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Plastikmüll im Meer

Plastikmüll im Meer | Video verfügbar bis 28.10.2021

Aus unserem Alltag ist es längst nicht mehr wegzudenken: Plastik. Rund 300 Millionen Tonnen davon werden jährlich produziert und zu unterschiedlichen Produkten wie Textilfasern, Handygehäusen oder Getränkeflaschen verarbeitet. Doch irgendwann ist der Fleece-Pullover abgetragen, das Handy kaputt und die Flasche ausgetrunken. Dann wandert alles auf den Müll – und das in rauen Mengen. Schätzungen gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent des weltweit anfallenden Abfalls mittlerweile aus Kunststoffen besteht. In vielen Teilen der Welt landet dieser Plastik-Müll auf der Straße, in Seen oder Flüssen – und treibt schließlich ins Meer.

Wie viel genau ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Laut Umweltbundesamt sind es pro Jahr rund 30 Millionen Tonnen Plastikmüll, die so in die Ozeane gelangen. Die 2015 im renommierten Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentliche Jambeck-Studie spricht von jährlich 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen – mit zunehmender Tendenz. Bis 2025, so die Autoren, könnte sich die Müllmenge in den Weltmeeren sogar verdoppeln.

100.000 Meeressäuger sterben an Plastikmüll

Dass dies nicht ohne Folgen für die Meeresbewohner bleibt ist selbstverständlich. Plastik-Teile werden beispielsweise von Seehunden, Delphinen oder Vögeln mit Nahrung verwechselt und gefressen. Die Tiere verhungern dann trotz vollen Magens oder verenden an Darmverschluss. Viele ersticken auch qualvoll in Netzresten. Nach aktuellen Schätzungen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) kostet das jährlich rund 100.000 Meeressäuger und einer Million Meeresvögel das Leben. 

Plastik verschwindet nie

Ein weiteres Problem: Plastik ist biologisch nicht abbaubar, es zerfällt nur – wie beispielsweise eine Plastikflasche, die im offenen Meer treibt. Der Wellenschlag, die Reibung an Felsen oder anderen Treibgütern lassen die Flasche mit der Zeit in mehrere, erst noch sichtbare, Stücke zerbrechen. Diese werden dann wieder aufgerieben, zerbrechen zu kleineren Plastikfragmenten und so weiter. Sind die Plastikteilchen kleiner als fünf Millimeter, sprechen Experten vom sogenannten Mikroplastik. Und auch wenn dieses irgendwann für das menschliche Auge unsichtbar ist – es verschwindet niemals komplett, sondern sinkt mit der Zeit auf den Meeresboden ab. Wissenschaftler schätzen, dass schon heute mehr als 70 Prozent des gesamten Plastikmülls im Meer auf dem Grund der Ozeane liegen.      

Mikroplastik lässt Miesmuscheln schneller sterben  

Mikroplastik-Lösung für Miesmuscheln
Keine gesunde Mahlzeit: Mikroplastik-Lösung für Miesmuscheln.

Unklar ist bisher, wie sich die Mikroplastik-Partikel auf die Meereslebewesen und letztlich auch auf den Menschen auswirken. Aktuelle Laborexperimente am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel zeigen zwar, dass bei Miesmuscheln hohe Mikropartikel-Konzentrationen Entzündungsreaktionen auslösen können und auch die Sterblichkeit der Tiere in einigen Fällen zunimmt. Für eine generelle Aussage ist es aber noch zu früh. Das gilt insbesondere für die Frage, ob Mikropartikel, die der Mensch beispielsweise mit Meeresfrüchten aufnimmt, eine Gesundheitsgefährdung darstellen.

Wie lässt sich der Plastikmüll aus dem Wasser herausholen?

Trotzdem gilt: Plastikmüll hat zweifelsohne negative Effekte auf das sensible Ökosystem Meer. Doch wie lässt sich dieses unrühmliche Erbe unserer Wegwerfgesellschaft aus den Ozeanen wieder herausholen? Und ist das überhaupt sinnvoll? An Lösungsideen zumindest mangelt es nicht.

Die "Seekuh" soll sauber machen

Die "Seekuh" fischt Plastikmüll, Animation
Funktioniert bisher nur in der Animation: Die "Seekuh" fischt Plastikmüll.

Eine kommt aus Deutschland, vom Umweltschutzverein One Ocean – One Earth. Die  Vision von Gründer Günther Bonin: Künftig soll eine ganze Armada von eigens entwickelten Spezialbooten den Plastikmüll mit Netzen aus dem Wasser fischen, um ihn anschließend auf großen Spezialschiffen zu recyceln.

Die Hauptarbeit, also das eigentliche Müll einsammeln, übernimmt dabei die sogenannte Seekuh. Ein für rund 350.000 Euro entwickelter Spezial-Katamaran: 12,5 Meter lang und 10 Meter breit. Ende September wurde das Schiff erstmals zu Wasser gelassen und getauft – einsatzbereit ist es allerdings noch nicht. Denn ausgerechnet bei der ersten öffentlichen Präsentation fehlte der "Seekuh" noch etwas Entscheidendes: die beiden Netze zum Müll sammeln, die zwischen die Rümpfe des Katamarans gespannt werden sollen. Bis zu zwei Tonnen Plastikmüll soll eine "Seekuh" damit pro Fahrt "abgrasen" können. Geht es nach den Vorstellungen von Günther Bonin wird es aber nicht bei einer "Seekuh" bleiben. Er hofft, dass seine Entwicklung zum Verkaufsschlager wird und eines Tages bis zu 10.000 "Seekühe" durch die Weltmeere pflügen.

