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Wie gut sind Hörgeräte?

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Wie gut sind Hörgeräte? | Video verfügbar bis 16.04.2020

Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland hören schlecht. Doch die wenigsten tragen Hörgeräte. Das kann gravierende Folgen haben, vor allem im fortgeschrittenen Alter: "Eine Altersschwerhörigkeit, die nicht versorgt ist, ist der Hauptrisikofaktor für die Altersdemenz", sagt Prof. Arneborg Ernst, Direktor der HNO-Klinik am Unfallkrankenhaus Berlin: "Wenn Sie nicht kommunizieren können und wenn Sie keine aktive Beziehung zu Ihrer Umwelt mehr haben, gehen Sie in den sozialen Rückzug und dann droht Ihnen eine Altersdepression."

Risiko für Altersdemenz

HNO-Arzt beanhelt einen Patienten.
Vor dem Hörtest kontrolliert der HNO-Arzt, ob Erkrankungen vorliegen.

Je länger eine Schwerhörigkeit besteht, umso nachhaltiger bauen die Strukturen im Gehirn ab, die für das Hören zuständig sind: "Wenn das Innenohr altersbedingt degeneriert, dann sterben auch die Anteile dahinter ab, insbesondere die Nervenfasern, die Verbindungen zwischen rechts und links und mit anderen Feldern im Gehirn herstellen. Und das ist problematisch: Je länger das dauert, umso aufwendiger ist es dann wieder, ein vernünftiges Hören herzustellen."

 Tonaudiogramm
Anhand des Hörtests erstellt der Akustiker das sogenannte Tonaudiogramm

Entscheidend sei daher, dass ein Hörverlust rechtzeitig erkannt und mit einem Hörgerät versorgt werde. Doch vielen Betroffenen fällt nur auf, dass andere zunehmend nuscheln und dass der Fernsehton immer schlechter verständlich ist. "Leider ist die Ignoranz gegenüber einer Hörstörung am Anfang sehr groß", sagt Ernst. Im Schnitt dauere es sieben Jahre vom Auftreten eines Hörverlusts bis zum ersten Hörtest. Eindeutig zu lang. Ernst empfiehlt daher ab dem 55. Lebensjahr einen jährlichen Hörtest beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt.

Verschiedene Gerätetypen zur Auswahl

Im-Ohr-Hörgerät wird in das Ohr eines Mannes gesteckt.
Im-Ohr-Geräte sind klein, verschließen aber das Ohr

Mit der Verordnung vom HNO-Arzt geht es in der Regel zu einem Hörakustiker-Fachgeschäft, wo zunächst ein ausführlicher Hörtest ansteht. Der Kunde setzt Kopfhörer auf und muss einen Knopf drücken, sobald er die Sinustöne hört, die ihm der Akustiker in verschiedenen Frequenzen und wachsender Lautstärke vorspielt. Die Ergebnisse fließen in ein Tonaudiogramm ein, das die frequenzabhängige Hörempfindlichkeit beschreibt. Dazu kommt ein standardisierter Sprachtest.

Anhand dieser Informationen empfiehlt der Akustiker bestimmte Gerätetypen: Im-Ohr-Hörgeräte sind extrem klein und verschwinden nahezu unsichtbar im Gehörgang. Sie eignen sich für eine leichte bis mittlere Hörminderung, haben aber auch einen entscheidenden Nachteil, sagt Carsten Tameling, Vertriebsleiter einer großen Akustiker-Kette. "Sie verschließen den Gehörgang nahezu komplett, wodurch sich ein unnatürlicher Klangeindruck einstellt, ein wenig wie unter Wasser."

Kein natürliches Hören

Ein Hinter-dem-Ohr-Gerät
Ein Hinter-dem-Ohr-Gerät mit externem Lautsprecher.

Da das Im-Ohr-Gerät den äußeren Gehörgang verschließt, muss es auch die Frequenzen, die man eigentlich noch gut hört, künstlich verstärken. Und der künstliche Klang kommt – trotz aller Fortschritte in der Technik - nicht an den natürlichen heran: Hörgeräte können aufgrund ihrer kompakten Bauform nur ein eingeschränktes Frequenzspektrum verstärken, nämlich das, in dem die menschliche Sprache stattfindet

Meistens empfehlen Akustiker daher ein Hinter-dem-Ohr-Gerät, bei dem der unangenehme Verschlusseffekt entfällt. Der verstärkte Schall wird durch einen kleinen, nahezu unsichtbaren Schlauch ins Ohr geleitet. Manchmal sitzt der Lautsprecher auch am Ende des Schlauchs, also direkt im Ohr. Experten sprechen bei Hinter-dem-Ohr-Geräten von einer „offenen Versorgung“. Früher war dies problematisch, denn die Schallwellen, die aus der Ohrmuschel entwichen, erreichten das Mikrofon des Hörgeräts und konnten so zu Rückkopplungen führen.

