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Leder, Öko, Kunststoff - Schuhmaterialien im Test

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Leder, Öko, Kunststoff - Schuhmaterialien im Test | Video verfügbar bis 09.04.2020 | Bild[1]: SWR
Verschiedene Schuhe auf einem Tisch.
Ein Drittel unserer Alltagsschuhe sind aus Leder.  | Bild: HR

Ein Drittel unserer Alltagsschuhe sind aus Leder. Aus gutem Grund: Leder gilt als strapazierfähig und beständig. Doch es gibt Alternativen: Schuhe aus Synthetik zum Beispiel. Oder aus Öko-Materialien. Aber wie alltagstauglich sind diese Schuhe im Vergleich zu Lederschuhen? Wir haben den Test gemacht. 

Im Test: Drei Halbschuhe für den Alltag

Ein Öko-Schuh mit Beschriftungen der Stoffe
Der Öko-Schuh: Eine Variante ganz aus ökologisch unbedenklichen Stoffen.  | Bild: HR

Die Kandidaten: Drei Herrenhalbschuhe. Ihr Preis liegt zwischen 100 und 130 Euro. Kandidat Nummer eins: Der klassische Lederschuh.  Sein Obermaterial: aufgerautes Rindsleder, so genanntes Nubukleder.  Auch die Sohle ist aus Leder. Kandidat Nummer zwei: Der Synthetikschuh. Ein Schuh hauptsächlich aus Kunststoffen. Das Obermaterial ist ein Textil-Gemisch, die Sohle ein chemisches Gummi. Unser Kandidat Nummer drei: Der Ökoschuh. Diese Schuhvariante ist ganz aus ökologisch unbedenklichen Stoffen.  Das Obermaterial des Schuhs besteht aus schadstofffreien Mikrofasern. Die Sohle ist ein Gemisch aus Kork und Naturkautschuk.

Sohlentest in der Biegemaschine

Biegetest von drei Schuhen im Labor.
Härtetest für die Schuhe. | Bild: HR

Unsere Tester sind Siegried Pretzsch und sein Team vom TÜV Rheinland. Seit 15 Jahren prüfen sie Schuhe für Hersteller und Verbraucherorganisationen. 

Unser erster Test: Die Sohle. Die vom Schuh abgetrennten Sohlen der Kandidaten kommen in eine Biegemaschine. Das Gerät simuliert das Gehen, biegt jeden Schuh 30.000 Mal. "Bei einer durchschnittlichen Schrittlänge von 0,7 Metern entspricht dies ungefähr 21 Kilometern. Das ist natürlich in der Praxis gar nichts", erklärt Siegfried Pretzsch. Deswegen verschärfen die Prüfer den Test. Sie stechen ein kleines Loch in jede Sohle -  so, wie es auch durch einen Stein entstehen könnte. Die Sohle muss so etwas aushalten, ohne dass sie reißt. Ledersohlen gelten als enorm reißfest. Und wie alltagstauglich sind die Alternativen? Das Ergebnis bekommen wir später.

Was macht einen guten Schuh aus?

Eine Frau hält einen Fuß in der Hand.
Ein guter Schuh passt sich dem Fuß gut an.  | Bild: HR

Christina Mander-Malms kennt sich aus mit Schuhen. Schuhe müssen nicht nur belastbar sein, sondern auch gut sitzen, sagt die Orthopädie- und Schuhmachermeisterin. Natürlich ist jeder Fuß und jeder Schuh anders. Doch für eine gute Passform gibt es allgemeine Kriterien. Ein Proband bekommt deshalb jeden unserer Schuhe angezogen. Sein Gang auf einer Laufbahn wird mit Hilfe einer Kamera festgehalten. Wie schneiden unsere drei Kandidaten dabei ab? 

Am Monitor wertet Christina Mander-Malms die Aufzeichnungen aus: „Am besten sitzt der Lederschuh, weil die Fixierung der Ferse bei dem Schuh gewährleistet war. Bei allen anderen leider nicht, da war der Abschluss hinten im Fersenbereich nicht möglich. Da war einfach zu viel Luft. Bei dem Synthetikschuh leider auch. Das Material hat sich zu wenig um den Fuß gelegt, hat sich zu wenig angepasst.“

Punkt also für den Lederschuh, auch die Schnürlaschen sind bei ihm perfekt. Beim Öko- und Synthetikschuh dagegen stoßen sie aneinander. So ist es praktisch unmöglich, den Schuh enger zu fixieren. Die Folge auch hier: Der Fuß hat zu viel Luft.

