SENDETERMIN Sa, 11.04.15 | 16:00 Uhr

Giftiges Leder

Video vorab: Giftiges Leder (zur Sendung am 11.04., 16:00 Uhr) | Video verfügbar bis 07.04.2020
Gerberei in Asien
Über die Hälfte unseres Leders wird in Asien gegerbt.

Bis heute ist Leder ein wichtiger Bestandteil unserer Schuhe. Um Schuhleder herzustellen, wird das Ausgangsmaterial, nämlich tierische Haut, gegerbt. Das geschieht in der Regel mit Chromsalz. Aber mit Chrom gegerbte Lederschuhe können unter bestimmten Bedingungen unsere Gesundheit schädigen - vor allem schwere Kontaktallergien auslösen. Immer wieder ergeben Tests unabhängiger Institute zu hohe Werte von so genanntem Chrom VI in Lederprodukten. Erst kürzlich musste Onlinehändler Zalando Schuhe wegen erhöhter Chrom-VI-Werte zurückgerufen - die zulässige Höchstgrenze wurde um das 13fache überschritten. Und: Nicht nur für uns Schuhträger, auch für die Arbeiter in den weltweiten Gerbereien stellt das Chrom eine Gefahr dar.

Vom ungefährlichen zum gefährlichen Chrom

Doch warum ist das Chrom so gefährlich? Fakt ist: 90 Prozent unseres Leders wird mit Chrom gegerbt, überwiegend in China, Indien und Bangladesch. Im Gegensatz zu deutschen Gerbereien gibt es dort kaum Gesundheits- oder Umweltstandards. Beim Gerben wird neben Wasser vor allem Chromsalz, so genanntes Chrom III eingesetzt. Die Chrom-Moleküle setzen sich in die Zellstruktur der Haut und machen später das Leder härter, widerstandsfähiger und lange haltbar.

Werden im Gerbprozess allerdings Fehler gemacht, zum Beispiel durch zu hohe Temperaturen oder zu viel Chromsalz, kann aus dem ungefährlichen Chrom III gesundheitsschädliches Chrom VI entstehen. Über die riskanten Chemikalien, die hier verwendet werden, wissen die Arbeiter so gut wie nichts. Und: Das  mit Chemikalien verseuchte Abwasser gelangt ungefiltert in die Flüsse.  

Ziel: Gerben mit weniger Wasser

Manfred Renner (vorne), Ingenieur beim Fraunhofer Institut, betrachtet mit CO2 gegerbtes Leder.
Mit CO2 gegerbtes Leder.

Das ist ein ökologisches Desaster für die betroffenen Gebiete, sagt Manfred Renner, Ingenieur beim Fraunhofer Institut in Oberhausen. Renners Plan: Statt mit zusätzlichem Wasser will er zum Gerben nur die natürliche Feuchtigkeit der Haut nutzen. Er presst die Haut dafür aus und mischt der ausgepressten Flüssigkeit anschließend das Chromsalz bei. In einer eigens dafür entworfenen Gerbtrommel soll diese Methode getestet werden.

Zunächst wird die ausgepresste Tierhaut in der Trommel platziert. Dann wird die zuvor gewonnene Chromsalz-Flüssigkeit beigemischt. Am Schluss wird mit Hochdruck CO2 dazu gepumpt, damit die Gerbflüssigkeit optimal von der Haut aufgenommen werden kann. Doch das funktioniert lange Zeit nicht optimal, anfangs blieben immer wieder Reste von Gerbflüssigkeit. Nach zahllosen Versuchen gelingt es ihm schließlich, dass die Haut die Flüssigkeit vollkommen aufsaugt - und keinerlei Rückstände übrigbleiben.  

Mittlerweile gibt es einen industriellen Prototyp der Gerbanlage. Den ersten CO2 -Schuh hat sich Renner bereits fertigen lassen. Und: Noch in diesem Jahr soll das neuartige Gerbverfahren an den Markt gehen. Europäische Gerbereien und auch Unternehmen aus China haben Interesse an Renners Gerbung angemeldet. Denn das CO2-Gerbverfahren ist nicht nur umweltschonend, sondern auch extrem schnell: In nur drei Stunden ist das Leder fertig. Bei der konventionellen Gerbung dauert es 10 bis 12 Stunden. Der einzige Wermutstropfen: Es muss weiterhin Chrom III verwendet werden.

Alternative zum Chromleder: Rhabarberleder

Schuhe aus Rhabarberleder
Rhabarberleder- komplett chemiefrei.

Anne-Christin Banslebens Hoffnungsträger ist Rhabarber. Genauer gesagt: die Rhabarberwurzel. Als Ernährungswissenschaftlerin hatte sich Bansleben schon länger mit der Pflanze beschäftigt. Eigentlich wollte sie aus der Rhabarberwurzel neue Stoffe für Kosmetikprodukte gewinnen. Und hatte deren Inhaltsstoffe bis ins kleinste Detail untersucht. Dabei fand sie heraus, dass  in der Wurzel beachtliche Mengen Gerbstoff stecken. Sie begann, sich mit dem Thema Ledergerbung zu beschäftigen. "Über die ganzen Produktionsprozesse waren wir sehr geschockt", sagt sie. "Und wir wussten: Da gibt es einen Bedarf. Wir waren die Ersten, die die Inhaltsstoffe im Rhabarber zur Gerbung in Erwägung gezogen haben."

Dass durch fehlerhafte Chromgerbung auch in unseren Schuhen Reste des giftigen Chrom VI stecken können, war für sie ein zusätzlicher Ansporn, eine Rhabarber-Gerbung zu entwickeln. Dazu löste sie den Gerbstoff aus der Rhabarberwurzel und legte dann kleine Hautstücke in der Gerb-Flüssigkeit ein. "Wir haben das im Labormaßstab simuliert und haben gute Erfolge bekommen. Wir waren natürlich total begeistert, dass unsere Theorie, die wir im Kopf hatten, sich auch in die Praxis umsetzen ließ." Rhabarber funktionierte also so gut wie Chrom, ist aber ungefährlich.

Gerbprozess viel aufwendiger

Eine Rhabarberwurzel liegt auf einem Tisch in einem Labor.
Aus einer Rhabarberwurzel lassen sich fünf Tonnen Leder gerben, der Zeitaufwand ist aber hoch.

Anne-Christin Bansleben begann damit, den natürlichen Gerbstoff in einer Extraktions-Maschine zu gewinnen und größere Mengen Tierhaut damit zu gerben. Mittlerweile lässt sie auf diese Weise in Deutschland Leder herstellen. Und sie hat auch eine eigene Schuhkollektion entworfen. Die Schuhe kosten allerdings 200 Euro und mehr. Der Grund: Aus einer Rhabarberwurzel lassen sich zwar fünf Tonnen Leder gerben. Aber der Gerbprozess ist zeitlich sehr viel aufwendiger als mit Chrom. Er dauert nämlich eineinhalb Tage. Das CO2-Gerbverfahren hingegen nur drei Stunden. Einziger Wermutstropfen: Es muss weiterhin Chrom verwendet werden

Ob  Rhabarber- oder CO2: Die beiden Forscher haben bewiesen, dass Gerben auch ohne große Gesundheits- und Umweltrisiken funktioniert.

Autorin: Nina Schmidt (HR)

Stand: 10.04.2015 14:44 Uhr

Sendetermin

Sa, 11.04.15 | 16:00 Uhr