Moderne Digitalgeräte unterdrücken diese jedoch immer effektiver. Bei hochgradig Schwerhörigen können jedoch immer noch Rückkopplungen auftreten, da der Schall kräftig verstärkt werden muss. "Dann empfiehlt sich eine Otoplastik", sagt Tameling. Dabei handelt es sich um ein individuell angefertigtes Ohrpaßstück, welches die Ohrmuschel verschließt. Dieses nimmt auch den Lautsprecher auf und verhindert, dass die Schallwellen das Ohr wieder verlassen.

Kassen verdoppelten Zuzahlung

Zwei Höreräte auf einem Tisch.
Kassengeräte (li.) sind meist größer und weniger ansehnlich.

Die Preisspanne ist groß und reicht vom zuzahlungsfreien "Kassengerät" bis zum "Edel-Winzling" für 5.000 Euro pro Ohr. Die Krankenkassen haben am 1. November 2013 die Festbeträge, also die Zuzahlung, nahezu verdoppelt - auf fast 800 Euro für ein Ohr. Gleichzeitig haben sie technische Anforderungen an Hörgeräte festgelegt, die dafür sorgen, dass aktuelle Kassengeräte den High-End-Geräten von vor einigen Jahren entsprechen.

"Kassenhörsysteme arbeiten mit einem vierkanaligen voll digitalen Verstärker, haben drei Hör-Programme, Störschallunterdrückung und andere nützliche Eigenschaften", so Hörgeräteakustiker Tameling. "Damit können wir etwa 50 Prozent aller Kunden optimal versorgen." Akustiker sind gehalten, ihren Kunden mindestens ein zuzahlungsfreies Gerät zum Test anzubieten. Obwohl ihr Innenleben nahezu identisch ist, entscheiden sich dennoch viele für deutlich teurere Geräte, etwa weil diese zusätzlichen Komfort bieten, wie eine Kopplung mit dem Smartphone oder Schutz gegen Nässe. Oft dient der Aufpreis aber auch nur der Kosmetik: Kassengeräte sind meist schwerer, größer und damit auffälliger als zuzahlungpflichtige Modelle.

Doch egal welches Hörgerät - entscheidend ist, dass es von früh bis spät getragen wird, auch wenn dies am Anfang eine Herausforderung ist: Das Gehirn muss sich erst an die neuen Höreindrücke gewöhnen. Schrecksekunden durch Geschirr, das in den Kasten fällt, eine quietschende Fahrradbremse oder eine Hupe sind dabei das kleinere Problem. Hören muss neu erlernt werden, sagt HNO-Experte Arneborg Ernst: "Der Eindruck nach der Erstanpassung eines Hörgeräts ist nicht repräsentativ. Das Gehirn adaptiert sich erst allmählich wieder an die neuen Höreindrücke." Und das dauere umso länger, je länger der Patient unversorgt war.

Hören ist Training fürs Gehirn

Akustiker wissen natürlich um dieses Phänomen und hüten sich, die Geräte bei der Erstanpassung auf volle Leistung zu stellen. Es kann Wochen oder gar Monate dauern, bis die individuelle Einstellung passt. Vier bis acht Termine sollte man einplanen, sagt Tameling. Anders als bei einer Brille stelle sich der Erfolg nämlich nicht wie von selbst ein.

Arneborg Ernst warnt eindringlich davor, die Hörgeräte in der Schublade verschwinden zu lassen: "Sie sollten sich möglichst allen für Sie unangenehmen und anstrengenden Situationen aussetzen, damit sie lernen, optimal mit dem Hörsystem klarzukommen. Also gehen Sie in den Supermarkt, gehen Sie mal in ein lautes Restaurant, gehen Sie in ein Kino." Das Gehirn müsse trainiert werden wie ein Muskel. Dann stelle sich früher oder später auch der Erfolg ein.

Autor: Güven Purtul (NDR)

Stand: 21.04.2015 08:56 Uhr