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Marode Großbauten – Abriss oder Sanierung?

Marode Großbauten – Abriss oder Sanierung?  | Video verfügbar bis 26.08.2022

Drei neue Stockwerke, eine frisch gedämmte Fassade aus unbrennbarer Steinwolle, verkleidet mit dünnen Glasfaserbetonplatten – auf Energiesparen und Brandschutz wurde bei der Sanierung der BayWa-Konzernzentrale viel Wert gelegt. Außerdem ist Steinwolle resistent gegen Schimmel und extrem langlebig. Wo vorher mächtige Waschbetonplatten das Erscheinungsbild bestimmten, gibt es jetzt einen Wechsel zwischen Beton und Metall, um die Hülle des Hochhauses eleganter wirken zu lassen. Kleine und größere Anbauten sollen außerdem die Proportionen auflockern und den sternförmigen Grundriss klarer wirken lassen. Dazu neue Isolierglasfenster, Grünflächen zur Erholung und ein aufwändiges Belüftungskonzept. Architekt Matthias Haber möchte den grauen Monolith in ein modernes, nachhaltiges Bürogebäude verwandeln: "Das Nachhaltigste ist, wenn man eine qualitativ hochwertige Architektur schafft, die auch in 50 Jahren noch verwendet werden kann, wo man mit diesem Bestand weiter planen kann, diesen umbauen und wiederverwenden kann. Wenn man sagt, den Rohbau verwende ich weiter, ist das nachhaltig, denn er muss nicht abgebrochen werden, nicht entsorgt werden. Denn das sind Unmengen an Zeit, Ressourcen und Material, welches hin und weg gekarrt wird. Das ist die nachhaltige Form, die ich mir vorstelle."

Bis zu 400 Arbeiter an Spitzentagen im Einsatz

BayWa-Projektleiter Alfred Winkler
BayWa-Projektleiter Alfred Winkler begleitet die Kernsanierung.

Noch wird auf der 18.000 Quadratmeter großen Baustelle gedämmt, geschraubt, gesägt, gebohrt und Kabel verlegt. Bis zu 400 Arbeiter sind an Spitzentagen im Einsatz. In zwei Monaten sollen Firmenvorstand samt der 1.300 Büromitarbeiter wieder einziehen. Noch sieht es hier nicht besonders einladend aus. Die letzte heiße Phase vor der Schlüsselübergabe. Stimmt der Rohbau? Sind die Verstärkungen am Fundament richtig gesetzt? Wo werden die Leitungen verlegt? Die Kernsanierung war nur möglich, weil die Grundsubstanz des alten Gebäudes stimmt. Außerdem wäre ein Abriss mitten in der Stadt extrem aufwändig und teuer geworden. "Wir haben natürlich überlegt: reißt man es weg, baut man neu, macht man ein anderes Gebäude? Wir haben es von der technischen Machbarkeit her untersucht, ob die Grundsubstanz in Ordnung ist. Wir haben festgestellt, dass nur das Gerippe übrig bleibt, man musste das von Grund neu aufbauen", erzählt Projektleiter Alfred Winkler. 

Sanierungsfall Bundeskanzleramt

Comicgrafik Gebäude Bundeskanzleramt Berlin
Marode Leitungen, undichte Garage - Pfusch im Kanzleramt?

Bei einem sehr bekannten und vergleichsweise jungen Gebäude sieht das leider anders aus: Das Bundeskanzleramt in Berlin wurde erst 2001 bezogen – und zeigt schon jetzt gravierende Mängel: Die Decken sind teilweise undicht, die Wände werden feucht. Außerdem müssen an manchen Stellen Stromleitungen ausgetauscht werden, denn Teile des Stromnetzes sind inzwischen marode. Ein weiteres Problem: Auf dem Dach des Kanzleramtes wuchert Moos. Und: Krähen lassen immer wieder Steine fallen und beschädigen damit die Glasplatten der Photovoltaikanlage. Durch das Dach der Tiefgarage sickert außerdem Regenwasser. Allein die Sanierungskosten für die Garage belaufen sich nach Angaben des Bundespresseamtes auf 5,5 Millionen Euro.

Regen im Kirchenraum: Ökumenisches Zentrum in München-Riem marode

Schwarze Schlieren an der Fassade des Ökumenischen Zentrums in München-Riem.
Kein Überstand am Flachdach des Ökumenischen Zentrums in München-Riem. Das Ergebnis: hässliche Schlieren.

Ähnlich sieht es beim Ökumenischen Zentrum in München-Riem aus. Ein eleganter kubischer Kirchen-Campus von 2005, dessen weiße Backsteinfassade aber inzwischen von hässlichen schwarzen Schlieren gezeichnet ist. Der Grund: Die Verblendung des Flachdachs - die sogenannte Attika-Abdeckung - hat keinen Überstand. Der Regen läuft direkt die Fassade hinunter. Hinzu kommt: Das aufwändig konstruierte Glasdach ist undicht. Es regnet in den Altarraum, wo inzwischen Schüsseln aufgestellt sind. Wer für die 500.000 Euro teure Sanierung aufkommt, ist noch nicht geklärt. Einige der beteiligten Baufirmen haben inzwischen Insolvenz angemeldet. Bis zur Renovierung wird das Dach notdürftig mit Planen abgedeckt. Nachhaltiges Bauen sieht anders aus.

Von Anfang an realistisch kalkulieren – besonders bei Großbauten ist das wichtig. Nur so lässt sich vermeiden, dass hinterher an zentralen Punkten gespart wird und Gebäudemängel entstehen, die hohe Sanierungskosten nach sich ziehen. Im 20. Stock der sanierten BayWa-Zentrale über den Dächern Münchens sollen schon bald die ersten Firmensitzungen stattfinden. In wenigen Wochen ist der Innenausbau abgeschlossen. Es folgen eine umfangreiche Dachbegrünung und der Bau von Fahrradstellplätzen und neuen Ladesäulen für Elektroautos. Dann kann das in die Jahre gekommene Hochhaus wieder bezogen werden. Architektonisch aufgewertet und energetisch auf dem neuesten Stand.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 28.08.2017 19:41 Uhr

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