SENDETERMIN Sa, 09.09.17 | 16:00 Uhr | Das Erste

Hamburg: Millionengrab Hafenschlick

Hamburg: Millionengrab Hafenschlick

Wer von Problemen des Hamburger Hafens hört, denkt fast automatisch an die geplante neunte (!) Elbvertiefung. Diese soll zwar kommen, um den immer größeren Containerschiffen die tidenunabhängige Zufahrt zum Hafen ermöglichen. Die Hansestadt muss aber noch vom Bundesverwaltungsgericht geforderte Nachbesserungen umsetzen. Doch schon jetzt werden Elbe und Hafen permanent ausgebaggert. Und das nur, um die Solltiefe von derzeit etwa 16,50 Meter zu halten. Das Problem: In der Fahrrinne und den Hafenbecken setzen sich ständig große Mengen Sediment und Elbschlick ab.

Baggerei kostet Steuerzahler Millionenbeträge

Baggerschiff
Bis zu vier Baggerschiffe setzt die Hamburger Hafenverwaltung ein, um die Fahrrinne der Elbe von überschüssigem Schlick zu befreien.

Durch den sogenannten Tidal Pumping-Effekt drücken von der Nordsee mit der Flut große Mengen von Schlick in die Elbe. Der "Ebbstrom" Richtung Nordsee ist weniger stark und transportiert den Schlick daher nicht vollständig wieder ab. So lagert sich nach und nach sich immer mehr Sediment ab. Im Rahmen der sogenannten Unterhaltsbaggerung sind regelmäßig Baggerschiffe auf den 130 Kilometern zwischen Elbmündung und Hafen unterwegs, um die Fahrrinne für die großen Containerschiffe passierbar zu halten.

Allein auf Hamburger Gebiet wurden im vergangenen Jahr 11,5 Millionen Kubikmeter Schlick gebaggert. Insgesamt kostete das Problem die Steuerzahler 2016 die Rekordsumme von 100 Millionen Euro. Und verschiedene Experten warnen, dass die Baggermengen noch dramatisch zunehmen werden, insbesondere nach einer weiteren Elbvertiefung werde sich das Problem verschärfen.

Komplexes Entsorgungskonzept – mit Mängeln

Nur ein verschwindend geringer Teil, nämlich 360.000 Kubikmeter Baggergut, wurde im Jahr 2016 an Land entsorgt. Dieser Schlick stammt zumeist aus Hafenbecken, die durch jahrzehntelange Einträge aus Hafenbetrieben beziehungsweise Fabriken/Landwirtschaft entlang der Elbe stärker mit Schadstoffen (Schwermetalle, Pflanzenschutzmittel) belastet sind. In der sogenannten METHA-Anlage, der Mechanischen Trennung von Hafensediment, werden in einem komplexen Verfahren die schwerer belasteten Schlickteile vom grobkörnigen Sand getrennt und anschließend in zwei Sonderdeponien eingelagert. Etwa 3,7 Millionen Kubikmeter wurden im Jahr 2016 mit Baggerschiffen auf offener See verklappt, kurz vor Helgoland. Durch die von Südwest kommende Strömung wird dieses Sediment allerdings häufig Richtung schleswig-holsteinische Küste verdriftet. Umweltschützer kritisieren, dass dieses Material oftmals noch Schadstoffanteile weit über den erlaubten Grenzwerten enthalte und so das Wattenmeer belaste.

Kritiker sprechen von "Kreislaufbaggerei"

Schlick auf einem Schiff
Problem "Kreislaufbaggerei": Beim Verklappen des Elbschlicks an der Hamburger Stadtgrenze wird das Sediment durch die Strömung zurück in den Hafen getrieben.

Die für Hamburg scheinbar billigste Lösung ist das Verklappen direkt an der Stadtgrenze. Im Jahr 2016 setzten die Baggerschiffe hier rund 7,5 Kubikmeter Schlick um. Doch dieses Entsorgungsprinzip ist auch das umstrittenste, wie der Hamburger Ingenieur Werner Möbius erläutert. Die Baggerschiffe nehmen ähnlich wie Staubsauger Schlick vom Grund der Fahrrinne auf und verklappen ihn nur wenige Kilometer weiter flussabwärts (direkt an der Stadtgrenze) durch Luken im Schiffsrumpf wieder in die Elbe. Dabei wird allerdings durch Verwirbelung und Strömung ein großer Teil des Sediments vom Elbestrom wieder dorthin transportiert, wo es gerade herkommt – in die Fahrrinne Richtung Hamburg und in die Hafenbecken. Werner Möbius hat ein Patent entwickelt, mit dem der Schlick dauerhaft und dadurch kostengünstiger und umweltfreundlicher entsorgt werden könnte.

Neue Technik im Laborversuch erfolgreich

Bauingenieur Werner Möbius
Bauingenieur Werner Möbius (Mitte) und seine Mitarbeiter tüfteln im firmeneigenen Strömungsbecken an einer Lösung für das Hamburger Schlickproblem.

Der Plan des Hamburger Ingenieurs sieht vor, dass die Baggerschiffe den Schlick nicht selber verklappen, sondern auf ein (noch zu bauendes) Sammel- und Transportschiff abpumpen. Dieses fährt dann mit der Ladung heraus in die Nordsee und verdichtet dabei das Material in seinem Rumpf zu einer zähen Masse. Diese ließe sich weit draußen auf der Nordsee in 30 bis 40 Meter Tiefe über eine spezielle Abpumpvorrichtung direkt auf den Meeresboden deponieren. Lage für Lage wird dabei so eingebaut und geglättet, dass das Material nicht wie bisher verwirbeln kann.

Die Erosionsstabilität der so entstehenden Schlicklagerstätten hat Möbius im eigenen Forschungslabor getestet, die Pläne für das neue Baggerkonzept stehen. Nun wartet der Hamburger Ingenieur auf eine Rückmeldung von der Hamburger Wirtschaftsbehörde, der er das Konzept vorgestellt hat.

Autor: Sebastian Bellwinkel (NDR)

Stand: 09.09.2017 11:40 Uhr