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Mieterstrom: Ein gerechtes Modell?

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Mieterstrom: Ein gerechtes Modell? | Video verfügbar bis 12.05.2023 | Bild[1]: HR

Die Energiewende kostet Geld, das ist klar. Einige verdienen aber auch ganz gut damit. Zum Beispiel Immobilienbesitzer, die eine Solaranlage auf ihrem Haus installiert haben und den Strom ins Netz einspeisen. Dafür bekommen sie eine Einspeisevergütung von momentan etwa 12 Cent pro Kilowattstunde und in der Regel günstige Förderkredite für den Anlagenbau. Gezahlt wird das aus der EEG-Umlage, die alle mit ihrer Stromrechnung bezahlen. Mieter hatten bisher also nur höhere Kosten. Seit Juli 2017 können nun aber auch Mieter profitieren – durch den Mieterstrom.

Mieterstrom – ein gerechtes Modell?

Wenn Familie Khoshnafas ihre Elektrogeräte anstellt, dann hat sie ein richtig gutes Gefühl. Denn ihren Strom bekommt die Frankfurter Familie direkt von einer Solaranlage auf dem Dach. Und das lohnt sich für sie, sie zahlen jetzt zehn Prozent weniger als vorher.

Mieterstrom-Solaranlagen auf Dächern in Frankfurt
Die Solaranlage auf dem Haus, in dem die Khoshnafas wohnen, gehört einem Frankfurter Stromversorger.  | Bild: HR

Mieter von Wohnungen in Häusern mit Solaranlagen sparen – aber Mieter, von Wohnungen in Häusern ohne solche Anlage zahlen für ihren Strom vielleicht bald mehr. Wie kann das sein? Fangen wir ganz von vorne an. Die Solaranlage auf dem Haus, in dem die Khoshnafas wohnen, gehört nicht ihnen und den anderen Mietern, sondern einem Frankfurter Stromversorger. Das Unternehmen pachtete dafür die Dächer des Vermieters, einer Wohnungsbaugesellschaft, und errichtete darauf die Anlage, die sie auch selbst betreibt. Als Solaranlagenbetreiber bekommt die Firma vom Bund einen Mieterstromzuschlag, der über die EEG-Umlage finanziert wird und wird darüber hinaus von Stromsteuer, Netzentgelt und weiteren Umlagen befreit. So sollen sich die Investitionen rechnen. Denn der Anlagenbetreiber muss den Mieterstrom mindestens zehn Prozent günstiger liefern als der örtliche Grundversorger. Klingt vielversprechend! Aber sorgt das Modell wirklich für mehr Gerechtigkeit?

Kritiker: Mieterstrom ist ungerecht

Denn was ist mit den Mietern, die solche Anlagen nicht auf dem Dach haben? Energie-Ökonom Manuel Frondel kritisiert, dass normale Mieter womöglich mehr für ihren Strom bezahlen müssen: "Derjenige, der seinen eigenen Strom mit der Photovoltaik-Anlage finanziert, bezieht weniger Strom vom Stromversorger und muss deswegen weniger EEG-Umlage bezahlen. Mit der Konsequenz, dass andere Leute, die diese Möglichkeiten nicht haben, höhere EEG-Umlagen und höhere Netznutzungsentgelte bezahlen", sagt der Experte. 

Mieterstrom könnte die Energiewende spürbar beschleunigen

Fest steht allerdings: Wir brauchen mehr Solaranlagen auf den Dächern. In Deutschland könnten nach dem Modell etwa 370.000 Gebäude mit Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach bestückt und damit fast vier Millionen Mietparteien mit Strom versorgt werden. Kommunen und Verbraucherzentralen sehen im Mieterstrom deshalb ein wichtiges Instrument zur Beschleunigung der Energiewende.

Unklar, wer die Zeche zahlt

Ein Mann hält seine Stromrechnung in die Kamera
Ist der "normale" Mieter bald der Dumme? | Bild: HR

Die Gefahr, dass normale Mieter die Zeche zahlen müssen, sehe man nicht, sagt Thomas Seltmann, Referent für Photovoltaik bei der Verbraucherzentrale NRW: "Natürlich ist es oft so – man kennt es vom Wasserverbrauch – dass bei einem geringeren Wasserverbrauch die Kosten der Wasserversorgung und des Wassernetzes trotzdem auf die Nutzer umgelegt werden. Aber wer da jetzt beim Strom weniger und mehr zahlt und um wie viel sich die Kosten wirklich erhöhen, das ist ja gar nicht raus." Allerdings könnten laut Berechnungen einer vom Bundewirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Prognose durch die Mieterstrom-Subventionen für einen Durchschnitts-Haushalt jährlich Strom-Mehrkosten von 25 Euro und mehr entstehen.

Halbherzige Förderung

Für die Energiewende wäre es trotz allem hilfreich, wenn mehr solcher Solaranlagen auf Mietshäusern installiert würden. Denn die möglichen 14 Terawattstunden Solarstrom  entsprechen etwa zehn Prozent des heutigen Strombedarfs deutscher Haushalte. Das hört sich gut an, wäre da nicht ein weiterer Haken: Die Bundesregierung fördert nämlich statt der möglichen 14 Terawattstunden gerade einmal mickrige 0,5 Terawattstunden pro Jahr. Und das ist nicht das einzige Problem.

Bürkratischer Aufwand immens

Photovoltaikanlage auf einem Hausdach
Wer Solarstrom an Mieter verkauft, muss womöglich Gewerbesteuer zahlen.  | Bild: HR

Wer Solarstrom an Mieter verkauft, muss womöglich Gewerbesteuer zahlen. Eine Steuer, von Vermieter eigentlich befreit sind. Deshalb arbeiten manche Vermieter mit Energieunternehmen zusammen, die die Anlagen dann installieren und betreiben. Und auch der bürokratische Aufwand für die Beteiligten eines Mieterstrom-Projekts ist immens. So sind über ein Dutzend Meldepflichten und Regelungen einzuhalten, kritisiert Verbraucherschützer Thomas Seltmann: "Diese Regelungen haben ja alle irgendwo ihren Sinn. Aber der Sinn endet im Grunde am Hausanschluss und alles, was innerhalb des Hauses passiert, sollte möglichst einfach passieren. Denn diese Möglichkeit, Solarstrom vor Ort zu erzeugen und zu nutzen, ist einfach, kostengünstig und sinnvoll."

Weniger Bürokratie, mehr Verteilungs-Gerechtigkeit

Doch klar ist auch: Das sinnvolle Projekt sollte nicht dazu führen, dass der Mieterstrom bei "normalen" Mietern zu Mehrkosten führt. Manuel Fröndel sieht aber durchaus Lösungsmöglichkeiten: "Korrigieren könnte man das leicht, indem in Zukunft der Ausbau der erneuerbaren Energien über die Steuer, beispielsweise über die Einkommenssteuer finanziert wird. Dann hätten wohlhabendere Haushalte einen größeren Anteil am Ausbau der erneuerbaren Energien zu leisten als ärmere Haushalte."

Fazit: Der Mieterstrom muss entbürokratisiert und gerechter gefördert werden. Dann kann er sich zu einem wichtigen Baustein der Energiewende entwickeln. Und wirklich alle Mieter glücklich machen.

Autor: Stefan Venator (hr)

Stand: 11.05.2018 12:31 Uhr