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Zu viel Nitrat im Boden: Wohin mit der Gülle?

Zu viel Nitrat im Boden: Wohin mit der Gülle?  | Video verfügbar bis 23.09.2022

Rinder, Schweine und andere Nutztiere in deutschen Ställen produzieren jedes Jahr geschätzt etwa 300 Millionen Tonnen Urin und Kot. Ein großer Teil davon fällt als Gülle an. Das Positive: Gülle ist reich an Stickstoff und Phosphor, zwei wichtigen Nährstoffen für das Wachstum landwirtschaftlicher Nutzpflanzen. Das Problem: Äcker und Wiesen können nicht unbegrenzt Gülle aufnehmen. Was die Pflanzen nicht nutzen können, versickert an ihren Wurzeln vorbei in tiefere Schichten des Bodens, landet früher oder später im Grundwasser und belastet dieses, zum Beispiel in Form von Nitrat.

Güllebörsen: Die Gülle geht auf Reisen 

Besonders hohe Nitratwerte finden sich in agrarindustriell geprägten Gegenden, in denen intensiv Tierhaltung betrieben wird. Und das, obwohl es gesetzlich geregelte Obergrenzen dafür gibt, welche Mengen an Gülle überhaupt ausgebracht werden dürfen. Alles, was nicht auf eigenen Flächen entsorgt werden kann, muss daher in andere Regionen oder gar Länder mit geringerer Viehdichte transportiert werden.  

Sogenannte Güllebörsen vermitteln den Überschuss aus den tierhaltungsintensiven Regionen an Landwirte, die überwiegend Ackerbau betreiben, und die Gülle als kostenlosen Dünger verwenden wollen. So kommt es, dass Gülle mit Tanklastern von der niederländischen Grenze bis tief hinein nach Mecklenburg-Vorpommern verfrachtet wird. 

 Schluss mit dem Gülletourismus 

Jessica Bilbao
Fraunhofer-Forscherin Jessica Bilbao hat eine Lösung für das Gülleproblem.

Ökologisch und ökonomisch ist das eine suboptimale Lösung, findet Jessica Bilbao vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart: "Gülle besteht zu rund 90 Prozent aus Wasser. Und Wasser zu transportieren ist einfach wahnsinnig ineffizient und teuer." Was aber nichts daran ändert, dass es Regionen in Deutschland und Europa gibt, in denen Dünger dringend gewünscht und benötigt wird. In Ermangelung an organischen Düngern greifen Landwirte hier oft auf mineralische Dünger zurück, die sehr energieaufwändig hergestellt werden müssen und – im Falle von Phosphor – auf Rohstoffe aus Krisenregionen angewiesen sind. 

Jessica Bilbao und ihre Kollegen glauben, eine Lösung für beide Probleme gefunden zu haben: "Unsere Idee war, dass wir aus der Gülle die Nährstoffe extrahieren, damit wir dann nur die zu anderen Regionen transportieren können."

Pilotprojekt: Wie Gülle und Gärreste in ihre Bestandteile zerlegt werden

Zwei Flüssigkeiten in Glasbehältern
Vorher – nachher, Gülle und Restflüssigkeit nach der Behandlung

Unter dem Namen BioEcoSIM entwickelten die Fraunhofer-Forscher zusammen mit 15 Projektpartnern eine Pilotanlage, die Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen in ihre Bestandteile zerlegen kann. In einem ersten Prozessschritt wird die Gülle vorbehandelt, damit sich der kostbare Phosphor, der überwiegend in den Feststoffen steckt, in der Flüssigkeit löst. Dann werden die Feststoffe aus der Gülle herausgefiltert. Anschließend werden aus der immer noch sehr trüben Brühe Phosphor und Stickstoff in Form von Phosphorsalz und Ammoniumsalzen gewonnen, geruchsfreie Pulver, die granuliert werden können, damit Landwirte sie genau so einfach ausbringen können wie industriell hergestellte Mineraldünger. 

Übrig bleibt eine fast klare Flüssigkeit, die als Gießwasser problemlos wieder auf den Feldern ausgebracht werden kann. Und auch die aus der Gülle herausgefilterten Feststoffe lassen sich theoretisch noch verwenden – als Bodenverbesserer. Dafür wird im Gartenbau bislang oft Torf verwendet, dessen Abbau Moore zerstört und das Klima schädigt. 

 Recycling-Dünger gleichwertig mit handelsüblichen Mineraldüngern

Die Qualität der Recycling-Dünger wurde unter anderem durch die Universität Hohenheim geprüft und als gleichwertig mit handelsüblichen Mineraldüngern beurteilt. Technisch ist das Verfahren also hieb- und stichfest. Aber rechnet sich es auch wirtschaftlich? 

"Allein vom Erlös der Produkte würde es sich im Moment noch nicht tragen", räumt Jessica Bilbao ein, „aber da die Landwirte momentan für die Entsorgung ihrer überschüssigen Gülle sehr viel Geld bezahlen, ist es trotzdem jetzt schon eine lohnende Investition."

 Eine, die sich auch mehrere Betriebe teilen können. Der nächste Schritt ist darum der Bau mobiler Anlagen, die beispielsweise über die landwirtschaftlichen Maschinenringe angemietet werden könnten. Erste Bestellungen liegen bereits vor. 

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 23.09.2017 13:14 Uhr

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