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Schweine sind schlau

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Schweine sind schlau | Video verfügbar bis 03.09.2020 | Bild: ARD
Kune Kune-Ferkel auf einer Wiese.
Kune Kune Schweine aus Neuseeland | Bild: SWR / Boris Geiger

Schweine stinken, sind dreckig und irgendwie dumm – so die weit verbreiteten Vorurteile. Doch Forscher wissen schon lange: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Schweine besitzen eine hohe Intelligenz, einen ausgeprägten Spieltrieb und sind noch dazu ziemlich reinlich. An der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat nun ein einzigartiges Projekt begonnen, das neben den geistigen Fähigkeiten vor allem das Sozialverhalten von Schweinen untersuchen möchte.

Schweinische Freunde

Biologe Ludwig Huber: Schweine sind hochsoziale Wesen!
Biologe Ludwig Huber: Schweine sind hochsoziale Wesen!  | Bild: BR

Mehrere Monate lang beobachten Kognitionsforscher, Biologen, Tierärzte und Philosophen das soziale Netzwerk von zwei Kune Kune-Schweinefamilien und ihrer 18 Ferkel in einem riesigen Freilandlabor. Wer versteht sich mit wem? Welche Tiere gehen gemeinsam auf Futtersuche? Wie verhält sich die Schweine-Tante, wenn sie auf die Ferkel ihrer Schwester aufpassen muss? Und wie schnell schmieden die Tiere Allianzen, wenn sie eine Kiste mit Futter öffnen wollen? Schon jetzt zeigt sich: Die soziale Intelligenz der Schweine wurde lange völlig unterschätzt. "Alles, was wir jetzt schon wissen ist, dass Schweine gute Beziehungen aufbauen, freundschaftliche Beziehungen - und die Frage ist, welche kognitiven Fähigkeiten sie verwenden, um das aufrecht zu erhalten", sagt der Kognitionsbiologe Ludwig Huber. Er möchte zusammen mit der Tierärztin Marianne Wondrak herausfinden, was eine Schweinefamilie im Innersten zusammenhält. Und wie sich ein intaktes Familienleben auf die Gesundheit der Tiere auswirkt.

Soziales Lernen: schlau durch Beobachtung

Mutterschwein versucht Holzkiste mit Futter zu öffnen, Forscher belohnen Tier mit Futter
Lernen unter Schweinen: Wie öffnet sich die Futterkiste?  | Bild: BR

Kleine Kinder lernen die ersten Kniffe des Lebens meist von ihren Eltern. Aber ist das auch bei Schweinen so? Mehrere Wochen lang haben die Forscher die Muttertiere darauf trainiert, eine Holzkiste mit Futter zu öffnen. Die eine Sau lernt, die Box nach links aufzuschieben, um an das Futter zu gelangen. Die andere soll sie nach rechts aufschieben. Dann lassen die Forscher die Ferkel zusehen, auf welche Weise die Mutterschweine an das Futter gelangen. Das Experiment steht noch am Anfang.  Doch schon jetzt zeigt sich: die meisten Ferkel verwenden die gleiche Technik wie die erwachsenen Tiere. Manche denken sich aber auch eine ganz eigene Methode aus. Eine erstaunliche Erkenntnis, die zeigt, dass Schweine nicht nur voneinander lernen, sondern anscheinend auch eine eigene Persönlichkeit haben.

Interessante Gruppendynamik

Zwei Forscherinnen auf einer Wiese filmen das Verhalten von Schweinen mit Videokamera.
Vorsicht Kamera: Die Rangordnung wird genau dokumentiert. | Bild: BR

Die Kune Kune-Schweine mit dem zotteligen Fell stammen ursprünglich aus Neuseeland und sind für ihr liebenswürdiges Temperament bekannt. Doch auch in der besten Schweinefamilie kann es mal Streit geben. Besonders deutlich wird das bei der Futtersuche. "Natürlich ist es so, dass es auch in der Gruppe Stress gibt. Es gibt die Aggressiven, die Stärkeren. Und es gibt die weniger Aggressiven und gerade bei denen ist es wichtig, welche Alternativstrategien sie etablieren, um gut durchs Leben zu kommen", so Ludwig Huber. Um die schweinische Familienbande genauer zu analysieren, haben die Forscher allen Tieren einen elektronischen Chip implantiert. Außerdem dokumentieren sie die Rangordnung mit einer Video-Kamera. So können sie die Bewegungsmuster der Schweine auswerten.

Zusätzlich sind auf dem gesamten Forschungsbauernhof Überwachungskameras installiert.Das Interessante dabei: soziale Beziehungen entwickeln sich bei den Schweinen auch familienübergreifend. Manche Tiere mögen sich überhaupt nicht, es gibt aber auch dicke Freundschaften. Um herauszufinden, wie sich ein solch intaktes Sozialleben auf das Wohlbefinden der Schweine auswirkt, nimmt die Tierärztin Marianne Wondrak einmal pro Woche Speichelproben und analysiert die darin enthaltenen Stresshormone. Kortisol, aber auch andere Biomarker geben Aufschluss über die Gesundheit der Schweine.

Haben Schweine Empathie?

Ferkel versucht auf Touchscreen menschliche Gesichter zu erkennen.
Trainingseinheit "Gesichtserkennung".  | Bild: BR

Dann wartet für die Tiere die nächste Aufgabe – und die wird sauschwer: Auf einem Touchscreen werden ihnen verschiedene Objekte präsentiert. Wie gut ist das visuelle Unterscheidungsvermögen der Tiere? Erst folgt ein Übungsdurchgang mit einem weißen Punkt. Drückt das Ferkel mit der Schnauze im richtigen Moment auf den Bildschirm, gibt es eine Belohnung aus dem Futterspender. Dann werden ihm Fotos menschlicher Gesichter gezeigt. Auch hier meistert das junge Schweinchen seine Aufgabe mit Bravour. Es erkennt, ob ein Gesicht gezeigt wird oder nicht.

Was genau die Tiere auf dem Bildschirm wahrnehmen, darüber können die Forscher nur spekulieren. Doch irgendwann sollen die Schweine lernen, anhand der Gesichter menschliche Emotionen auseinanderzuhalten. Das wäre eine erstaunliche Leistung. Denn wenn Schweine dazu tatsächlich in der Lage sind, würde das bedeuten, dass sie sogar so etwas wie Empathie besitzen, sich also in andere Wesen hineinversetzen können. Damit wären sie ähnlich intelligent wie Hunde.

Auch wenn die Wiener Forscher ihre Studien noch nicht abgeschlossen haben, steht bereits heute fest: Schweine sind so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir ihnen oft zuschreiben. Nicht dumm, sondern äußerst intelligent. Nicht dreckig, sondern überaus reinlich. Nicht aggressiv, sondern hochsozial und empfindsam. Höchste Zeit über unseren Umgang mit diesen außergewöhnlichen Kreaturen nachzudenken.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 05.09.2015 15:15 Uhr