SENDETERMIN Sa, 14.11.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Wasserflut und Hagelschlag

Wasserflut und Hagelschlag | Video verfügbar bis 14.11.2020

Überflutete Straßen, vollgelaufene Keller, umgestürzte Bäume und sogar Verletzte. Heftige sommerliche Gewitter mit Starkregen, Sturmböen oder Tornados, Hagel und Blitzeinschlägen treffen uns regelmäßig und sorgen für Schäden in Millionenhöhe. Durch die Klimaerwärmung nimmt das Potenzial in der Atmosphäre für die Ausbildung von solchen Sommergewittern zu. Noch arbeiten die Wissenschaftler daran herauszufinden, ob und wie genau sich der Klimawandel auf die Heftigkeit und Häufigkeit solcher Extremereignisse auswirkt. Klar aber ist: in unserem dicht besiedelten Land ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Menschen von solchen Ereignissen getroffen werden. Daher ist es wichtig, sowohl das Krisenmanagement als auch die Vorhersagen zu optimieren.

Unwetter im Schwarzwald

Feuerwehr räumt Schutt und Schlamm von der Straße.
Eine Schlammlawine in der bei Wanderern beliebten Wutachschlucht sorgt für einen Großeinsatz.

Gleich zwei Mal trafen heftige Unwetter die Gegend um die Kleinstadt Bonndorf im Frühjahr 2015. Am 13. Mai zieht ein Unwetter über die Gegend. Ein Kirchturm gerät durch Blitzschlag in Brand, Dächer werden abgedeckt, Lkws umgeblasen. Ein Tornado schlägt eine zwischen 200 und 400 Meter breite Schneise durch den Wald. Schäden gehen in die Hunderttausende, die Aufräumarbeiten dauern Wochen. Nur vier Wochen später trifft erneut ein Unwetter die Stadt, dieses Mal geht ein Gewitter mit Starkregen nieder. Als "Wasserwand" beschreiben Bewohner und Einsatzkräfte ihn. Die Folgen: die Keller in der Innenstadt überschwemmt, die Feuerwehren der Umgebung im Großeinsatz. Und dann die Meldung: in der nahegelegenen Wutachschlucht gab es eine Schlammlawine. Die Schlucht ist bei Wanderern sehr beliebt und im Frühjahr wie Sommer gut besucht. Augenzeugen berichten, es könnte ein Mensch mitgerissen worden sein. DRK, THW, Bergwacht und eine Rettungshundestaffel sind nun im Einsatz.

Für die Einsatzkräfte ist ein solches Unwetter und vor allem seine verheerenden Folgen in der Schlucht neu. Die Rettungshundeführer müssen von der Bergwacht gesichert werden, die Feuerwehr bemüht sich, die schwer zugängliche Schlucht zu beleuchten, während man mit schwerem Gerät beginnt, das Geröll abzutragen. Schließlich stellt sich heraus: Alle Wanderer konnten sich in Sicherheit bringen. Doch für die Einsatzkräfte war es ein lehrreicher Einsatz. Mehrere Institutionen mit vielen freiwilligen Helfern fanden sich in einer Situation wieder, die in ihrem Ausmaß so nicht geübt werden konnte.

In diesem Fall funktionierte das Zusammenspiel. Doch der Katastrophenschutz in Deutschland muss sich auf Extremereignisse vorbereiten. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK) arbeitet momentan an einem Projekt zur Erfassung von Extremniederschlägen in Deutschland, dessen Ergebnisse im Laufe des Jahres 2016 erwartet werden. Die "strategische Behördenallianz", die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Bevölkerungsschutz befasst und ihn stetig weiter verbessern will, existiert seit dem Jahr 2007. Neben dem BBK gehören das THW, der Deutsche Wetterdienst, das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR, sowie das Umweltbundesamt zu dieser Allianz.

Sommerunwetter schwer vorhersagbar

Computerbildschirm mit Daten von Unwetterereignissen.
Die Wissenschaftler haben verschiedenste Extremereignisse immer im Blick.

