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Falsche Heilversprechen in der Krebsmedizin

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Falsche Heilversprechen in der Krebsmedizin | Video verfügbar bis 11.03.2021

Naturheilkunde und sanfte Medizin sind in. Auch bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs suchen die Patienten nach einer Alternative zu Chemo- und Strahlentherapie mit ihren zahlreichen Nebenwirkungen. Doch hinter dem schönen Schein der Alternativmedizin verbirgt sich oft eine Medizin, die keine Wirkung zeigt. Scharlatane – darunter Ärzte und Heilpraktiker – verdienen Geld mit falschen Heilsversprechen. Den Preis zahlen die Patienten: Sie kostet das Ganze nicht nur viel Geld, sondern unter Umständen sogar das Leben.

Eine Reise zu alternativen Krebsheilern

Beratungsgespräch in einer Praxis
Szene nachgestellt: Beratungsgespräch bei einer Heilerin.

Wir wollen wissen, was hinter den Türen alternativer Krebspraxen geschieht. Ein Testpatient, wir nennen ihn Niko Scholze, wird uns dabei helfen. Er gibt vor, das Hodgkin-Lymphom zu haben, eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems. Das Besondere daran: Dieser Krebs ist sehr gut zu heilen, und zwar durch eine Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung. "Es gibt durchaus Situationen, in denen man die Chemotherapie mit ihren Nebenwirkungen infrage stellen kann, allerdings nicht beim Hodgkin-Lymphom", sagt Professor Peter Borchmann von der Universität Köln, international anerkannter Spezialist für das Hodgkin-Lymphom. Denn diese Erkrankung sei heilbar, und zwar mit einer Chance von rund 80 Prozent. Deshalb kann sich Professor Borchmann nicht vorstellen, dass alternative Heiler einen Hodgkin-Patienten überhaupt behandeln würden.

Handauflegen gegen Krebs

Heilbehandlung durch Handauflegen
Handauflegen und Gebete sollen den Krebs vertreiben.

Doch die Realität sieht anders aus: Wir besuchen eine Geistheilerin, die gemeinsam mit einem Arzt arbeitet. Die genaue Diagnose interessiert sie nicht. Krebs ist für sie Krebs. Niko erzählt, dass er Angst vor der Chemotherapie hat, und die Heilerin bestärkt ihn: "Wenn Sie mein Sohn wären, dann würde ich sagen: Finger weg von der Chemo! Mach es nicht." Öffentlich würde sie solche Aussagen nie machen, und genau deshalb sind wir undercover in der Praxis. Die Heilerin warnt vor der Chemotherapie, denn die mache den Kontakt zu den geistigen Welten kaputt. Bei der anschließenden Heilbehandlung spricht sie Gebete, zum Teil auf aramäisch. Schließlich übernimmt ihr Kompagnon, der Arzt. 90 Euro kostet die Zeremonie – und dafür gibt es am Ende drei konkrete Tipps: "Suchen Sie nach Vitamin B 17. Informieren Sie sich. Kommen Sie zu uns. Ein Mal im Monat reicht aus, aber wenn Sie wollen, können sie auch öfter kommen. Und zünden Sie in der Kirche eine Kerze an und beten zur Schwarzen Muttergottes."

Was bringen sogenannte Wundermittel?

Vitamin B 17 ist kein Vitamin, sondern ein Stoff namens Amygdalin oder Laetril. Die Substanz kommt in den Kernen von Aprikosen, Bittermandeln und einigen anderen Früchten vor. Sie wird als alternatives Krebsmittel beworben. Doch das Bundesinstitut für Arzneimittel in Bonn warnt: Für die Wirksamkeit von Amygdalin gibt es keinen Beleg. Für die Gefährlichkeit jedoch schon, denn im Körper entsteht daraus Blausäure. An der Universität Köln besuchen wir das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren. Hier können sich Krebspatienten beraten lassen, wenn sie zusätzlich zur Schulmedizin etwas anderes ausprobieren wollen. Josef Beuth ist ein Experte für alternative Heilverfahren, ein Bereich, in dem sich nur wenige Krebsmediziner auskennen. Generell rät er Patienten: "Seien Sie vorsichtig, wenn jemand sichere Heilung ohne Nebenwirkungen verspricht. Misstrauisch sollten Sie werden, wenn von einer Zweitmeinung abgeraten wird und wenn hohe Summen bar bezahlt werden müssen."