Ökologischer Schaden größer als Nutzen

Experten sehen diesen Ansatz jedoch kritisch. Ihre Sorge: der sogenannte Beifang, der bei jeder Form der Fischerei zwangsläufig entsteht. Das heißt konkret: Wer mit Netzen im Meer nach Plastik fischt, holt auch alles andere heraus was ähnlich groß ist und sich ähnlich verhält, also beispielsweise Fische. Meeresbiologe Dr. Mark Lenz vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel erwartet, dass das Abfischen von Plastikmüll letztlich mehr ökologische Schäden verursacht als dass es hilft. Zumal auch die Effizienz dieser Methode angesichts der vielen Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen bezweifelt werden darf.

Ein 22-jähriger Holländer will es wissen

Müll-Barrieren im Meer
Gigantismus im offenen Ozean: Bis zu 100 Kilometer sollen die Müll-Barrieren lang sein. (Quelle: The Ocean Cleanup)

Eine andere Idee verfolgt der 22-jährige Holländer Boyn Slat mit seinem Projekt "The Ocean Cleanup". Er will künftig den Plastikmüll im offenen Meer mit bis zu 100 Kilometer langen Sperren auffangen und anschließend einsammeln. Im Prinzip ähnlich wie das heute schon nach Ölkatastrophen mit schwimmenden Ölsperren praktiziert wird. Die Barrieren selbst sind eigentlich nichts anderes als ein aufgeblasener, rund 70 Zentimeter hoher PVC-Schlauch der fest im Ozean verankert werden soll. Und zwar genau an den Stellen an denen sich der Plastikmüll, bedingt durch die Meeresströmungen, besonders stark konzentriert. Wie beispielsweise im Nordpazifikwirbel, in dem die Wissenschaft schon vor Jahren einen riesigen Müllstrudel entdeckt hat. Geht es nach den Plänen von "The Ocean Cleanup", wird hier ab dem Jahr 2020 die erste Barriere installiert und insgesamt mehr als 70.000 Tonnen Plastikmüll aus dem Meer holen.

"Reine Utopie"

Meeresbiologe Dr. Mark Lenz
Hält nichts von "The Ocean Cleanup": Meeresbiologe Dr. Mark Lenz

Trotz dieser Aussichten – viele Wissenschaftler sind von "The Ocean Cleanup" nicht überzeugt. Aus mehreren Gründen: Zum einen würde die Barriere, von der eine Schürze drei Meter tief ins Wasser tauchen soll, ebenfalls viel Beifang produzieren und außerdem sei das Projekt technisch und finanziell nicht realistisch. Tatsächlich würde "The Ocean Cleanup" mit seiner Vorrichtung in neue Dimensionen vorstoßen. An der geplanten Stelle ist der Pazifik bis zu 4.800 Meter tief. Bisher erreicht die tiefste Verankerung, das gibt Boyan Slat selbst zu, gerade mal 2.400 Meter. Und mit geschätzten Gesamtkosten von rund 317 Millionen Euro ist das Projekt auch wahrlich kein Schnäppchen. Für Mark Lenz vom Geomar Kiel ist die Sache deshalb klar. Er hält "The Ocean Cleanup" für "reine Utopie".

Plastikfressende Bakterien im offenen Meer? Keine gute Idee

Plastikflasche am Meeresgrund
Plastikmüll lässt sich sinnvoll nicht aus dem Meer herausholen.

Und auch von der dritten Lösungsidee, die sogar den Müll am Meeresboden erreichen könnte, ist der Kieler Wissenschaftler nicht überzeugt: plastikfressende Bakterien. 2011 entdeckte sie der amerikanische Wissenschaftler Tracy Mincer erstmals auch im Meer. Allerdings metabolisieren sie das Plastik nur sehr geringfügig und – bedingt durch die kalte und dunkle Umgebung im Ozean – auch sehr langsam. Den Plan, diese Art von Bakterien im Labor hochzurüsten und auf Schnelligkeit und Gefräßigkeit zu trimmen, hält Mark Lenz für unbeherrschbar: "Bakterien in die Umwelt einzubringen, die sehr gut darin sind Plastik abzubauen, halte ich für keine gute Idee: Weil dann wird sich ein Großteil unserer Welt sehr schnell auflösen."

Es gibt nur eine Lösung: Verzicht

Und was heißt das? Trotz vieler ambitionierter Ideen. Eine wissenschaftlich überzeugende Lösung, den Plastikmüll aus dem Meer wieder herauszuholen, gibt es zurzeit zumindest nicht. Viel sinnvoller ist es – da ist sich die überwältigende Mehrheit der Experten einig – schon einen Schritt vorher anzusetzen und zu verhindern, dass noch mehr Plastikmüll in die Meere gelangt. Doch was einfach klingen mag, bedarf einer Umstellung von uns allen. Denn erst wenn wir in unserem Alltag bewusst auf Plastik verzichten, wird die Industrie auch weniger davon produzieren.

Adressen
Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
Wischhofstraße 1-3,24148 Kiel
Internet: www.geomar.de/

The Ocean Cleanup Headquarter
De Torenhove
Martinus Nijhofflaan 2 - 18th floor
2624 ES Delft
The Netherlands
Internet: www.theoceancleanup.com/

ONE EARTH - ONE OCEAN e.V.
Günther Bonin
Lichtenbergstraße 8, 85748 Garching
Internet: www.oneearth-oneocean.com/

Autor: Niels Nagel (NDR)

Stand: 29.10.2016 16:20 Uhr