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Was taugen Ernährungsstudien?

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Was taugen Ernährungsstudien? | Video verfügbar bis 20.05.2022

Ständig erscheinen neue Ernährungsstudien, die eine bestimmte Ernährungsweise oder auch einzelne Lebensmittel für besonders gesund oder ungesund erklären. Oft gewinnt man den Eindruck: Wenn man diese neuen Erkenntnisse beherzigt, dann ernährt man sich tatsächlich ideal oder ultimativ gesund. Dumm nur, dass sich am nächsten Tag mit der nächsten Studie alles schon wieder ändern kann, da sich Studienergebnisse oft widersprechen.

Viele Studien sind nicht aussagekräftig

Ernährungsprotokoll
Richtig Arbeit – das Ausfüllen von Ernährungsprotokollen.

Prof. Andreas Pfeiffer kennt all diese Studien. Der Endokrinologe und Ernährungswissenschaftler ist einer der führenden Experten, wenn es um die Auswirkungen der Ernährung auf den Stoffwechsel und die Gesundheit geht. Prof. Pfeiffer nennt als einen Grund für die widersprüchlichen Studien, dass es kompliziert und aufwändig sei, aussagekräftige Ernährungsstudien durchzuführen. Schließlich können Menschen nicht über einen längeren Zeitraum unter Laborbedingungen untersucht werden – wie Versuchstiere. Und nicht alle Studien sind optimal konzipiert. Manche haben zum Beispiel zu wenig Teilnehmer. Die Ergebnisse sind dann eher zufällig. Unterschiede, die es zwischen den Menschen gibt, fallen stärker ins Gewicht. Aber das sind nicht die einzigen Probleme.

Unterschiedliche Studienkonzepte

In Ernährungsstudien werden die Teilnehmer häufig rückblickend über ihre Ernährungsweise und ihren Gesundheitszustand der letzten Jahre befragt. Das hat den Vorteil, dass ein großer Zeitraum überblickt werden kann, ohne die Probanden über mehrere Jahre kostenintensiv zu betreuen. Außerdem können so sehr viele Menschen an der Studie teilnehmen. Der Nachteil: Wer erinnert sich schon präzise daran, was er Monate oder Jahre zuvor gegessen hat?

Genauer sind Studien,  bei denen die Probanden Ernährungsprotokolle führen müssen. Das Problem hierbei ist der Zeitaufwand für die Teilnehmer, die extrem akribisch alles notieren müssen, was sie gegessen haben. Und je länger die Studie dauert, desto häufiger verlieren die Probanden die Lust und nehmen es nicht mehr so genau. Zudem wird immer mal wieder geschummelt. Einige wollen "kleine Sünden" nicht zugeben. Auch die Auswertung ist kompliziert. Denn die Studienteilnehmer ernähren sich in der Regel sehr unterschiedlich und mit vielen verschiedenen Lebensmitteln. Aus der Flut an Daten versuchen die Wissenschaftler dann herauszufinden, welche Ernährung und welche Lebensmittel gesund oder ungesund sind. Je nach Methode kann das zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Essen für die Wissenschaft – eine Interventionsstudie

Wissenschaftlich bessere Ergebnisse liefern Interventionsstudien. Dabei bekommen die Testpersonen genaue Anweisungen, wie sie sich ernähren sollen. Solche Studien sind aufwändig. Wie aufwändig, zeigt eine aktuelle Studie der Berliner Charité und des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung. Die Wissenschaftler vergleichen innerhalb der sogenannten NutriAct-Studie zwei Ernährungsweisen, die generell empfohlen werden: Verglichen wird die fettreiche Mittelmeerkost, angepasst an den deutschen Geschmack, mit fettarmer Kost nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die DGE- Gruppe soll viel Obst und Gemüse essen, dazu Vollkornprodukte, zudem in Maßen Milchprodukte, mageres Fleisch und Fisch. Die Mittelmeergruppe soll weniger Kohlenhydrate zu sich nehmen, dafür mehr Hülsenfrüchte, Nüsse, Fisch und viel pflanzliches Öl. Anstelle von Olivenöl, das im mediterranen Raum in großen Mengen konsumiert wird, aber in Deutschland nicht so akzeptiert ist, setzen die Wissenschaftler auf Rapsöl.

