SENDETERMIN Sa, 26.09.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Glasherstellung einst und heute

PlayGlasfläschchen
Glasherstellung einst und heute | Video verfügbar bis 24.09.2020

Glas ist für uns moderne Menschen etwas völlig Alltägliches. Wir leben hinter Glasfassaden, benutzen jeden Tag Gefäße aus Glas und starren ständig durch gläserne Scheiben in Fenstern und Mobiltelefonen. Auf die Frage was Glas eigentlich genau ist, wissen die meisten allerdings keine Antwort. Dabei begleitet uns dieses faszinierende Material schon seit ein paar 1.000 Jahren.

Vom Nebenprodukt...

Glasrezept in Keilschrift
In Keilschrift: Das älteste bekannte Glasrezept.

Die Zutaten sind eher simpel: Sand, Kalk und Soda. Allerdings braucht es enorme Hitze, so etwa zwischen 1.400 und 1.600 Grad, um diese Mischung zu Glas zu schmelzen. Vor rund 4.000 Jahren waren unsere Vorfahren bereits in der Lage so heiße Feuer zu entfachen. Das hatten sie beim Experimentieren mit Brennöfen für Tongefäße gelernt. In solchen Öfen, irgendwo im östlichen Mittelmeerraum, entstand dann auch das erste von Menschen erzeugte Glas. Die sodahaltige Asche und die hohen Temperaturen der Feuer, dazu der sand- und kalkhaltige Untergrund der Öfen- die ersten Klümpchen Glas oder glasigen Überzüge in den Brennöfen waren wahrscheinlich ein zufälliges Nebenprodukt.

...über den Werkstoff…

Antikes Glasgefäß
Antikes Glasgefäß: Extrem aufwändiger Herstellungsprozess.

Ob die gezielte Herstellung von Glas in Mesopotamien, in Ägypten oder an der Levanteküste erfunden wurde, lässt sich nicht sicher beantworten. Die ältesten Glasfunde belegen aber, dass Menschen schon um curca 2000 vor Christus (v. Chr.) Glasobjekte herstellten. Zunächst einfache Gegenstände wie Glasperlen. Aus dem Jahr 1600 v.Chr. sind Glas-Amulette bekannt, die direkt in der Form geschmolzen wurden. Um 650 v.Chr. ließ ein assyrischer König das älteste bekannte Glasrezept in Keilschrift festhalten: "Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide - und Du erhältst Glas."

...zum Handwerk

Glasmacher in einer Werkstatt.
Die Glasmacherpfeife leitete eine handwerkliche Revolution ein.

Die Techniken der frühen Glasmacher entwickelten sich schnell weiter. Schon bald lernten sie daraus Hohlgefäße herzustellen, mit einer einfachen aber aufwendigen Technik: Ein feuchter Kern aus Lehm und Sand wurde in pulverisiertem Glas gewälzt und das Glas im Ofen aufgeschmolzen. Das noch heiße Werkstück wurde erneut im Glaspulver gewälzt und wieder erhitzt. Diesen Vorgang wiederholten die Glasmacher so oft, bis sich eine stabile Glasschicht um den Kern herum gebildet hatte. Nun musste man den Kern nur noch aus der Form herauskratzen und den Hohlkörper mit Fuß und Henkeln versehen. Glas wurde zu einem weit verbreiteten Luxusartikel in der Antike. Neben Fläschchen und Tiegeln gehörten bald auch bunte Glasschalen mit aufwendigen Designs zur Ausstattung der gehobenen Haushalte rund um das östliche Mittelmeer.

Drauf gepfiffen

Aufgeschnittener Glaszylinder
Altes Verfahren: Ein aufgeschnittener Glaszylinder wird im Ofen zur Fensterscheibe.

Um 50 v. Chr. ereignete sich dann eine wahre Revolution in der Glasherstellung: Die Entwicklung der sogenannten Glasmacherpfeife läutete ein neues Zeitalter in der Verarbeitung des vielseitigen Materials ein. Die Römer verbreiteten die Kunst des Glasblasens in ihrem gesamten Imperium und schon bald gab es Gefäße in allen erdenklichen Formen, Farben und Größen. Glasgegenstände waren nicht länger rare Luxusartikel. Trotzdem bleiben sie für den größten Teil der Menschen zunächst unerschwinglich.

Scheibchenweiser Fortschritt

Floatglasverfahren
Beim Floatglasverfahren glättet flüssiges Zinn die Oberfläche der Scheiben.

Scheiben aus Glas waren noch selten. Sie wurden meistens durch das Ausgießen der Glasschmelze auf einen feuerfesten Untergrund hergestellt. Entsprechend dick und schlierig waren die Scheiben. Dünne, relativ glatte und durchscheinende Scheiben stellten die Menschen im Mittelalter erstmals mithilfe der Glasmacherpfeife her.

Dazu bliesen die Glasmacher einen großen Zylinder aus Glas, der noch im heißen Zustand an beiden Enden geöffnet wurde. Den abgekühlten Zylinder schnitten sie längs auf und gaben ihn erneut in einen Ofen. Bei etwas milderen 900 Grad ließ sich der Zylinder nun ganz einfach auseinander klappen, fertig war die Glasscheibe. Über die Jahrhunderte entwickelten die Glasmacher verschiedenste Techniken um Glasscheiben herzustellen.

Modernes Glas

Glasscheibe
Heute ein Massenprodukt, das unsere Umwelt prägt: die Glasscheibe.

Die erfolgreichste Methode ist noch nicht einmal hundert Jahre alt: das Floatglas-Verfahren. Mit ihm kann die Glasindustrie das ständig wachsende Bedürfnis nach extrem glatten und großen Scheiben erfüllen. Das Geheimnis hinter den super glatten Glasscheiben ist ein "Bett" aus flüssigem Zinn. Auf dem schwimmt die zähflüssige Glasmasse, wenn sie aus dem Schmelz-Ofen kommt. Hier kühlt das entstehende "Glasband" etwas ab und wird schließlich mit Rollen aus dem Bad gezogen. Die Oberfläche des flüssigen Zinns ist so glatt, dass das Glas keine noch so kleinen Abdrücke von unten bekommt. Nach einer Fahrt durch den Kühltunnel trennt ein computergesteuertes Schneidrädchen das endlose Glasband in einzelne Scheiben auf.

Gläserne Welt

Ohne diese Methode der modernen Glasscheiben-Herstellung würde unsere Welt völlig anders aussehen. Bürotürme aus Stahlbeton und Glas wären undenkbar und der Blick aus dem Fenster wäre irgendwie schlierig. Die Erfindung des Glases hat uns so nützliche Dinge wie lichtdurchflutete und gleichzeitig geschützte Räume, praktische Trinkgefäße und vieles mehr beschert, das uns ein angenehmes Leben ermöglicht. Es war also ein wahrhaft glücklicher Zufall, der unsere Vorfahren vor mehr als 4.000 Jahren dieses vielseitige Material entdecken ließ. Der menschliche Forscherdrang sorgte schließlich dafür, dass das Potential dieses Zufallsprodukts bis heute immer weiter ausgeschöpft wird.

Autorin: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 26.09.2015 16:06 Uhr