SENDETERMIN Sa, 07.03.15 | 16:00 Uhr

Abhängigkeit durch Schlaftabletten

Abhängigkeit durch Schlaftabletten | Video verfügbar bis 07.03.2020
Anneliese Ball
Anneliese Ball litt jahrelang an Schlafstörungen.

Anneliese Balls Nächte sind ein Albtraum. Sie kommt nicht zur Ruhe, wird ständig wach, bekommt kaum Schlaf. Alles begann vor zwölf Jahren, als sie in Rente ging. "Ich habe mich rumgewälzt, kam ins Grübeln. Und dann ging’s schon gar nicht mehr", erinnert sie sich. Anneliese Ball sucht Hilfe bei ihrem Hausarzt. Der verschreibt ihr Zolpidem, ein Schlafmittel

Schlaftabletten machen schnell abhängig

Wecker am Bett einer Frau zeigt 4.40 Uhr
Schlaflosigkeit ist weit verbreitet.

Von nun an schluckt die Rentnerin jeden Abend eine halbe Tablette. So wie viele andere auch: Etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland nehmen regelmäßig Schlafmittel. 2013 wurden 100  Millionen so genannte Tagesdosen auf Kassenrezept verschrieben. Der Suchtmediziner Rüdiger Holzbach warnt: Schon nach kurzer Zeit sind die Betroffenen abhängig: "In Schlaf- und Beruhigungsmitteln stecken überwiegend so genannte Benzodiazepine oder deren Verwandte, sogenannte Z-Substanzen. Das sind Medikamente, die innerhalb weniger Wochen zu einer Abhängigkeit führen können."

Schlecht beraten

Anneliese Ball nimmt die Schlafmittel sogar jahrelang - Nacht für Nacht. Irgendwann bekommt sie Bedenken und spricht ihren Hausarzt darauf an. Doch der wiegelt ab, spielt das Sucht-Risiko herunter. Anneliese Ball sucht daraufhin einen anderen Arzt auf. "Auch der sagte mir, dass ich die Tabletten weiter nehmen kann, dass das in meinem Alter nicht tragisch sei", erzählt die Rentnerin. Aber sie bleibt skeptisch. Sie hat Angst vor der Abhängigkeit. Ganz will sie auf die Tabletten indes nicht verzichten, deshalb halbiert sie die Dosis. Mit gravierenden Folgen: "Mit der Zeit wurde die Schlaflosigkeit dann noch schlechter, also ich konnte einschlafen, zwei Stunden. Und dann hab ich mich wieder rumgewälzt. Dann, vielleicht nach zwei, drei Stunden habe ich nochmal geschlafen." Der Schlafrhythmus von Anneliese Ball ist in dieser Phase bereits völlig aus dem Takt.

Einschlafen nur mit GABA

Der Hirn-Botenstoff Gamma-Amino-Buttersäure in einer Grafik dargestellt.
Um einschlafen zu können, muss unser Gehirn ein Signal bekommen

Damit wir einschlafen können, braucht unser Gehirn ein Signal zum Runterfahren. Das erledigt normalerweise der Hirn-Botenstoff Gamma-Amino-Buttersäure, kurz GABA: Er leitet das Signal weiter von einem Nervenende zum nächsten - und zwar an den sogenannten GABA-Rezeptor. Der gibt daraufhin das Signal: Aktivität drosseln! Und leitet das Signal durch den Nerv weiter. Dieses Einschlaf-Signal ist umso stärker, je mehr Botenstoff am GABA-Rezeptor ankommt.

