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Notfall Wechselwirkung

Notfall Wechselwirkung | Video verfügbar bis 14.10.2021

Im bayrischen Fürth landen täglich um die 150 Menschen in der Notaufnahme. Häufig rätseln die Ärzte, was genau die Symptome ihrer Patienten ausgelöst haben könnte. Wie kam es zu der Magenblutung, war der Unfall vielleicht durch einen Schwindel ausgelöst oder hat der Achillessehnenriss eine Vorgeschichte? Bei bis zu 20 Patienten am Tag haben die Mediziner inzwischen den Verdacht, dass Nebenwirkungen der eingenommenen Medikamente die Ursache für ihre Einlieferung sein könnten.

Zwei Millionen Betroffene?

Prof. Julia Stingel, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
Prof. Julia Stingel, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

Laut der Vizepräsidentin des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte Prof. Julia Stingel  taucht in Deutschland rein rechnerisch rund ein Viertel der Bevölkerung einmal im Jahr in einer Notaufnahme auf. Wenn sie von der Annahme ausgeht, dass zehn Prozent aller Fälle wegen unerwünschter schwerer Arzneimittelwirkungen in der Notaufnahme sind, könnte es möglicherweise insgesamt jährlich zwei Millionen Fälle geben, schätzt Prof. Julia Stingl.

Erstmals Zahlen für Deutschland

Genaue Zahlen, wie viele Menschen aufgrund von Arzneimittel-Nebenwirkungen in Notaufnahmen auftauchen, gibt es bislang für Deutschland nicht. Studien unter anderem aus Kanada, Italien und aus den skandinavischen Ländern lassen Experten davon ausgehen, dass es zwischen fünf und zehn Prozent der Krankenhausnotfalleinweisungen sein könnten, deren Ursache eine Arzneimittelnebenwirkung ist.

Plastikbeutel mit mehreren Medikamenten
Den Überblick über ihre Medikamente haben viele Menschen nicht.

Um auch für Deutschland sichere Zahlen zu haben, führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn derzeit eine eigene Studie durch. In den drei beteiligten Notaufnahmen, Fürth, Ulm und Stuttgart werden ein Jahr Daten der eingelieferten Patienten erhoben.  Zunächst entscheiden die  Ärzte, welcher Patient möglicherweise wegen Nebenwirkungen hier bei ihnen ist. Dann folgt bei den ansprechbaren Patienten die Frage, welche Medikamente sie eingenommen haben.

Detektivarbeit

Prof. Harald Dormann
Prof. Harald Dormann, leitender Chefarzt der Zentralen Notaufnahme Fürth

Um das herauszubekommen, ist mitunter regelrechte Detektivarbeit nötig. Der Leiter der Zentralen Notaufnahme Prof. Harald Dormann kennt viele Beispiele, die ihre Medikamente nicht benennen, höchstens beschreiben können. "Die Tablette ist groß und weiß und der Saft ist gelb und bitter", zitiert Dormann, der dann versucht, zu rekonstruieren, was der Patient eingenommen haben könnte. "Das kostet Zeit und letztendlich geht das zu Lasten der Patientensicherheit. Aber", so hofft er, "das wird sich ja jetzt mit dem bundeseinheitlichen Medikationsplan, den es seit Oktober gibt, vielleicht ändern."

Fehler in Zukunft vermeiden

Medikamentenschrank
Am meisten Probleme machen die häufig verschriebenen Medikamente.

Erkennen die Ärzte der Notaufnahme einen Patienten als möglichen Verdachtsfall von Arzneimittelnebenwirkungen, untersuchen sie die möglichen Ursachen genauer. Sie erfassen das  Alter und  die genetische Disposition des Patienten. Zudem interessiert es, welche und wie viele Präparate er insgesamt einnimmt. Wo könnte im gesamten Medikationsprozess etwas schief gelaufen sein? Ein Ziel der Studie ist es, mögliche Fehler zu identifizieren, um sie in Zukunft zu vermeiden.

Sieben oder mehr Medikamente täglich

Tür des Schockraums 2 der Zentralen Notaufnahme Fürth
In Zukunft soll die Patientensicherheit steigen.

Auch wenn die Daten noch nicht vollständig ausgewertet sind, zeichnet sich bereits ab, dass meist Patienten betroffen sind, die sieben oder mehr Medikamente täglich einnehmen und um die 70 Jahre sind. Einen Unterschied zwischen Frauen und Männer gibt es laut ersten Ergebnissen nicht. Auffällig ist, dass es meist die gängigen und häufig verschrieben Medikamente sind, wie Schmerzmittel, Blutdrucksenker und Blutverdünner, die die Nebenwirkungen verursachen. Es sind also nicht exotische oder seltene Medikamente, die am häufigsten Probleme verursachen, sondern diejenigen, die am meisten im Umlauf sind.

Autorin: Britta Reinke (WDR)

Stand: 15.10.2016 14:18 Uhr