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Die Evolution des Fleischessens

Die Evolution des Fleischessens | Video verfügbar bis 30.07.2021

Fleisch ist seit Urzeiten ein wichtiger Bestandteil unserer Ernährung. Doch heute ist Fleischkonsum nicht unumstritten. In unserer modernen Industriegesellschaft haben wir oft den Bezug zu den Tieren verloren, die wir essen. Das Steak im Supermarkt ist anonym, und viele von uns sind froh darüber, sich nicht mit Problemen wie beispielsweise der modernen Massentierhaltung auseinandersetzen zu müssen.

Doch einige Landwirte wie die Biobauern Viktoria und Michael Obinger im österreichischen Sankt Johann im Pongau möchten dieser Entwicklung ein neues Konzept entgegenstellen: Auf ihrem Hof können Kunden Patenschaften für Rinder übernehmen, die sie einmal essen werden, und dabei ihre Aufzucht und Haltung im Auge behalten. Ein Angebot für Menschen, die moderne Fleischproduktion kritisch sehen, aber auch nicht vegan oder vegetarisch leben wollen. Schließlich bezweifeln immer mehr Menschen, ob das Töten von Tieren ethisch und moralisch überhaupt vertretbar ist.

Wie konnten wir zum modernen Menschen werden?

Bei unseren Vorfahren spielten solche Überlegungen wohl kaum eine Rolle. Bei ihnen bestand der Speiseplan fast zur Hälfte aus Fleisch, und sie brauchten reichlich davon: Rund 4.000 Kilokalorien, so schätzen Wissenschaftler, benötigte ein Neandertaler pro Tag zum Überleben. Ohne eine ausgefeilte Jagdtechnik lässt sich eine dauerhafte Versorgung mit so viel frischem Fleisch gar nicht bewerkstelligen. Um die nötige Intelligenz zu entwickeln, die man für das Erfinden von solchen Jagdmethoden, aber auch der dafür notwendigen Waffen und Werkzeuge braucht, ist ein großes Gehirn notwendig. Das entwickelt sich wiederum erst bei einer sehr eiweißreichen Ernährung – also mit viel Fleisch. Es stellt sich deshalb die Frage: Wie konnte der Neandertaler, oder auch wir selbst, der Homo Sapiens, überhaupt klug genug werden, um Waffen und Werkzeuge zu bauen?

Fleischkonsum, Werkzeugentwicklung, Hirnwachstum – eine gemeinsame Entwicklung

Steinwerkzeug in einer Schachtel
Steinwerkzeuge unserer Vorfahren zeigen unterschiedliche Entwicklungsstufen.

Forscher vermuten, dass bei der Entwicklung des modernen Menschen das Essen von Fleisch, das Wachstum unseres Gehirns und die Entwicklung von Waffen und Werkzeugen Hand in Hand ging. Neueste Forschungsergebnisse belegen, dass frühe Menschen wie der Australopithecus afarensis bereits schon viel früher Werkzeuge zur Fleischbearbeitung verwendet hat als bislang angenommen: vor fast dreieinhalb Millionen Jahren. Allerdings dürfte er damit wohl keine Tiere erlegt haben. Wissenschaftler vermuten, dass diese frühen Menschen hauptsächlich Fleisch gegessen haben, das sie zufällig fanden, wie zum Beispiel Kadaver.

Auch die heutigen Menschenaffen essen gelegentlich Fleisch, einige von ihnen verwenden sogar Werkzeuge. Doch trotzdem bleibt der Fleischanteil in ihrer Nahrung mit etwa fünf Prozent relativ gering. Ähnlich dürfte es bei unseren Vorfahren gewesen sein. Merkmale wie ein relativ kleines Gehirn und Mahlzähne sind klare Hinweise darauf, dass sie, biologisch gesehen, überwiegend Pflanzenfresser waren. Doch wie groß muss der Fleischanteil in der Nahrung sein, damit ein Tier zum Raubtier wird?

Ist der Mensch ein Raubtier?

Schädel eines Paranthropus
Paranthropus, eine frühe Seitenlinie der Gattung Homo, war ein reiner Pflanzenfresser.

Diese Frage konnten Wissenschaftler wie das Team um den Genetiker Axel Janke vom Senckenberg-Museum Frankfurt beantworten. In einer Studie untersuchten sie 67 Säugetierarten, darunter auch Fleisch-, Pflanzenfresser, aber auch Allesfresser wie beispielsweise Bären. Sie konnten belegen, dass allesfressende Säugetiere ab einem Fleischanteil von zehn bis zwanzig Prozent in der Nahrung ein schnelleres Hirnwachstum, aber auch eine deutlich verkürzte Stillzeit aufweisen. So können sie schneller Nachwuchs zeugen als Pflanzen- oder Allesfresser, die sich überwiegend vegetarisch ernähren. Anders als frühe Menschenaffen, wie der Vegetarier Paranthropus, dürften unsere weiter entwickelten Vorfahren (wie etwa der Neandertaler) allerdings einen Fleischanteil von bis zu 50 Prozent in ihrer Nahrung gehabt haben. Auch der moderne Mensch wurde in dieser Studie mit anderen Säugetieren verglichen. Er besitzt, ebenso wie Wölfe oder Killerwale, dieselbe kurze Stillzeit und dasselbe rasche Hirnwachstum. Biologisch gesehen sind wir Raubtiere.

Werkzeuge und soziales Zusammenspiel - Das Erfolgsgeheimnis des Homo Sapiens

Urmensch mit einer Waffe
Die vielleicht wichtigste Erfindung der Menschheit: Jagdwaffen

Werkzeuge müssen also geholfen haben, das Fehlen von Reißzähnen, die  Fleischfressern das Jagen und Zerlegen der Beutetiere ermöglichen, beim Urmenschen zu kompensieren. Ebenso wie beim Körperbau zeichnet sich auch bei den Faustkeilen eine stetige Entwicklung ab. Die filigranen Werkzeuge und Waffen ließen Menschenarten wie beispielsweise den Neandertaler auch immer bessere Waffen bauen, mit denen sie sogar Großwild wie Mammuts jagen konnten.

Durch den Zugang zu frischem Fleisch veränderte sich der Mensch grundlegend. Ein aufrechter Gang ist wichtig für das Benutzen von Jagdwerkzeugen wie Speeren ebenso wie beim Verfolgen von angeschossenen Beutetieren über weite Strecken. Ein großes Gehirn und hohe Intelligenz haben unsere Vorfahren immer bessere Werkzeuge bauen lassen. Sie konnten damit aber auch ihre sozialen Fähigkeiten und damit ihre Jagdmethoden verbessern.

Fleischkonsum – ein Teil unserer Geschichte

Die kritische Auseinandersetzung mit Fleischkonsum ist eine ethische Entwicklung innerhalb unserer modernen Wohlstandsgesellschaft. Zum Überleben brauchen wir Fleisch heute nicht mehr. Wir haben die Wahl, ganz darauf zu verzichten, oder uns für einen bewussten Umgang mit unserem Fleischkonsum zu entscheiden. Doch wir müssen uns eingestehen: Fleisch ist ein Teil unserer Geschichte. Die Kunden der Familie Obinger haben sich für so einen Kompromiss entschieden, und nach eigenen Angaben verzeichnen die Rinderzüchter eine stark steigende Nachfrage.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 28.07.2016 22:37 Uhr