SENDETERMIN Sa, 30.07.16 | 16:00 Uhr | Das Erste

Kühe: Grasen für den Klimaschutz

Kühe: Grasen für den Klimaschutz | Video verfügbar bis 30.07.2021

Die deutsche Milchwirtschaft steckt in der Krise. Die Bauern produzieren derartige Mengen an Milch, dass die Molkereien sie nicht mehr losbringen. Gleichzeitig wächst die Kritik an der Rinderhaltung, weil diese durch ihren Ausstoß an Treibhausgasen erheblich zur Erderwärmung beiträgt. In der Schweiz haben Forscher nun einen Ausweg aus der Misere gefunden: die Weidehaltung.

“Knospe” eine glückliche Schweizer Grasmilchkuh.
“Knospe” eine glückliche Schweizer Grasmilchkuh.

Knospe ist eine typische Schweizer Bio-Kuh. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen darf sie den Sommer auf der Weide verbringen und nach Herzenslust grasen. Doch damit gehört sie einer Minderheit an. Rund 60 Prozent aller Rinder werden  nur noch im Stall gehalten. Sie bekommen dort große Mengen an Kraftfutter, damit sie möglichst viel Milch geben. Das Problem: sowohl bei der Produktion von Kraftfutter, als auch beim Stoffwechsel der Kuh werden große Mengen an klimaschädlichen Gasen freigesetzt. Der Stoffwechsel von Kühen lässt sich kaum verändern, wohl aber die Fütterungspraxis. Selbst viele Bio-Kühe bekommen heute Kraftfutter. Aber ist das wirklich nötig?

Milchproduktion ohne Kraftfutter: Funktioniert das?

Fazit von Florian Leiber: Ohne das Zufüttern von Kraftfutter sind Kühe gesünder, fruchtbarer und leben länger.
Fazit von Florian Leiber: Ohne das Zufüttern von Kraftfutter sind Kühe gesünder, fruchtbarer und leben länger.

Um das herauszufinden, startete der Agrarwissenschaftler Florian Leiber vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau im Kanton Aargau in der Schweiz eine Versuchsreihe mit Schweizer Fleckvieh. Diese sogenannte  Zwei-Nutzungsrasse gibt sowohl Milch, setzt aber auch Fleisch an – ohne dabei Höchstleitungen zu erbringen. Für sein Experiment teilte Florian Leiber den Viehbestand eines Betriebs in zwei Gruppen. Die eine setzte er auf Diät. Sie durfte rund sechs Wochen nichts als Gras und Heu fressen. Die andere bekam weiterhin ihre Kraftfutterrationen. Mit speziellen Hightech-Halftern überwachte das Team jeden einzelnen Kauausschlag der Tiere. Außerdem verglichen die Forscher den Kot und die Milch beider Gruppen.

Kühe gesünder und fruchtbarer

Kuh mit Futterhalfter, Sensoren messen jede Kaubewegung.
Kuh mit Futterhalfter, Sensoren messen jede Kaubewegung.

Das Ergebnis: Das Schweizer Fleckvieh verträgt die reine Grünfutterkost problemlos. Langzeitversuche zeigen außerdem: Kühe, die ausschließlich Gras und Heu fressen, sind gesünder und fruchtbarer. Ihre Milch enthält mehr der wertvollen, ungesättigten Fettsäuren. Einziger Nachteil: Die ohnehin schon geringere Milchleistung vom Fleckvieh verringert sich um weitere zwölf Prozent.

Nach Einschätzung des Agrarwissenschaftlers Florian Leiber ist das aber kein Problem. Der Milch- und Fleischkonsum in den Industrieländern sei ohnehin höher, als nötig. Sein Plädoyer geht dahin, weltweit nur noch so viele Rinder zu halten, wie das Grasland ernähren kann. Für die Versorgung der Weltbevölkerung mit tierischem Eiweiß reiche das allemal aus, und das Klima werde nicht unnötig belastet.

Kontakt:
Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)
Department für Nutztierrassen
Dr. Florian Leiber
Ackerstrasse 113, Postfach 219
CH-5070 Frick 
Tel. +41 62 865 72 72
Fax +41 62 865 72 73 
Internet: www.fibl.org/de/schweiz/forschung/tierforschung/tierernaehrung.html

Autorin: Sabine Frühbuss (BR)

Stand: 07.08.2017 09:09 Uhr