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Der Feind auf meinem Teller – Ernährungsextremisten

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Der Feind auf meinem Teller - Ernährungsextremisten | Video verfügbar bis 04.06.2020 | Bild: ARD

Sie verteufeln Weizen oder tierische Produkte, essen nur noch Rohes oder nach der Steinzeitdiät: Die Angst, sich ungesund zu ernähren, treibt immer mehr Menschen in den Ernährungsextremismus.

Menschen am veganen Brunch-Buffet.
Veganer Brunch in Karlsruhe. | Bild: SWR / Screenshot

"So, also hier haben wir die süße Ecke, da kannst du das dazustellen" – gerade noch erklärt Silke Bott einer Frau, wo auf dem Buffet sie ihre mitgebrachten Muffins abstellen kann, da zupft schon der Nächste mit einer Frage an ihrem Ärmel. Die 32-Jährige hat Stress – sie organisiert den veganen Brunch in Karlsruhe. Hundert Leute haben sich auch dieses Mal angemeldet, wie jeden Monat seit jetzt schon zwei Jahren. Der vegane Lifestyle wird immer beliebter. Silke Bott lebt schon seit zehn Jahren fleischlos glücklich.

Bevor sie Veganerin wurde plagten sie ständig Nierenbeckenentzündungen. Die Krankheit wurde chronisch, ihr Arzt kündigte ihr schließlich an, sie müsse bald an die Dialyse. Für Bott ein großer Schock. Doch als sie begann, sich vegan zu ernähren, hörten auch plötzlich die Entzündungen auf. Für Bott der Beweis, dass vegane Ernährung – ihre Ernährung –  die gesündeste ist: "Die gesättigten Fettsäuren, Cholesterin, alles, wo jeder Gesundheitsratgeber eigentlich sagt: reduzieren, reduzieren, reduzieren – das schafft man, wenn man das Fleisch vom Teller streicht und dafür viel Obst und Gemüse isst. Gesünder geht's ja dann eigentlich fast gar nicht mehr!"

Selbsternannte Experten

Silke Bott, Veganerin
Silke Bott ist seit zehn Jahren Veganerin. | Bild: SWR / Screenshot

Doch Silke Bott reduziert nicht, sie streicht. Und das tun immer mehr Menschen, aus Angst, etwas Schädliches könne sonst auf ihrem Teller landen. Auch Bott ist beruhigt, seitdem sie die Lebensmittel gestrichen hat, die sie als Krankheitserreger identifiziert hat: "Ich brauche nie Angst haben, egal was ich in den Kühlschrank reinlege, oder was ich raushole, dass das meine Gesundheit gefährden könnte!" Dass sie dafür Nahrungsergänzungsmittel wie etwa Vitamin B12 nehmen müssen, stört die Veganer nicht. Die Angst vor dem, was auf dem eigenen Teller landen könnte, bringt immer mehr Menschen dazu, auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten.

Geschürt werden die diffusen Ängste im Internet, wo sich zahlreiche selbsternannte Experten längst großer Beliebtheit erfreuen. Sie predigen abwechslungsweise vegane Ernährung als bestes Mittel gegen sämtliche Krankheiten Bluthochdruck, Diabetes Typ 1+2, Rheuma, Krebs, Asthma, Darmprobleme, Depressionen, Allergien – also wirklich nahezu alle. Oder aber sie warnen vor einzelnen Lebensmitteln, wie etwa Weizen. Er habe Opiopeptide in sich, die aufs Gehirn wie Opiate wirken, außerdem könne er Alzheimer verursachen oder verschlimmern. Aussagen, die Millionen Klicks erhalten – und gestandene Ernährungswissenschaftler ärgern. Denn gegen das Internet kommt auch ein Wissenschaftler vom Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel wie Professor Bernhard Watzl kaum an.

Frustrierte Ernährungswissenschaftler

Ernährungswissenschaftler Prof. Bernhard Watzl lauscht den Thesen der Veganer.
Verärgert: Professor Bernhard Watzl. | Bild: SWR / Screenshot

"Das macht es für mich als Wissenschaftler zunehmend schwierig und auch frustrierend, mich dazu in der Öffentlichkeit zu äußern und für den Verbraucher wirklich die Schwierigkeit, zu entscheiden: Wem kann ich nun glauben?", sagt Watzl dann auch auf die Frage, welche Schwierigkeiten er in den Ernährungsgurus des Internets sieht. Dabei kann er viele Thesen einfach widerlegen. Auch die der Veganer beim Brunch – etwa, dass Vitamin B12 auch in Getreideprodukten und  Hülsenfrüchten vorkommt. "Es ist ganz eindeutig so, dass Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt und nicht in pflanzlichen", sagt Watzl. Das hängt damit zusammen, wie das Vitamin gebildet wird – durch Mikroorganismen. In pflanzlichen Lebensmitteln können Spuren des Vitamins vorkommen – dann müsste man aber tonnenweise davon essen, um einen normalen Vitamin-B12-Haushalt zu erreichen.

