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Die Samenbank für Nutzpflanzen

Die Samenbank für Nutzpflanzen | Video verfügbar bis 17.10.2020

Auf den Äckern der Erde regiert die Monotonie. Nur noch wenige, ertragreiche Sorten werden angebaut. Die Folge: Immer mehr alte Nutzpflanzenarten verschwinden unwiederbringlich. Schon bald könnte das zum Problem werden. Doch es gibt einen Ort, an dem man dafür sorgen will, eine mögliche Ernährungskatastrophe zu verhindern.

Das wichtigste Kühlhaus Europas

Wenn Andreas Börner den riesigen Kühlraum betritt, muss er sich warm anziehen. Minus 18 Grad herrschen im wahrscheinlich wichtigsten Kühlhaus Europas. Am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben lagern Samen von rund 150.000 Kulturpflanzen und verwandten Wildarten - abgefüllt in zahllosen Einweckgläsern. Es sind Samen von Pflanzen, die heute gar nicht mehr angebaut werden. Sorten mit wohlklingenden Namen wie "Rumpaus Braunweizen", "Stadlers Brauner Dickkopf Goliath" oder "Heine 4".

Gefahr durch verlorene Vielfalt

Weizenfeld
Ertragreicher Weizen - anfällig für Krankheiten und Pilzbefall.

Aber warum werden diese ertragsarmen, nicht mehr zeitgemäßen Sorten gelagert? Wozu braucht man die Samen? Die Erklärung ist ganz einfach, sagt Dr. Andreas Börner, Chef der größten Pflanzensamenbank der EU: "Weizen ist ja das Grundnahrungsmittel Nummer eins in Deutschland und in Europa. Er ist auch weltweit sehr bedeutend. Jetzt stellen Sie sich vor, unsere modernen Sorten, die wir im Anbau haben, werden durch eine Krankheit befallen und dahingerafft. Dann wäre unsere gesamte Ernährung in Frage gestellt. Und aus diesem Grunde benötigen wir diese Vielfalt. Wir haben hier in der Bank etwa 30.000 Weizenmuster, in denen mit Sicherheit Resistenzen stecken, die wir in unsere modernen Sorten wieder einkreuzen können." Viele dieser alten Sorten findet man nur noch in Gatersleben, denn in den vergangenen 100 Jahren sind weltweit rund 75 Prozent aller Kulturpflanzen verloren gegangen.

Die immer geringer werdende Vielfalt kann dramatische Folgen haben. Wie in Süd Asien, Mitte der 1970er-Jahre: Die braunrückige Reiszikade, ein in Asien häufig auftretender Getreideschädling, übertrug ein gefährliches Virus auf die Reispflanze: das sogenannte rice grassy stunt virus. Das Virus ließ das Getreide nicht mehr ausreifen, die Pflanzen brachten kaum noch Ertrag. Die Ernteausfälle lagen damals bei 80 bis 100 Prozent. Weltweit suchten Wissenschaftler fieberhaft nach einer resistenten Sorte. Über 6.700 wurden getestet - und nur eine einzige alte Sorte erwies sich als immun gegen das Virus! Nur um Haaresbreite entging Asien damals einer Hungersnot. Könnte es uns eines Tages ähnlich ergehen? Mit unserem Grundnahrungsmittel, dem Weizen? Andreas Börner: "Im Prinzip ja. Bei den wenigen Sorten, die im Anbau sind, könnten Krankheit oder Viren kommen, die diese Sorten dahinraffen. Aber dafür gibt es ja gerade die Genbank, dafür gibt es diese Vielfalt, die wir hier in unseren Kühlhäusern aufbewahren."

Rettung aus dem Kühlhaus?

Gelbrostbefall bei Weizen
Gelbrostbefall bei Weizen

In den Kühlhäusern des Leibniz-Instituts liegt vielleicht auch die Lösung für ein ganz aktuelles Problem der Weizenbauern. Ihnen macht der Gelbrost zu schaffen, eine vom Wind übertragene Pilzkrankheit, die die Blätter des Weizens befällt und zu erheblichen Ertragsverlusten führt. Nun hoffen Landwirte und Züchter, hier im Institut eine alte Weizensorte zu finden, die gegen den Gelbrost immun ist.

Parzellen mit Weizen
Parzellen mit alten Weizensorten

Die alten Sorten bringen zwar keine großen Erträge hervor und werden deshalb nicht mehr angebaut, dafür haben sie aber andere, oft noch unentdeckte Eigenschaften. Wie eben die gewünschten Resistenzen gegen Viren oder Pilze. Und diese Pflanzen müssen jederzeit einsatzbereit sein. Dafür muss das im Kühlhaus eingelagerte Saatgut immer keimfähig bleiben. In regelmäßigen Kontrollen lassen die Mitarbeiter die Samenkörner deshalb im Labor auskeimen. Lässt die Keimfähigkeit einer Sorte nach, bauen sie sie neu an, um daraus wieder frisches Saatgut zu gewinnen. Dafür stehen dem Institut 14 Hektar Freifläche und 170 Gewächshäuser zur Verfügung. Dabei muss streng darauf geachtet werden, dass es nicht zu versehentlichen Kreuzungen kommt. Deshalb werden die Pflanzensorten jeweils in Parzellen getrennt - und meist von Hand geerntet. Das neu gewonnene Saatgut wird getrocknet und sehr genau überprüft - denn nur die beste Qualität bekommt die Chance, wieder eingelagert oder an Züchter und Forscher verschickt zu werden. Wie wichtig die Samenbank ist, zeigt die Nachfrage: Gut 30.000 Anfragen zu verschiedensten "alten" Sorten bekommt die Samenbank im Jahr.

Auch zu alten Weizensorten, die das Gelbrostproblem lösen könnten. Da sind die Forscher inzwischen fündig geworden. Seit Jahrzehnten pflanzen sie jährlich ca. 600 unterschiedliche Weizensorten auf ihren Versuchsfeldern an. Und führen dabei genau Buch, wie sich diese Sorten bei großer Trockenheit, großer Nässe oder eben auch bei Krankheiten wie dem Gelbrostbefall verhalten. Einige alte Sorten sind kaum anfällig gegen den Pilz. Diese werden jetzt an Züchter verschickt, die sie mit modernen, ertragreichen Sorten kreuzen wollen.

Aufwendige Weizen-Neuzüchtung

Dr. Andreas Börner und sein Team wissen, dass es ein langer Weg für die Züchter ist: "Sie müssen das Material einkreuzen und den Ertrag wieder anheben. Ein Ergebnis wird man erst in einigen Jahren sehen." Denn das optimale Ergebnis wird erst nach vielen Züchtungs-Zyklen erreicht werden können. Dennoch: Das Grundnahrungsmittel Weizen ist durch die Gen-Bank erst einmal gesichert. Bis eine neue Gefahr auftaucht - für die Andreas Börner dann hoffentlich auch eine Lösung hat.

Autorin: Sabine Guth (HR)

Stand: 21.10.2015 19:05 Uhr

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