Eine große Herausforderung bleibt die Warnung vor solchen sommerlichen Unwettern. Denn diese Konvektivereignisse, wie Meteorologen sie nennen, entstehen oft innerhalb von sehr kurzer Zeit und fallen dann zwar lokal begrenzt, aber umso heftiger aus. Diese Ereignisse gehen mit einem ganzen Bündel an Begleiterscheinungen einher. Meist mit Starkregen, der bis zum doppelten oder dreifachen der üblichen Monatsmenge betragen kann. Hagel ist eine weitere schadenträchtige Eigenheit dieser Sommergewitter, auch er ist lokal begrenzt, seine Schneise der Verwüstung ist selten breiter als 500 Meter. Doch seine Schadenbilanz ist riesig. Hagel hinterlässt Dellen in Autos, verwüstet Dächer, durchschlägt die Dämmung von Häusern und zerstört Solaranlagen. Bei einem Hagelunwetter im süddeutschen Reutlingen entstanden 2013 innerhalb weniger Minuten Schäden in Höhe von über einer Milliarde Euro.

Sturmböen können bei Gewittern Orkanstärke erreichen, also über 120 Stundenkilometer schnell sein. Noch zerstörerischer sind Tornados, zumal vor ihnen kaum gewarnt werden kann. Entsteht ein Tornado innerhalb einer solchen Gewitterfront bleiben, wenn überhaupt, nur wenige Minuten um die Bevölkerung zu warnen. Am Karlsruher Institut für Technologie wollen die Wissenschaftler Konvektivereignisse besser verstehen – auch um die Vorhersage verbessern zu können.

Bisher gibt es über Gewitter noch sehr wenige Daten, aus denen sich genaue Schlüsse über vergangene Ereignisse ziehen lassen. Für Süddeutschland, das besonders häufig von Schwergewittern mit Hagel betroffen ist, forschen die Wissenschaftler beispielsweise daran, Hagel besser zu verstehen um so die Risiken und das Schadenspotential für die Zukunft besser abschätzen zu können. Außerdem arbeiten sie an neuen Herangehensweisen für die Vorhersage.

Warnungen verbessern

Michael Kunz vom KIT am Computerbildschirm
Michael Kunz arbeitet im Karlsruher Institut für Technologie.

Es gibt in Deutschland verschiedene Institutionen, die Wetterwarnungen herausgeben, darunter der Deutsche Wetterdienst. Gibt es in der Atmosphäre das Potenzial für schwere Sommerunwetter, wird eine Warnung für das jeweilige Gebiet herausgegeben. Im Sommer kann es in bestimmten Regionen durchaus jeden zweiten oder dritten Tag eine solche Warnung geben, aber eintreffen tun diese Ereignisse dann nicht immer und nicht überall, eben weil sie räumlich eng begrenzt auftreten. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Bevölkerung die Warnungen nicht mehr ernst nimmt und im schlechtesten Fall nicht auf ein Ereignis eingestellt ist.

Mit Warnungen vor Naturkatastrophen und deren Auswirkungen befassen sich die Wissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie im interdisziplinären Forschungsverbund CEDIM – dem Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Forensische Katastrophenanalyse. Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete arbeiten hier an der Analyse und Auswertung verschiedenster Naturkatastrophen weltweit.

Eines ihrer Ziele ist eine möglichst genaue Vorhersage der Ereignisse, aber auch eine schnelle Abschätzung der Lage, wenn eine Katstrophe bereits eingetreten ist. Sie wollen möglichst zeitnah angeben können, wie viele Opfer und Schäden es wahrscheinlich gegeben hat und welche Maßnahmen daher ergriffen werden müssen, beispielsweise wie viele Einsatzkräfte oder wie viele Notunterkünfte nötig sind. Um Warnungen für die Zukunft zu optimieren, forschen sie auch an Projekten, die das Internet und seine Möglichkeiten mit einbeziehen. So könnten in Zukunft über Social Media Plattformen Berichte von Augenzeugen zu Naturereignissen dazu genutzt werden, Rückschlüsse über die Heftigkeit und die Auswirkungen von Katastrophen zu ziehen – das sogenannte Crowdsourcing.

Stichwort "Konvektivereignis"
Zellen, die durch schnelle Hebung feuchter, warmer Luft entstehen, zum Beispiel durch Kaltfronten. Die Abkühlung der Luftmassen führt zur Entstehung charakteristischer, dicker Wolken. Solche konvektiven Zellen führen oft zu Gewitter mit Starkniederschlag, Hagel, Sturmböen.

Autorin: Ildico Wille (SWR)

Stand: 16.11.2015 11:16 Uhr