SENDETERMIN Sa, 30.09.17 | 16:00 Uhr | Das Erste

Haus auf Haus: Nachverdichtung in der Stadt

Haus auf Haus: Nachverdichtung in der Stadt  | Video verfügbar bis 28.09.2022

Der Wohnraum in deutschen Großstädten ist knapp – das liegt zum einen am massiven Zuzug neuer Bewohner, zum anderen am geringen Platzangebot und entsprechend teuren Grundstückspreisen. Doch wie lässt sich dieses Problem in den Griff bekommen? Eine besonders kreative Möglichkeit sind "vertikale" Bauten – Häuser, die auf oder an bestehende Gebäude gebaut werden. Eine andere: die Aufstockung kompletter Stockwerke auf alte Wohnblocks. Lässt sich so die Wohnungsnot in den Ballungsräumen bekämpfen?

Wohnen in der Nische

"Mini-Haus", nennt Architekt Hans Drexler sein besonderes Einfamilienhaus. Dabei ist es eigentlich gar nicht so mini: 145 Quadratmeter, die sich in kleinen verschachtelten Parzellen übereinanderstapeln. Auf nur 29 Quadratmetern ist auf einer winzigen Restfläche mitten in der Frankfurter Innenstadt ein komplettes Einfamilienhaus entstanden. Die Inspiration zu diesem Projekt holte sich der Architekt in Tokio, wo solche Nischen-Häuschen aufgrund der dichten Bebauung bereits häufig zu sehen sind. Wie eine Klette klammert sich das Haus an die Fassade des Nachbargebäudes. Der Vorteil: Für das fünfstöckige Gebäude wurde kaum zusätzlicher Platz verbraucht. Und: Das Passivhaus produziert seine Energie komplett selbst. Nachverdichtung nennen Stadtplaner diese Art des Bauens. Kleine Nischen oder Innenhöfe werden bebaut, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.

Hans Drexler hat das vertikale Haus für seine Familie entworfen. Als Prototyp für urbanes, ökologisches Wohnen und Arbeiten. Unten befindet sich die Büroräume des Architekten, oben der Wohnbereich. So spart er sich den Weg mit dem Auto zur Arbeit und profitiert gleichzeitig vom reichhaltigen Angebot an Einkaufsmöglichkeiten, Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule.

Aufgestockt: Neue Chancen für Holz

Siedlung in München-Sendling aus der Vogelperspektive
Neu auf alt: Wohnblocks aus den 1950er-Jahren.

Doch helfen solche Nischenhäuser, das Wohnungsproblem in den Metropolen zu lösen? In München etwa fehlen derzeit pro Jahr rund 8.500 Wohnungen. Eine Lösung: Immer mehr Innenhöfe in den Wohngebieten werden mit neuen Mehrfamilienhäusern bebaut. Eine weitere Form der Nachverdichtung: Aufstockung auf alte Bestandsgebäude wie beispielsweise in München-Sendling. Fünf Wohnriegel aus den 1950er-Jahren, Wohnraum für viele Menschen, aber längst nicht mehr ausreichend, deshalb wurde hier aufgestockt. Bauleiter Robert Zengler von der Münchner Wohnungsbaugesellschaft GEWOFAG hat die Sanierungsmaßnahme begleitet. Gemeinsam mit dem Architektenteam hat er sich entschieden, die neuen Wohnungen vorwiegend in Holzbauweise zu errichten. Der Grund: Holz ist ein besonders leichter Werkstoff und lässt sich relativ schnell verbauen, denn die Holzwände werden bereits vorgefertigt angeliefert. Da viele Aufstockungen im bewohnten Zustand stattfinden, können so die Beeinträchtigungen für die Mieter etwas kleiner gehalten werden.

Wohnraum für viele Menschen

Wohnhaus mit oberster Etage aus Holz
Leicht und flexibel: Aufstockung mit Holz.

Bei der Aufstockung wird zunächst der Dachstuhl des alten Hauses abgetragen, dann die Decken verstärkt und die Grundmauern mit Betonpfeilern stabilisiert. Damit soll das Bestandsgebäude tragfähiger werden. Anschließend werden auf dem neuen Geschoss die Betonschotten gesetzt und die vorgefertigten Holzwände aufgestellt. Am Schluss bekommt das Haus ein Flachdach, ebenfalls aus Holz. Allein durch solche Dach-Aufstockungen könnten in Deutschland nach Berechnungen der Technischen Universität Darmstadt 1,5 Millionen zusätzliche Wohnungen gewonnen werden – ohne neue Grundstücke zu erschließen. Allerdings kann das nur einen Teil des Wohnbedarfs decken. Es ist nach wie vor notwendig, neue Siedlungen und Mehrfamilienhäuser zu errichten, um dem Bevölkerungsansturm auf die Städte gerecht zu werden.

Stadthaus mit besserer Ökobilanz als Haus im Grünen

Dachterrasse aus der Vogelperspektive
Dachterrasse statt Garten

Architekt Hans Drexler hat sein gestapeltes Passivhaus in einer Studie mit einem konventionellen Reihenhaus im Grünen verglichen. Das Ergebnis: Das Stadthaus in der Frankfurter City hat eine bessere Ökobilanz, geringere Energiekosten und weniger Flächenverbrauch. Außerdem kann die vorhandene Infrastruktur genutzt werden und für den Neubau mussten weder Bauland erschlossen, noch neue Leitungen gelegt werden. Der fehlende Garten wird durch eine begrünte Dachterrasse kompensiert. Hans Drexler hofft, dass seine Art des Bauens Schule macht und noch mehr Städteplaner und Bauherren Nischen und übrig gebliebene Flächen kreativ nutzen. Denn auch so kann der Traum vom Eigenheim aussehen – und das mitten in der Innenstadt.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 01.10.2017 20:00 Uhr

Sendetermin

Sa, 30.09.17 | 16:00 Uhr
Das Erste

Weitere Informationen