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Die Emscher – Umbau eines Abwasserkanals

Die Emscher – Umbau eines Abwasserkanals

Über Jahrhunderte war die kleine Emscher, die mit zahlreichen Zuflüssen zwischen Dortmund und Duisburg mäanderte, eine natürliche Lebensader. Archäologische Funde wie Reusen und Angelhaken beweisen, dass früher überall an der Emscher Fische wie Hechte, Groppen und Rotfedern vorkamen. Doch mit dem Aufkommen der Steinkohle- und Stahlindustrie, durch die das Ruhrgebiet zum größten Ballungsraum Deutschlands wurde, veränderte sich das Gesicht des Flusses. Die Emschergenossenschaft – der erste deutsche Wasserwirtschaftsverband – baute die Emscher und die meisten ihrer Zuflüsse zu Abwasserkanälen um. Ihre Aufgabe: Die Industrieabwässer der Zechen und Stahlwerke in den Rhein auszuleiten. Dazu wurde die Emscher ebenso wie ihre Zuflüsse begradigt und in ein festes Betonbett gezwängt. Jahrzehntelang flossen so giftige Industrieabwässer offen durch Siedlungen und Städte. Hinzu kamen stinkende Abwässer der Haushalte. So wurde die einst saubere Emscher zur Kloake – zu Deutschlands dreckigstem Fluss.

Ende der Schwerindustrie - Neue Chance für die Emscher

Baggerarbeiten an der Emscher
Die alten Betonsohlschalen werden entfernt, damit der Kanal wieder zum Fluss wird.

Bis zum Ende der 1950er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts boomte die Steinkohleproduktion im Ruhrgebiet. Die Kehrseite der Medaille waren jedoch Bergsenkungen, die durch unkontrollierte Bewegungen im Erdreich wie zum Beispiel einstürzende Köhleflöze verursacht wurden. Aufgrund der unkontrollierbaren Erdbewegungen wäre es in dieser Zeit technisch zu riskant gewesen, das Abwasser anstatt durch die Emscher, durch unterirdische Abwasserrohre abzuleiten. Außerhalb des Ruhrgebiets gab es solche Abwassersysteme längst, doch die von üblen Gerüchen geplagten Emscher-Anwohner mussten sich noch rund 50 Jahre gedulden, bis die Abwassermanager auch in ihrer Region Alternativen fanden. Das Ende der Schwerindustrie im Ruhrgebiet wurde für die Emscher zu einer neuen Chance. Nachdem die meisten Zechen ihre Produktion eingestellt hatten, sollte das Abwasser der Region endlich aus dem Fluss und unter der Erde verschwinden. Den neuen Gewässerrichtlinien der EU verpflichtet, startete die Emschergenossenschaft 2009 ein Mammutprojekt: die verdreckte Emscher und ihre schmutzigen Zuflüsse wieder zu einem naturnahen Flusssystem umbauen, auf einer Strecke von insgesamt 350 Kilometern.

Mammutprojekt: Umbau der Emscher

Angelegter Tiefbau-Schacht
Die Abwasserrohre werden in 30 Meter tiefen Schächten verlegt.

Ziel ist es, die Emscher bis 2020 von ihrer Abwasserfracht zu befreien. Alle Abwässer sollen in Zukunft durch ein 400 Kilometer langes, unterirdisches System aus massiven Betonrohren in Kläranlagen transportiert werden. Doch das neue Abwassersystem stellt die Ingenieure vor Probleme: Nie zuvor wurden in einem so dicht besiedelt Ballungsraum nachträglich kilometerlange Rohrtrassen unterirdisch verlegt. Dafür setzen die Ingenieure auf neue technologische Verfahren, die aus dem modernen Bergbau stammen. Durch 30 Meter tiefe Schächte werden einzelne Rohrteile mit Loren durch einen langen Tunnel zum Zielort in bis zu zehn Kilometer Entfernung transportiert. Erst dort werden die Rohre vollständig montiert. Sobald alle Rohre installiert sind, werden sie an Klärwerke angeschlossen.

Bis 2020 soll das belastete Abwasser von 2,2 Millionen Einwohnern, Industrie und Gewerbe aufbereitet werden. Dafür sorgen künftig fünf Klärwerke, statt wie bisher nur eines. Das Wasser wird dann – gereinigt – wieder in die Emscher und ihre Zuflüsse zurückgepumpt werden.

Die Natur kehrt zurück

Hochwasser-Rückhaltebecken Dortmund-Mengede
Im Zuge der Renaturierung an der Emscher entstehen auch neue Feuchtgebiete.

Das neue, unterirdische Abwassersystem bildet die Basis für den Umbau eines Kanals zu einem natürlichen Gewässer. Bevor alles fertig ist und die neuen Kläranlagen ihren Dienst tun, führt die Emscher an vielen Stellen noch Schmutzwasser. Rund die Hälfte der kleineren Zuflüsse wurden bereits aus ihren alten Betonbetten befreit und die Uferbereiche renaturiert. Die klaren Bäche geben schon jetzt einen Vorgeschmack darauf, wie das ganze Flusssystem in Zukunft aussehen wird. Allmählich erobern sich Fische wie die Bachforelle ihren alten Lebensraum zurück. Und neu geschaffene Feuchtgebiete, die die hohe Wasserstände der Emscher ausgleichen sollen, locken seltene Vögel wie den Kiebitz. 5,3 Milliarden Euro investiert die Emschergenossenschaft in den Umbau der Emscher. Die Verwandlung eines Abwasserkanals in einen naturnahen Fluss bringt den Bewohnern des nördlichen Ruhrgebiets ihre Lebensader zurück und ist damit ein bedeutender Schritt in die Zukunft.

Autor: Michael R. Gärtner (WDR)

Stand: 13.09.2017 20:17 Uhr