SENDETERMIN Sa, 14.04.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Baden verboten? Multiresisitente Keime im Wasser

PlayEin Wassertropfen
Baden verboten? Multiresisitente Keime im Wasser | Video verfügbar bis 14.04.2023 | Bild: picture-alliance/chromorange

Schockierende Schlagzeilen: NDR-Reporter haben kürzlich in zwölf zufällig ausgewählten Flüssen, Seen und Bächen in Niedersachsen multiresistente Keime nachgewiesen - auch an Badestellen. Wie gefährlich ist das für Schwimmer und könnten die Keime auch ins Trinkwasser gelangen?

Gefährliche Bakterien

Multiresistente Erreger können schwere Infektionen auslösen, die darüber hinaus oft kaum zu behandeln sind. Die Keime verbreiten sich vor allem dort, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, etwa in Krankenhäusern und in der Massentierhaltung. Die NDR-Recherche zeigt, dass verschiedene Arten multiresistenter Erreger nun auch in der Umwelt angekommen sind:

Die einen – sogenannte ESBL ("Extended Spektrum Beta Laktamasen")-bildende Bakterien - produzieren Enzyme, die bestimmte Antibiotika unwirksam machen - zum Beispiel Penicilline.

Die zweite Gruppe – "multiresistente gramnegative Stäbchenbakterien" (MRGN) – sind in der Regel Darmkeime, die gleich gegen drei oder vier gängige Antibiotika-Klassen unempfindlich sind. In mehreren Fällen ließen sich sogar Resistenzen gegen Reserveantibiotika wie Carbapeneme und Colistin nachweisen, die beim Menschen nur dann eingesetzt werden, wenn alle andere Antibiotika versagen.

Bakterien können Resistenzen untereinander austauschen

Horizontaler Gentransfer
Bakterien können Resistenzen untereinander austauschen. | Bild: NDR

Das Problem: Bakterien können diese Resistenzen untereinander austauschen. Das heißt: Ein resistenter Keim kann seine Resistenz an ein bis dahin nichtresistentes Bakterium weitergeben oder er gewinnt zusätzliche Resistenzen von anderen Bakterien hinzu. Sind genügend resistente Keime im Wasser, könnten so irgendwann Krankheitserreger entstehen, gegen die überhaupt kein Antibiotikum mehr wirkt.

Deshalb ist es wichtig, möglichst zu verhindern, dass sie in die Umwelt gelangen. Wie verbreitet multiresistente Erreger in Oberflächengewässern tatsächlich sind, lässt sich noch nicht genau sagen. Mehrere Forschungsprojekte untersuchen aktuell, wie solche Keime sich über das Abwasser verbreiten und wie effektiv Kläranlagen sie abtöten.

Ist unser Trinkwasser in Gefahr?

Tropfender Wasserhahn
Aus Talsperren, Flüssen oder Seen wird Trinkwasser gewonnen.  | Bild: NDR

Wasser aus Talsperren, Flüssen oder Seen, das mit multiresistenten Keimen belastet sein könnten, wird oft auch Trinkwasser gewonnen. Der Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene an der Hamburger Uniklinik, Prof. Dr. Johannes Knobloch, hält das Risiko, dass sich multiresistente Erreger im Leitungsnetz verbreiten, aber für gering. Trinkwasser ist das am besten kontrollierte Lebensmittel überhaupt. Dort, wo es aus Oberflächengewässern gewonnen wird, setzen die Wasserversorger schon seit Jahrzehnten effektive Techniken ein, um es rein und frei von gefährlichen Keimen zu halten. Dazu gehören zum Beispiel Uferfiltration, UV-Desinfektion oder Ozonierung.

Wann schwimmen riskant ist

Okertalsperre aus der Vogelperspektive
Aktuell diskutieren Bund und Länder, ob eine Ausweitung der Kontrollen sinnvoll ist. | Bild: NDR

Weder Trinkwasser noch Badestellen werden bislang auf multiresistente Erreger überprüft. Aktuell diskutieren Bund und Länder, ob eine Ausweitung der Kontrollen sinnvoll ist. Für Badestellen sind zurzeit lediglich regelmäßige Messungen von zwei sogenannten Indikatorkeimen vorgeschrieben. Liegt deren Konzentration über den Grenzwerten, wird das Baden verboten.

Vor allem nach Starkregen sind die Werte oft erhöht. Das liegt daran, dass mit dem Regenwasser auch Gülle von umliegenden Feldern oder ungeklärte städtische Abwässer direkt in Flüsse und Seen fließen können. Klingt zwar unappetitlich, aber ist es auch ein Gesundheitsrisiko?

Gefundene Keime machen nicht zwangsläufig krank

Menschlicher Oberkörper in einer Grafik
Erst wenn Erreger ins Blut geraten können sie eine gefürchtete Infektion auslösen.  | Bild: NDR

Treffen resistente Keime auf unsere Haut, schützt uns in der Regel unsere Hautflora vor dieser Attacke. Denn auf unserer Hautoberfläche halten sich verschiedenste Bakterien gegenseitig in Schach. Aber auch wenn wir multiresistente Erreger verschlucken, führt das nicht automatisch zu einer Erkrankung. Ein großer Teil der Keime wird direkt von der Magensäure vernichtet. Die wenigen Bakterien, die dieses Säurebad überleben, können zwar den Darm besiedeln, aber auch das hat nicht unbedingt unmittelbare Folgen: Bis zu fünf Prozent der Deutschen tragen MRGN-Bakterien in sich, ohne es zu merken.

Das gesunde Immunsystem hält sie unter Kontrolle. Erst wenn die Erreger ins Blut geraten – zum Beispiel durch eine Verletzung oder bei einer OP – können sie die gefürchteten Infektionen auslösen.

Nach dem Schwimmen gründlich duschen

Schwimmer im Zwischenahner Meer
Immungeschwächte Personen sollten sich beim Baden zurückhalten. | Bild: NDR

"Für Gesunde ist die Gefahr, sich beim Schwimmen in einem belasteten See mit einem multiresistenten Erreger zu infizieren, derzeit in etwa so groß wie mit den Goldpartikeln in diesem See reich zu werden", so Prof. Knobloch. Generell rät er aber davon ab, mit offenen Wunden zu baden, denn im Wasser können sich auch genügend ganz "normale", das heißt nicht-multiresistente Krankheitserreger tummeln. Auch immungeschwächte Personen sollten sich beim Baden deshalb zurückhalten. Wer darüber hinaus nach dem Schwimmen gründlich duscht, muss auf ein erfrischendes Bad im Baggersee trotz der neuen Funde nicht verzichten.

Autorin: Annette Schmaltz (NDR)

Stand: 14.04.2018 12:48 Uhr