Künstliche Einschlafverstärker

Suchtmediziner Rüdiger Holzbach
Schlafmittel sorgen für eine künstliche Verstärkung des Einschlafsignals-

Schlafmittel wie Benzodiazepine wirken ebenfalls am GABA-Rezeptor. Sie verstärken dort die Wirkung des GABA-Botenstoffs. Das Signal an den Nerv, die Aktivität zu drosseln, wird also stärker, man schläft schneller ein. Aber das künstlich herbeigeführte Einschlafen hat gravierende Nebenwirkungen, sagt Rüdiger Holzbach: "Die Tiefschlafphasen, die der körperlichen Erholung dienen, werden weniger. Und auch die Traumphasen, also die Phasen im Schlaf, in denen wir tagsüber Erlebtes ins Langzeitgedächtnis übertragen, werden weniger."

Teufelskreis Schlafmittel

Wer die Schlafmittel dann lange nimmt und sie irgendwann reduziert oder absetzt, bekommt  ein noch massiveres Problem: Da der Nerv sich an das stärkere Signal gewöhnt hat, reicht das Signal des GABA-Rezeptors allein nicht mehr zum Einschlafen. Jetzt kann wieder nur ein Schlafmittel helfen. Der Beginn eines Teufelskreises, in dem sich auch Anneliese Ball befindet. Bis sie in der Zeitung von einem Entzugs-Modellprojekt des Suchtmediziner Rüdiger Holzbach liest.

Schrittweiser Entzug

Flasche mit einer Flüssigkeit auf einem Tisch.
Tropfen für Tropfen die Dosis reduzieren

In seiner Klinik für Suchtmedizin in Warstein bespricht sie mit Holzbach einen Plan zum Entzug: Statt in Tablettenform soll sie ihr Schlafmittel jetzt als Tropfen nehmen. Der Wirkstoff wird so Tropfen für Tropfen reduziert und damit ganz langsam ausgeschlichen. Im Modellprojekt hat die Methode bei jedem zweiten Patienten funktioniert. Einen knappen Monat lang dauert der Prozess bei Anneliese Ball. Noch stärker Abhängige brauchen sogar einen stationären Entzug im Krankenhaus. Aber: Nur die wenigsten Betroffenen versuchen das überhaupt.

Höheres Sterberisiko?

Grafik mit Personen.
Große Dunkelziffer bei Schlafmittelverordnungen.

Mit gefährlichen, möglicherweise tödlichen Folgen. Diese Vermutung legt jedenfalls eine aktuelle britische Studie nahe. Forscher hatten 35 Tausend Erwachsene beob­achtet, die Schlafmittel verschrieben bekamen. Und sie mit Menschen ohne Schlafmittel-Konsum verglichen. Das Ergebnis: Pro 100 Schlafmittel-Konsumenten wurden vier Todes­fälle mehr registriert als bei der Gruppe, die ohne Schlafmittel auskam.

Schlafmittel immer häufiger auf Privatrezept

Laut Statistik gehen die Schlafmittel-Verordnungen seit einigen Jahren zwar zurück. Allerdings werden in der Statistik nur die Kassenrezepte erfasst, nicht aber die Privatrezepte, bei denen die Medikamente selbst gezahlt werden müssen. "Denn Privatrezepte tauchen nirgendswo mehr auf", sagt Rüdiger Holzbach. "Die Kassenrezepte gehen dagegen zur Krankenkasse. Die kann dann nachvollziehen, wie viele Rezepte ein Arzt seinem Patienten ausgestellt hat. Davor haben viele Ärzte Angst, denn sie dürfen Schlaftabletten wegen ihrer Suchtgefahr nur über einen kurzen Zeitraum verordnen." Die Leidtragenden sind die Patienten. Nicht zuletzt beim Entzug. Der war für Anneliese Ball hart. Aber schließlich hat sie es geschafft, nimmt nun keine Schlafmittel mehr. Entspannungsmusik und feste Einschlafrituale unterstützen sie dabei, dass das auch so bleibt. Die übriggebliebenen Schlaftabletten hat sie sicherheitshalber weggeschmissen.

Autoren: Katrin Linke und Stefan Venator (HR)

Stand: 06.03.2015 15:01 Uhr