SENDETERMIN Sa, 05.09.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Sibiriens zahme Silberfüchse

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Die Silberfüchse von Nowosibirsk | Video verfügbar bis 03.09.2020
Kind küsst einen gezähmten Silberfuchs
Die Silberfüchse verhalten sich wie anhängliche Hunde.

Einmal in der Woche besuchen Kinder aus einem kleinen sibirischen Ort in der Nähe von Nowosibirsk ihre Lieblinge. Die vier Monate alten Jungtiere sind verspielt und erstaunlich zutraulich. Sie grüßen den Besuch mit einem freudigen Schwanzwedeln, schmiegen sich an, lecken die Hände der Kinder. Sie verhalten sich wie anhängliche Hunde. Aber es sind keine Hunde, es sind sibirische Silberfüchse und ihr Verhalten ist das Ergebnis eines einzigartigen Experiments. Auf einem Bauernhof in Südostsibirien haben russische Biologen in 50-jähriger Selektionsarbeit Wildtiere domestiziert.

Eine Kontrollgruppe

Der russische Genetiker Dmitrij Beljaew
Der visionäre Forscher wollte herausfinden, wie schnell sich Domestizierung vollzieht.

Die Biologieprofessorin Ludmila Trut zeigt eine Kontrollgruppe. Schon beim ersten Anblick legt das elegante Tier die Ohren an, klemmt den Schwanz zwischen die Beine und verzieht sich in die hinterste Ecke. Ludmila Trut nähert sich noch um einen Schritt – und schon kommen ihr zischende Abwehrlaute entgegen. Schließlich greift das Tier an. Mit solchen Wildtieren aus Pelzfarmen begann 1959 ihr Doktorvater Dmitrij Beljaew das Forschungsprojekt.

Dmitrij Beljaew, der visionäre Forscher aus Sibirien

Gedenktafel für Dmitrij Beljaew
Beljaews Hypothesen sind inzwischen wissenschaftlich belegt.

Im Laufe der Domestizierung, die wissenschaftlichen Schätzungen zufolge vor etwa 15.000 bis 100.000 Jahren begann, entstanden vielfältige Hunderassen mit extrem unterschiedlichen Erscheinungsbildern. Wie kam es zu dieser Entwicklung und wie viel Zeit konnte der Domestizierungsprozess brauchen? Diese Frage stellte sich der russische Biologe Dmitrij Beljaew und ging nach Sibirien, um hier an seinem Lebenswerk ungehindert arbeiten zu können.

Der Wissenschaftler leitete das Institut für Zellbiologie und Genetik in Nowosibirsk und beschäftigte sich mit Selektion von Silberfüchsen. Die Sowjetregierung hatte nämlich sibirische Züchter verpflichtet, die Pelzproduktion zu intensivieren, damit Moskau mehr Devisen einnehmen konnte. Und Beljaew sah darin die Chance, seine genetischen Forschungen durchführen zu können. Denn in der Stalin-Zeit passte Genetik nicht zur Ideologie und wurde verboten. Beljaew wollte herausfinden, ob Domestizierung die Fruchtbarkeit bei Silberfüchsen erhöht, denn Hunde können sich das ganze Jahr paaren, während Wolfsrüde und Wölfin nur auf einen Wurf kommen. Beljaew vermutete, dass es bei den Hunden eine Folge der Domestizierung sein könnte. So bekam er Geld für sein Projekt.

Die überraschenden Ergebnisse des Experiments

Zahmer Silberfuchs auf dem Arm einer Pflegerin.
Gezücht auf "Menschenfreundlichkeit", haben die Silberfüchse von klein auf das Bedürfnis nach Zuneigung.

Der Wissenschaftler brachte etwa 100 Füchse auf das abgelegene, von Birkenwald umgebene Gelände. Nach Tests wählte sein Team aus jedem Wurf nur die zahmsten Welpen zur weiteren Paarung aus. Und schon am Anfang des Experiments kam das Überraschende: Von Geburt an suchten die Fuchswelpen die Nähe zum Menschen.

"Diese Fuchswelpen zeigen von seinen Genen her ein hundeähnliches Verhalten. Dieses Verhalten ist absolut untypisch für ihre Art und diese Füchse sind weltweit einzigartig“, berichtet die Professorin Ludmila Trut, die das Pionierwerk von Dmitrij Beljaew heute weiter fortführt. Obwohl Zutraulichkeit das einzige Merkmal war, nach dem Beljaew Füchse für die Kreuzung auswählte, veränderte sich das äußere Erscheinungsbild der Nachkommen. Nach nur vier Generationen registrierten die Forscher Fuchswelpen mit Schlappohren. Im Fell erschienen Flecken und die Füchse reagierten auf Menschen mit Winseln und Schwanzwedeln – was Wildfüchse niemals täten.

