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Green City Essen: Der lange Weg von Grau zu Grün

Green City Essen: Der lange Weg von Grau zu Grün | Video verfügbar bis 30.09.2022

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass ausgerechnet Essen jemals zu einer lebenswerten Stadt würde. Ein Industriemoloch mitten im größten Ballungsraum Europas, über Generationen mit Kohle und Stahl verbunden. Der Inbegriff von nahezu jeder nur denkbaren Umweltsünde: Tote Flüsse, die zum schwarzen Himmel stanken, trostlose Architektur, das Stadtgebiet zerschnitten von Verkehrsschneisen. Aber blickt man heute von oben auf die Stadt, sieht man viel Grün. Mit 53,1 Prozent Grün- und Freiflächen steht Essen als grüne Großstadt in Deutschland hinter Magdeburg und Hannover an dritter Stelle. Essen wurde 2017 von der Europäischen Kommission zur "Grünen Hauptstadt Europas" gekürt.

"Essen. Neue Wege zum Wasser"

Radfahrer
Radfahren auf dem ehemaligem Zechengelände.

"Essen. Neue Wege zum Wasser" heißt ein Programm, mit dem eine ganze Stadtlandschaft neu geplant wurde. Vom Emschertal im industriellen Norden bis hin zum Baldeneysee im ländlich geprägten Süden vernetzte man Grünflächen und legte neue Wege an. Auf stillgelegten Bahntrassen und brachliegendem Gelände kann man Spazierengehen oder Fahrradfahren – und das fast immer am Wasser entlang. Inzwischen lässt es sich in der Nähe der ehemaligen Zechen gut wohnen. Dazu trugen auch Wohnprojekte wie die "Neue grüne Mitte" auf einem ehemaligen Bahngelände bei. Ein Drittel des Areals besteht aus Wasser und Grünflächen. Möglich geworden ist der Wandel erst durch das Ende der Kohle in den 1980er-Jahren. Die wichtigsten Weichen wurden dazu zwischen 1989 und 1999 mit der "Internationalen Bauausstellung Emscher Park" gestellt. Aus der Industrielandschaft mit ihren oft über Jahrzehnte brachliegenden Gebäuden wurde durch Umnutzung eine Kulturlandschaft. Prominentestes Beispiel: die Zeche Zollverein, heute längst Weltkulturerbe.

Grüne Lunge als Ausgleich

Schiff auf dem Baldeneysee
Auch am Baldeneysee sind die Relikte der Industrie unübersehbar.

In dem Maße, in dem man die Natur zerstörte, sorgte man an anderer Stelle mit "grünen Lungen" für Ausgleich. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden aus Bürgerinitiative die ersten öffentlichen Parks in der Innenstadt. Die schwer arbeitende Bevölkerung sollte sich nach Feierabend in Parks und Wäldern erholen können. In den 1920er- und 1930er- Jahren nahm man gleich zwei Mammutprojekte in Angriff: die Essener Gruga, einen Park mit inzwischen 65 Hektar Fläche und den Baldeneysee, für den die Ruhr aufgestaut wurde. In erster Linie sollte er der Trinkwasserversorgung dienen, in zweiter als Naherholungsgebiet. Seit Sommer 2017 darf man nun nach 46 Jahren wieder in ihm schwimmen. Immerhin war auch die Ruhr mal ein Industriefluss.

Die Villa Hügel: öffentlicher Park

Villa Hügel und Baldeneysee aus der Vogelperspektive
Die Villa Hügel thront über dem Baldeneysee.

Hoch über den Ufern des Baldeneysees thront die Villa Hügel, die als Wohn- und Repräsentationshaus der Familie Krupp diente. Der Industriellen-Clan wohnte zunächst im Essener Norden auf dem Werksgelände, floh aber angesichts von Lärm und Dreck in den Essener Süden. Ihre prächtige Immobilie umgab sie mit einem Park und weil man nicht warten wollte, bis die Bäume von selber wuchsen, ließ man gleich 100-jährige Exemplare woanders ausgraben und zuhause einpflanzen. Heute ist der ehemals private Park öffentlich zugängig. Ein künstliches Paradies mit Blick über einen ebenfalls künstlichen See – ein charakteristisches Bild für die Entwicklung der Stadt Essen.

Der Essener Norden: Erholung im neuen Krupp-Park

Senioren sitzen unter Sonnenschirmen im Krupp-Park.
Der neue Krupp-Park: Früher qualmten hier die Schornsteine der Kruppschen Gussstahlfabrik.

Miniatur-Segelboote fliegen über das Wasser, am Uferrand des Sees sitzt ein halbes Dutzend Rentner mit Fernbedienungen in der Hand. Jugendliche mit Fahrrädern und Kofferradios drehen ihre Runden. Vor ein paar Jahren wäre diese Szenerie im Essener Norden noch undenkbar gewesen. Denn anstelle eines Parks mit See gab es hier über sechs Jahrzehnte nur Brachland. Der Essener Norden war traditionell von Zechen, Fabriken und enger Bebauung geprägt und stand für all das, was Essen grau und  trostlos machte. Ein Ort der Arbeit und nicht etwa der Erholung. Grünflächen waren rar gesät. Früher stand hier die Kruppsche Gussstahlfabrik - die größte Stahlfabrik der Welt, eine Stadt in der Stadt. Für den neuen Krupp-Park wurden jetzt 400.000 Quadratmeter Boden verschoben und 700 Bäume gepflanzt. 

Autorin: Ulrike Brincker (WDR)

Stand: 30.09.2017 13:47 Uhr

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