Fünfminütiger Spaziergang durch die Testpfütze

Im TÜV-Labor haben unsere Kandidaten den Biegetest inzwischen überstanden. Das Ergebnis:  Keine der Sohlen hat einen Riss. Das knappe Fazit des Diplom-Chemikers Siegried Pretzsch: "Alle drei Materialien haben sehr gute Werte." 

Der zweite Test: Das Obermaterial. Kein Schuh darf bei schlechtem Wetter Nässe durchlassen  - egal ob Leder-, Synthetik- oder Öko-Material. Zumal unsere Testschuhe alle ab Werk vorimprägniert sind. Wir schicken unsere Kandidaten zu einem fünfminütigen Spaziergang durch eine Testpfütze. Halten alle dicht?

Gute Schuhe sind atmungsaktiv

Während der Test im Labor läuft, zersägt die Schuhmachermeisterin unsere Kandidaten und nimmt jedes der verwendeten Materialien gründlich in Augenschein. Wir haben gelernt: Die Passform ist wichtig.  Aber was macht einen guten Schuh sonst noch aus? Christina Mander-Malms: "Das Obermaterial, das direkt am Fuß sitzt, sollte atmungsaktiv sein und für ein gutes Schuh- oder Fußklima sorgen." Wichtig: Ein Lederschuh ist zwar sehr atmungsaktiv, aber nur dann, wenn der ganze Schuh aus Leder besteht. Synthetische Stoffe bieten oft kein gutes Fußklima.

Einer wurde nass

Zurück zum  TÜV-Labor in Leipzig. Der Leder- und der Synthetikschuh bestehen den Pfützentest. Das Modell aus ökologisch unbedenklichem Material zeigt Schwächen. Siegfried Pretzsch: "Bei dem Öko-Schuh ist ein leichter Wasserdurchtritt zu beobachten. Bei einer längeren Tragedauer würde man nasse Füße bekommen." Der Grund: Beim Ökoschuh wurde kaum Kleber verwendet. Das ist eigentlich gut. Aber: Fehlt der Kleber, kann Wasser leichter durch die Nahtstellen dringen. 

Finale: Die Zerreiß-Probe

Die Reißfestigkeit eines Schuhs wird im Labor geprüft.
30 Newton Reißfestigkeit sind für einen Alltagsschuh akzeptabel. | Bild: HR

Der letzte Test: Die Verarbeitung. Siegfried Pretzsch sägt aus jedem Schuh ein Stück heraus, um diese Proben dann in einer Zugvorrichtung auseinanderzureißen. "Man kann erkennen, ob bei der Verklebung vom Schaft und von der Sohle alles richtig gemacht wurde", erklärt der Diplom-Chemiker. Die Zugkraft nimmt ständig zu. Bei 30 Newton, eine Kraft, die etwa ein Drei-Kilo-Gewicht ausübt, löst sich beim Lederschuh das Obermaterial von der Sohle. Das ist okay für einen Alltagsschuh. Der Synthetik-Schuh schafft mehr als das Doppelte. Und der Ökoschuh hält sogar noch etwas mehr aus, dank seiner guten Naht. 

Aber: Der sparsam verwendete Kleber könnte beim bei diesem Schuh irgendwann zum Nachteil werden. "Wenn die Naht kaputt geht, wenn sie beispielsweise durchgescheuert wird, dann kann es zum Lösen der Sohle kommen", erläutert Siegfried Pretzsch. Unser Test-Fazit: Vorteil Lederschuh! Aber auch die beiden anderen Kandidaten sind ordentlich verarbeitet und alltagstauglich.

Anprobieren, loslaufen, individuell entscheiden

Woran kann der Laie einen gut verarbeiteten Schuh erkennen? Schwierig, denn allein aus der Optik ist das nicht abzulesen. Für Orthopädie- und Schuhmachermeisterin Christina Mander-Mals gibt es da nur eine Strategie: "Man muss Schuhe anprobieren und loslaufen. Und man muss dann die Entscheidung treffen: Ist das der Schuh, der zu mir passt?" Dabei sollte man auch keine Kompromisse machen. Denn ob ein Schuh gut sitzt, das spürt jeder selbst. Ganz egal, aus welchem Material er gefertigt ist.

Autor: Christian Vogel (HR)

Stand: 11.04.2015 17:14 Uhr

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