Ein Besuch in einem alternativen Krebs-Zentrum

Kaffee wird in einen Irrigator gegossen
Drei Mal täglich stehen im 3E-Zentrum Kaffee-Einläufe auf dem Programm.

Auch im 3E-Zentrum bei Stuttgart hat man sich auf die alternative Behandlung von Krebs spezialisiert. Abgeschieden vom täglichen Stress absolvieren die Patienten ein fünfwöchiges Programm. Im Mittelpunkt stehen spezielle Diäten, Einläufe und eine Art Psychotherapie. "Ein Beratungsgespräch mit einem Hodgkin-Patienten wäre schnell beendet", sagt der Geschäftsleiter Klaus Pertl im Interview, denn jeder im Zentrum wisse, dass die konventionelle Therapie bei Hodgkin hervorragende Erfolge hat. Doch als wir das 3E-Zentrum undercover besuchen, findet die medizinische Leiterin des Zentrums, eine Heilpraktikerin, ihre Einrichtung sehr wohl passend für unseren Testpatienten. Sie führt uns durch das Haus, und erklärt ausführlich das Programm. 3E steht für Entgiftung, Ernährung und Energiearbeit. Der fünfwöchige Aufenthalt kostet zwischen 10.000 und 13.000 Euro.

Stichworte kurz erklärt:
Alternativmedizin
Hierunter versteht man Verfahren, die alternativ zu einer wissenschaftlich begründeten Behandlung angewandt werden, also alternativ zur sogenannten Schulmedizin.

Komplementärmedizin
Hierunter versteht man Verfahren, die zusätzlich und ergänzend zur wissenschaftlich begründeten Behandlung angewandt werden, zum Beispiel Entspannungsverfahren, Yoga oder Akupunktur.

Was bringen Krebs-Diäten?

Buffet mit Öl, Quark, Obst und Nüssen
Eine ausgewogene Ernährung ist gesund, aber kann sie auch Krebs heilen?

Im 3E-Zentrum steht die Psyche im Mittelpunkt, doch es gibt auch andere "Behandlungen": Tägliche Natronbäder zur sogenannten Entgiftung und Kaffee-Einläufe, möglichst drei Mal pro Tag. Auf Wunsch und gegen Aufpreis kommen Infusionen dazu, zum Beispiel mit hoch dosiertem Vitamin C. "Die Patienten wollten mehr für den Körper machen", sagt die Heilpraktikerin und lässt keinen Zweifel daran, dass sie nicht viel davon hält. Außerdem halten alle Patienten eine strenge Diät, die sogenannte Öl-Eiweiß-Kost nach Johanna Budwig. Leinöl spielt dabei eine besondere Rolle, und Zucker ist streng verboten. "Das gibt es bei vielen sogenannten Krebs-Diäten", erklärt Professor Beuth von der Uniklinik Köln. "Oft steht dahinter die Idee, man könne den Krebs aushungern, aber das ist natürlich Unsinn." Der Krebs nehme sich seine Nahrung aus den körpereigenen Ressourcen, durch eine strenge Diät könne man den Körper schwächen, aber leider keinen Krebs besiegen.

Lesetipps

Gemeinsam gegen Krebs. Naturheilkunde und Onkologie – Zwei Ärzte für eine menschliche Medizin
Prof. Dr. med. Gustav Dobos, PD Dr. med. Sherko Kümmel
Verlag Zabert Sandmann, München 2011
ISBN-13: 978-3898832656
280 Seiten
24,95 Euro

Krebs ganzheitlich behandeln: Komplementäre Methoden – vom Experten bewertet
Prof. Dr. med. Josef Beuth
Trias Verlag, 4. Auflage 2014
ISBN-13: 978-3830481577
216 Seiten
24,99 Euro

Autorin: Claudia Ruby (SWR)

Stand: 12.03.2016 15:15 Uhr