Auch die These der Veganer, Allesesser hätten ab dem 50. Lebensjahr dieselbe Häufigkeit, einen B12-Mangel zu haben, ist falsch – so Watzl. Denn für die Aufnahme des Vitamins ist ein Co-Faktor nötig, ein Enzym, das die Darmschleimhaut produziert. Lediglich bei sehr alten Menschen, ab 80, 90 Jahren, könne die Produktion des Enzyms nicht ausreichend sein und somit die Aufnahme von Vitamin B12 erschweren. Doch die Veganer bleiben dabei: Es gehe ihnen besser, seitdem sie sich vegan ernähren.

Vom einen Extrem ins andere

Nicht weiter verwunderlich für den Ernährungswissenschaftler, denn eine Ernährungsumstellung bewirke immer eine Veränderung des Körpergefühls, die positive Erwartungshaltung tut ihr übriges. Außerdem spielt natürlich eine große Rolle, wie sich Neu-Veganer, Neu-Steinzeitdiätiker und Co. zuvor ernährt haben. Auch Hanjo Fritzsche hat seine Ernährung radikal umgestellt. Früher war er Veganer. Jetzt begleiten wir ihn zu seinem Lieblings-Metzger. "Ich hätte mich ja selber früher dafür auch gehasst, dass ich hier quasi den Auftragsmord für das Tier begehe", lacht Fritzsche, während er an der Fleischtheke zwei extra dicke Steaks ordert. "Aber irgendwann habe ich mich dazu entschieden, dass es für meine Gesundheit aber doch besser ist, tierische Produkte zu essen – und das schließt auch Fleisch mit ein."

Isst nach der Steinzeitdiät: Hanjo Fritzsche.
War früher Veganer: Hanjo Fritzsche. | Bild: SWR / Screenshot

Dafür isst er jetzt nach der Steinzeitdiät: Erlaubt ist alles, was auch der Steinzeitmensch schon gegessen hat: Gemüse, Obst, Fleisch, Nüsse, Samen und Eier. Alles, was später durch Ackerbau und Viehzucht dazu kam, ist verboten. Getreide und Milchprodukte, genau so wie hochverarbeitete Lebensmittel und Junkfood. Die These: Wir hatten nicht genug Zeit, uns genetisch an die modernen Lebensmittel anzupassen – deshalb kann nur die Rückkehr zum Ursprung die Lösung sein. Im Getreide vermutet Hanjo Fritzsche außerdem Stoffe, die ihn krank machen könnten. Er hat es von seinem Teller gestrichen.

Lustige Theorien

"Man muss sich das so vorstellen", erklärt Hanjo Fritzsche die Theorie, "das ist wie ein Fraßschutz. Getreide will nicht gefressen werden. Ein Tier will auch nicht gefressen werden – das hat Krallen und ein Gebiss, um sich zu wehren. Getreide wehrt sich mit den Schutzstoffen in der Schale von dem Korn und das haben wir vor allem auch im Vollkorn drin. Und diese Stoffe, die wirken auf unseren Körper. Teilweise auf Gehirnebene, teilweise auf Darmebene und können damit beitragen, dass sich Krankheiten entwickeln."

"Ja, das ist ne lustige Theorie", lächelt Professor Bernhard Watzl, als wir ihm unsere Aufnahmen vorspielen. "Alle Pflanzen enthalten Schutzstoffe, das hat die Biologie so vorgesehen", erklärt der Ernährungswissenschaftler. "Aber wir als Menschen haben gelernt, über Jahrtausende, die Pflanzen auszuwählen, die nur die Schutzstoffe für Pflanzen haben, mit denen wir als Menschen zurechtkommen. Getreide zählt dazu. Und die Schutzstoffe, die wir im Getreide vorliegen haben, sind letztendlich auch Schutzstoffe für den Menschen. Wir wissen eindeutig dass zum Beispiel in Hinblick auf die Prävention von Dickdarmkrebs genau diese Schutzstoffe im Getreide für uns einen Nutzen darstellen, indem sie das Dickdarmkrebsrisiko senken können."

Boom der Ideologien

Doch auch der Steinzeitdiät-Anhänger bleibt dabei: "Da bin ich mir hundertprozentig sicher, dass eine Ernährung, die darauf ausgerichtet ist wie meine Vorfahren sich ernährt haben, optimal für meine Gesundheit ist." Wenn eine eins zu eins Kopie der Steinzeiternährung denn möglich ist. Denn viele Gemüsearten gab es in der Steinzeit noch nicht, sie sind neuere Züchtungen. Das Fleisch der Steinzeittiere war ganz anders zusammengesetzt als das heutiger Kühe, Schweine und Hühner. Der Mensch war damals ganz anderen Umwelteinflüssen ausgesetzt und aß schlicht alles, was er finden konnte. DIE Steinzeiternährung gibt es nicht. Trotzdem boomen Ernährungsideologien wie die Steinzeitdiät, weil ihre klaren Botschaften Orientierung geben. Nur geschieht das meist eher mit Glauben, als mit Wissen.

Autorin: Sophie Wenkel (SWR)

Stand: 08.06.2015 09:34 Uhr

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Sa, 06.06.15 | 16:00 Uhr