Fett oder Kohlenhydrate?

Eine Frau steht an einem Flipchart und spricht zu mehreren Personen
Intensive Betreuung ist wichtig!

500 Personen nehmen an der Studie teil. Die Forscher wollen herausfinden, bei welcher der beiden Ernährungsweisen die Probanden geistig und körperlich länger fit bleiben. Sie überprüfen regelmäßig unter anderem Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Konzentrationsfähigkeit. Zusätzlich nehmen sie Blutproben, die Auskunft über chronische Erkrankungen geben – zum Beispiel Blutfett-, Entzündungs- und Zuckerwerte. Und sie können anhand des Blutes kontrollieren, ob sich die mediterrane Gruppe tatsächlich an die Ernährung mit pflanzlichen Fetten hält.

Um den Probanden die Einhaltung der für viele ungewohnten mediterranen Kost schmackhafter zu machen, entwickeln die Forscher zudem Lebensmittel, die dem gewohnten Essen entsprechen, aber zum Beispiel weniger Kohlenhydrate und mehr Eiweiß enthalten –etwa Nudeln aus Linsen. Außerdem bekommen die Teilnehmer über die gesamte Studienlaufzeit von drei Jahren eine Ernährungsberatung, damit ihre Motivation erhalten bleibt.

Aber selbst solche gut gemachten und sehr teuren Studien haben einen Haken: Die Probanden leiden in aller Regel bereits an einer Vorerkrankung. Etwa Bluthochdruck, erhöhtem Blutzucker oder Übergewicht. Das machen die Wissenschaftler so, weil Menschen mit Vorerkrankungen schneller und deutlicher als Gesunde auf Ernährungsumstellungen reagieren.

Ist für Gesunde gut, was bei Kranken hilft?

Frisches Gemüse
Frisches Gemüse: Für die meisten Menschen eine gute Wahl!

Da stellt sich die Frage, ob sich die Ergebnisse auf Gesunde übertragen lassen. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise, sagt Prof. Pfeiffer. Zwar mache eine ungesunde Ernährung nicht sofort krank. Aber Pfeiffer geht davon aus, dass die Ernährungsweise im mittleren Lebensalter mitbestimmt, wie groß das Risiko für chronische Zivilisationserkrankungen ist, die meist im Alter von 50, 60 oder 70 Jahren auftreten. Und natürlich beeinflusst sie auch das Körpergewicht. Und deutliches Übergewicht ist tatsächlich der Hauptfaktor für die meisten Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Herz-Kreislauferkrankungen.

Was ist wirklich gesund? Was ist wissenschaftlich belegt?

Festzuhalten bleibt: Ernährungsstudien sind kompliziert. Nur wenige liefern wissenschaftlich fundierte Ergebnisse. Belegt ist, die mediterrane Ernährung ist für viele gesund. Ebenso, dass Gemüse genauso wie pflanzliches Eiweiß, Nüsse und Vollkornprodukte eine herzschützende Wirkung haben. Für viele andere Lebensmittel gibt es keine eindeutigen Ergebnisse. Es lohnt sich also offenbar nicht, dem neuesten Ernährungstrend hinterherzulaufen. Einzelne Lebensmittel zu verteufeln oder zu idealisieren ist wissenschaftlich selten haltbar. Das sollte man im Kopf behalten für bei der nächste "ultimative" Ernährungsempfehlung.

Studienteilnehmer gesucht: 
Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung sucht regelmäßig Teilnehmer für Ernährungsstudien. Interessenten können am Standort Nuthetal oder am Standort Berlin an Untersuchungen zu den Themen "Diabetes, Fettleber und metabolisches Syndrom" mitwirken.
Kontakt:
Berlin: (030) 450 51 44 39 (mit AB), E-Mail: diabetes@charite.de
Nuthetal: (033200) 88 2778 (mit AB), E-Mail: gesund.leben@dife.de

Autorin: Anja Galonska (HR)

Stand: 19.05.2017 21:29 Uhr

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