Bereits 1868 hatte Charles Darwin darauf hingewiesen, dass domestizierte Tiere in bestimmten körperlichen Merkmalen einander ähneln. Solche Domestikations-Phänotypen wie Kleingliedrigkeit, Schlappohren und weiße Flecken zeigen sich in verschiedenen Variationen bei Hunden, Kühen, Pferden, Schweinen, Hühnern und sogar bei einigen Fischarten, Goldfischen etwa. Beljajew vermutete, dass er solche Veränderungen auch bei seinen Füchsen beobachten würde. Und er behielt recht.

Das Verblüffendste bei Beljajews Experiment war aber, dass Domestikation bereits nach drei bis vier Generationen eintrat und nicht mehrere Tausend Jahre benötigte wie bis dahin angenommen wurde.

Eine revolutionäre Erkenntnis über die Rolle von Stress

Im Labor des Forschungsinstituts in Nowosibirsk.
Beljaew stieß auf ein verblüffendes Wechselspiel zwischen Hormonen.

Beljaew suchte nach einer Antwort auf dieses Phänomen und stieß dabei auf ein verblüffendes Wechselspiel zwischen Hormonen. Er stellte fest, dass die Adrenalin-Werte der domestizierten Füchse – also ihre Stressfaktoren – deutlich niedriger lagen als die der wilden Füchse. Das erklärte das zahme Verhalten der Füchse, nicht aber die Vielfarbigkeit der Felle. Da Adrenalin und das Hormon Melanin, die für die Färbung von Haut, Haaren und Federn verantwortlich sind, in ihrem molekularen Aufbau ähnlich sind, stellte Beljaew die These auf, dass Adrenalin auch die Pigmentproduktion beeinflussen könne: Bei Wildtieren blockiere erhöhter Adrenalinspiegel jene Gene, die für geschecktes Haarkleid zuständig sind. Fällt der Adrenalin-Spiegel, "erwachen" die "schlafenden" Merkmale wie geschecktes Fell und Schlappohren. So entschlüsselte Beljaew die Existenz "schlafender" Gene und den Ablauf, wie sie in Erscheinung treten (Genexpression).

Diese Erkenntnis war revolutionär: Sie erklärte die regulatorische Rolle von Stress(erhöhter Adrenalinspiegel) in der Genexpression und damit in der gesamten Evolution – die Spezies Mensch wohl eingeschlossen.

Kann ein Fuchs der bessere Hund werden?

Die Fähe Wilja und die Schäferhündin Kiwa
Ein schlauer Fuchs eben! Fähe Wilja mit ihrem Lieblingsstofftier.

Um die kognitiven Fähigkeiten der Füchse zu untersuchen, hat die Doktorandin Irina Muchametschina eines der Tiere aus der Farm mit nach Hause genommen. Sie will seine Intelligenz mit der ihrer Schäferhündin Kiwa vergleichen. Irina hat festgestellt, dass domestizierte Füchse über eine ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit gegenüber Menschen verfügen. Die vier Monate alte Fähe Wilja versteht den Fingerzeig oder den Blick auf Anhieb. Sie kann auch Strategien entwickeln, wie sie zum Beispiel ihr Lieblingsstofftier der Schäferhündin wegschnappen kann.

Aber warum haben unsere Vorfahren den Wolf und nicht den Fuchs domestiziert? Die Versuche, Füchse als Haustiere zu halten, gab es bereits im alten Ägypten. Dass der Mensch sich für den Hund als seinen Begleiter entschieden hat, liegt nicht an mangelnder Intelligenz der Füchse und nicht an ihrem Wesen, das sehr an fröhliche und ausgeglichene Golden Retriever erinnert.

Aber Hunde akzeptieren Hierarchie und Kiwa tut alles für ein Lob von Irina, auch ohne Leckerbissen. Füchse dagegen sind Individualisten und haben ihren eigenen Kopf – ähnlich wie Hauskatzen. Die intelligenten Tiere haben auch kein Bedürfnis dem Menschen als Rudelführer zu folgen. Die Aussicht auf Belohnung steigert allerdings Willjas Aufmerksamkeit. Und sie schneidet beim Training genauso gut wie Kiwa ab.

Auch beim Gassigehen zeigt sich Wilja eigenwillig. Auf Menschen und Hunde reagiert sie dabei ausgesprochen freundlich und wedelt mit dem Schwanz, was ihre wilden Artgenossen nie machen. Aber an der Leine laufen klappt noch nicht so recht. Das ungewöhnliche Trio weckt die Neugier der Passanten. Viele wollen inzwischen selbst einen zahmen Fuchs besitzen, sei er noch auch so eigenwillig.

Das Forschungsinstitut in Nowosibirsk hat das erkannt und so finanziert der „Fuchs, der den besseren Hund abgibt“, einen Teil der weiteren Forschung. Die Silberfüchse werden in gemeinsamen Spielen mit Kindern „sozialisiert“. Sie lernen Futter aus der Hand zu nehmen, an der Leine zu laufen und üben sich in Toleranz gegenüber Kindern.

Die Kinder hoffen, dass ihre Lieblinge in gute Hände kommen. Diese Füchse brauchen menschliche Nähe. Und im Wald kann man sie nicht mehr aussetzen.

Autorin: Galina Kirsunova, BR

Stand: 05.09.2015 15:15 Uhr