SENDETERMIN Sa, 12.11.16 | 16:00 Uhr | Das Erste

Solidarische Landwirtschaft – Zwischen Gartengemüse und Gruppendynamik

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Solidarische Landwirtschaft | Video verfügbar bis 11.11.2021

Um auf dem internationalen Markt bestehen zu können, setzen viele Landwirte auf Wachstum und immer intensivere Produktion. Doch der Milchbauer Stefan Hagen aus Lindlar in Nordrhein-Westfalen sieht darin keine Perspektive für seinen Hof. "Die niedrigen Milchpreise der vergangenen Jahre, die Abhängigkeit von den Banken, das rechnet sich einfach nicht", sagt er. Statt auf den Weltmarkt setzt er darum lieber auf engagierte Bürger in der Umgebung und gründete 2015 mit ihnen eine solidarische Landwirtschaft. Ein Experiment, wie er selbst sagt.

Die Idee ist eigentlich ganz einfach: In einer solidarischen Landwirtschaft (Solawi) bezahlen die Mitglieder einen monatlichen Beitrag zu den Betriebskosten des Hofes, für Saatgut, Maschinen, Arbeitskräfte und ähnliches. Im Gegenzug bekommen sie einen Anteil an der Ernte. Sie kaufen also nicht mehr direkt ein Produkt, wie zum Beispiel bei einer Abo-Gemüsekiste, sondern sie finanzieren die Produktion dieser Lebensmittel. Von diesem Arrangement profitieren beide Seiten. Die Mitglieder bekommen frisches Gemüse aus der Region und ein Mitspracherecht, der Landwirt hat Planungssicherheit und muss das wirtschaftliche Risiko für den Hof nicht mehr alleine tragen.

Über 100 Solawis in Deutschland

Mangold
Regionales Gemüse – das ist für viele Mitglieder die wichtigste Motivation.

Über 100 Höfe in Deutschland wirtschaften schon nach dem diesem Prinzip. Manche Solawis versorgen 200 Mitglieder andere nur 50, manche produzieren nur Gemüse, andere das ganze Paket – von Milch bis Brot, von Gemüse bis Eier – die einen bio, die anderen konventionell. Auch die Organisationsform variiert stark. Einige sind eine Genossenschaft, andere ein Verein, in wieder anderen schließen die Mitglieder individuelle Verträge mit den Bauern. Es ist eine lebendige Szene, die sich in Deutschland gerade erst entwickelt.

Die Bergische Solawi von Stefan Hagen startete 2015 mit einem 2.500 Quadratmeter großen neuem Gemüsebeet, auf einem ehemaligen Maisacker, auf dem früher Futtermais für die Kühe angebaut wurde. Das Interesse war im ersten Jahr groß und die Solawi wuchs schnell. Doch im Winter brach die Mitgliederzahl ein. "Plötzlich waren die Erntekörbe leer", erzählt Stefan Hagen, "aber die Beiträge zahlt man ja weiter. Das hat dann doch vielen nicht gepasst." Inzwischen weiß er allerdings auch von anderen Solawis – dieser Schwund in der kalten Jahreszeit ist normal, gerade am Anfang. Das Leben mit den Jahreszeiten ist für viele Mitglieder eine Umstellung und nicht alle können oder wollen das in letzter Konsequenz mittragen. Stefan Hagen ist trotzdem optimistisch und hat den Gemüseacker im zweiten Jahr auf 4.500 Quadratmeter ausgeweitet. Inzwischen sind auch die Mitgliederzahlen wieder gestiegen: an die 60 sind es im Moment.

Alle reden mit

Die größte Herausforderung ist für Stefan Hagen der Umgang mit den Mitgliedern. Als Landwirt war er bisher auf dem Hof sein eigener Herr. Nun reden 60 andere Menschen mit, die alle einen anderen Hintergrund und andere Interessen haben. "Das habe ich wirklich unterschätzt", sagt er. "Wir alle haben das unterschätzt." Aber der Einsatz lohnt sich. Das Gemüse wird schon biologisch-dynamisch angebaut und nun denkt Hagen darüber nach, auch seine Milchproduktion auf bio umzustellen. "Das wäre ich alleine nie angegangen. Aber die Mitglieder wollen das ja auch und sie geben mir viel Unterstützung, nicht nur finanziell. Dieser Austausch und das Engagement sind für mich eine enorme Bereicherung."

Autorin: Kerstin Hoppenhaus (WDR)

Stand: 12.11.2016 16:45 Uhr