung der Wärmedämmung gibt es weit mehr zu beachten als den reinen Anschaffungspreis.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 25.08.2017 20:25 Uhr