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Der Elch kehrt nach Deutschland zurück

Der Elch kehrt nach Deutschland zurück | Video verfügbar bis 04.11.2021

20 bis 50 Mal pro Jahr werden Elche allein in Brandenburg gesichtet. In Sachsen und Bayern sind es etwa fünf Sichtungen, in Mecklenburg-Vorpommern eine bis zwei. Wie viele Tiere es genau sind, die durch unsere Wälder streifen, weiß man nicht. Viele von ihnen kommen aus Polen. Dort werden sie seit 2001 nicht mehr gejagt. Seitdem sind die Bestände auf über 25.000 Tiere gestiegen. Elche sind oft Einzelgänger. Nach Deutschland kommen oft Jungbullen. Sie suchen ein ungestörtes Plätzchen mit genügend Futter. Nur der offensichtliche Mangel an weiblichen Tieren verhindert bislang, dass sich bereits kleine Bestände auch dauerhaft in Deutschland angesiedelt haben.

Aber es scheint sich etwas zu verändern. Dieses Jahr sind auch weibliche Tiere in Ostdeutschland, in Brandenburg und in Sachsen-Anhalt gesichtet worden und in Brandenburg gibt es bereits einige Weibchen die quasi ständig dort leben.

Möglicherweise ist die Anzahl der hier umherwandernden Elche bereits heute wesentlich höher als es die gemeldeten Sichtungen vermuten lassen. Das legen erste Ergebnisse der Wildbiologen Mark Nitze und Michael Striese nahe. Die beiden konnten 2014 einen Elch, der sich bei der Firma Siemens in Dresden in ein Bürogebäude verirrt hatte, mit einem Telemetrie-Sender versehen. Seit zwei Jahren können sie nun jede Bewegungen des Elchbullen nachverfolgen.

Telemetrie-Ausrüstung war ursprünglich für "Knutschi" gedacht

Mark Nitze pruft die Betaubungspfeile fur das Narkosegewehr.
Mark Nitze pruft die Betaubungspfeile fur das Narkosegewehr.

Die beiden Wildbiologen haben bereits viel Erfahrung mit den großen Hirschen, den europäischen Vertretern der Gattung Alces, sammeln können. Mark Nitze kümmerte sich bereits ab 2008 in Sachsen offiziell um den von den Medien auf den Namen "Knutschi" getauften Elch. Mark Nitze führt seit über 20 Jahren Rotwild-Telemetrieprojekte durch. Für "Knutschi" wurde ursprünglich auch die Ausrüstung angeschafft, mit der sie dann fünf Jahre später ihren "Siemens Elch" "Ole" besendert haben.

Es dauerte damals mehrere Monate, bis die offizielle Genehmigung für die Telemetrierung von "Knutschi" vorlag. Da war das Tier bereits nach Westen abgewandert. "Knutschi" schaffte es bis kurz vor Kassel, dann geriet er auf die Autobahn, die A7. Sie musste gesperrt werden. Auf Geheiß des Hessischen Umweltministeriums wurde "Knutschi" narkotisiert und besendert. Knutschi wurde im nahe gelegenen Reinhardswald ausgesetzt. Leider überlebte der Bulle die Folgen von Fangaktion und Narkose wohl nicht. So etwas könne immer passieren, erklärt uns Mark Nitze, allein der Stress bei direktem Kontakt mit Menschen kann für ein Wildtier gewaltig sein. Deshalb bangten Mark Nitze und Michael Striese auch um den Elch "Ole".

"Ole" ist ein Glücksfall für die Forscher

"Ole" geriet auf das Firmengelände von Siemens in Dresden und trottete in das Gebäude. Bereits eine Woche vorher hatten sich Nitze und Striese an die Spuren des Tieres geheftet. Sie waren in ständigem Kontakt mit Jagdpächtern, Polizei und sprachen mit den Leuten, die den Elch gesehen hatten. In Radebeul bei Dresden beobachteten sie den Bullen, der eine Stunde lang dort in einem Garten stand, bevor er vor einem sich nähernden Fotografen floh. Am Montag, den 25. August 2014 verirrte sich der Elch dann ins Siemens-Gebäude, zum großen Schreck einer Kantinenangestellten. Geistesgegenwärtig knallte sie dem aufgeregten Elch die Glastür vor der Nase zu. Sekunden später krachte der mit Schwung dagegen. Die Tür splitterte, das Tier lief auf die andere Seite des Flurs und blieb dort benommen stehen. Über vier Stunden verharrte das Tier im Kantinenflur. Das war sein Glück, sagt Michael Striese: "Draußen stand ein Schütze mit scharfer Waffe." Denn ein Elch in Panik sei unberechenbar. Im Gegensatz zu Rotwild fliehen Elche nicht immer vor ihren Feinden. Einmal in Bedrängnis gebracht, könnten sie auch Menschen attackieren. Ihre Huftritte können tödlich sein.

An diesem Tag gelingt es, den Elch zu narkotisieren und mit einem Sender zu versehen. Das Tier wird in derselben Nacht in Ost-Sachsen ausgesetzt. Eine Woche später wandert der Elch nach Polen ab, überwintert dort, kehrt aber 2015 nach Deutschland zurück. Bis heute können die Wildbiologen Trackingdaten des Elchs sammeln. Die Daten geben wertvolle Hinweise darüber, auf welchen Routen sich der Elch durch die Landschaft bewegt und wie und wo genau er Hindernisse wie Autobahnen überwindet.

 Eventuell sind etliche Elche schon da – nur keiner sieht sie

Michael Striese gelingt ein Schnappschuss vom Siemens Elch.
Michael Striese gelingt ein Schnappschuss vom Siemens Elch.

Das interessanteste vorläufige Ergebnis der Forscher ist jedoch, dass der Elch sich scheinbar fortbewegt ohne aufzufallen. So verbrachte er Frühjahr und Sommer 2015 nahezu unbemerkt in Deutschland. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch andere Elche, die bereits durch Deutschland streifen, gar nicht bemerkt werden. Ähnliche Erfahrungen macht man im Bayerischen Wald. Der dortige Elchbeauftragte untersucht schon seit Jahren Elchspuren, ohne jemals mit eigenen Augen einen Elch gesehen zu haben. Inzwischen ist "Ole" wieder in Polen. Und auch dort erzählen uns die Förster vor Ort, dass sie gar nicht gewusst hätten, dass ein Elch bei ihnen im Revier sei.

Hinweis
Bald werden auch Mark Nitze und Michael Striese nicht mehr wissen, wo sich der "Siemens-Elch" aufhält. Die Batterie des Senders wird schwächer, sie kann jederzeit leer sein. Dann könnte es eigentlich an die genaue Analyse der Trackingdaten gehen. Dafür suchen die Forscher allerdings noch Sponsoren. Die Umwelt- und Forstbehörden freuen sich zwar über wissenschaftliche Ergebnisse, doch bezahlen will diese Forschung bislang leider noch niemand (Kontakt: elch.sachsen@gmail.com).

Autor: Wolfgang Zündel (HR)

Stand: 05.11.2016 15:45 Uhr