SENDETERMIN So, 09.03.08 | 17:03 Uhr

Sport hält Gehirn jung

"Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" – derzeit fasziniert viele Wissenschaftler, wie sehr der alte Lateinerspruch offenbar wirklich zutrifft.

Denn neue Forschungsergebnisse zeigen: Sport ist nicht nur gesund für den Körper - er verbessert deutlich und effektiv auch die kognitive Leistungsfähigkeit. Besonders bei älteren Menschen. Und das beste: Walken genügt!

Es klingt paradox: Während man ganz ohne Kopfzerbrechen zügig durch den Park spaziert, soll man auch sein Gehirn auf Trab bringen? Wer dieser Tage einen Gehirnforscher anspricht, wird genau diesen Tipp bekommen: Lauf mal wieder!

Besser als Gehirntraining?

Das Faszinierende: Sportliches Training verbessert die kognitiven Leistungen offenbar sogar effektiver als spezielle "Gehirntrainings- programme" am Computer. Und das liegt wohl nicht nur an der besseren Durchblutung des Gehirns durch die Bewegung. Während bei Gehirntrainings- programmen die Teilnehmer eher in den speziellen Übungen besser werden, die der Computer vorgibt, führt sportliche Aktivität zu generellen Verbesserungen der kognitiven Leistung. Sport verbessert "die Mechanik" im Gehirn, wie Neurowissenschaftler sagen. Dabei genügte bei älteren, untrainierten Versuchsteilnehmern schon eine dreimonatige sportliche Trainingsphase.

Walken für die Wissenschaft

Um zu verstehen, wie genau Sport dem Gehirn nützt, sind derzeit weltweit die Experten auf Spurensuche. In Bremen haben achtzig ältere Menschen im Alter von 65 bis 75 Jahren ein Jahr lang dreimal die Woche für die Wissenschaft in ganz unterschiedlichen Kursen trainiert: Walken, Koordinationssport und Entspannungstraining. Forscher der Jacobs-Universität wollen im Projekt "Bewegtes Altern" nicht nur herausfinden, ob sie die Verbesserung der Gehirnleistung durch Sport bestätigen können, sondern auch, welche Sportart die deutlichsten Effekte hat.

Sport steigert kognitive Leistungen des Gehirns

Erste Ergebnisse vom Februar 2008 zeigen bereits: Konditions- und koordinationsstärkere Teilnehmer können offenbar die Gehirnareale, die für kognitive Leistungen wichtig sind, besonders effektiv nutzen. Weniger Fitte müssen hingegen bei gleicher Leistung zusätzliche Areale aktivieren. "Es gibt Hinweise darauf, dass sich im Gehirn durch sportliche Aktivität mehr Verknüpfungen zwischen einzelnen Neuronen ausbilden, die eine erhöhte Leistungsfähigkeit des Gehirns zur Folge haben", sagt Professor Ursula Staudinger von der Jacobs-Universität, "Tierversuche mit Mäusen zeigten, dass Laufen bei ihnen eine Neuentstehung von Neuronen bewirkt. Beim Menschen weiß man da noch eher wenig."

Von Menschen und Mäusen

Es waren spektakuläre Versuche des amerikanischen Gehirnforschers Fred Gage und seines deutschen Kollegen Gerd Kempermann im Jahre 1997: Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Mäuse, die ausgiebig ein Laufrad in ihrem Käfig nutzen konnten, im Vergleich zu untrainierten Artgenossen besser lernten, sich in Labyrinthen zurecht zu finden.
Aber mehr noch: In ihren Gehirnen hatte sich durch das Laufen zahlreiche neue Gehirnzellen gebildet, auch bei älteren Mäusen!

Ob Sport auch beim Menschen Gehirnzellenwachstum bewirkt, konnte bislang allerdings noch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Sicher ist zwar, dass in einem bestimmten Areal des menschlichen Gehirns, dem Hippocampus, selbst im Alter noch neue Gehirnzellen wachsen können. Doch noch wissen die Forscher nicht einmal, was die neuen Gehirnzellen überhaupt im erwachsenen Gehirn bewirken.

Das Gehirn ist plastisch

In einem Punkt sind sich Neurowissenschaftler inzwischen allerdings einig: Das menschliche Gehirn kann auch im Alter auf neue Anforderungen reagieren und sich offenbar entsprechend "umstrukturieren". Es ist "plastisch" – wie die Fachleute sagen. Und sportliche Aktivität scheint dabei zu helfen, einem frühzeitigen Abbau der Gehirnleistung im Alter entgegenzuwirken. "Ausdauertraining oder auch Koordinationssport lässt uns ein bisschen die Zeit zurückdrehen", kommentiert Professor Ursula Staudinger den Stand der Forschung, "und lässt uns anknüpfen an die Leistungsfähigkeit, die wir früher einmal im Leben hatten. Aber das bedeutet jetzt nicht, dass ich nur durch intensivstes Training aus einem Herrn Müller den Herrn Einstein machen kann." Neue Ergebnisse aus den USA deuten zudem darauf hin, dass auch bei Kindern Sport die kognitive Leistung zu verbessern scheint.

Wie viel Sport muss sein?

Bleibt die Frage, wie viel Sport denn sein muss, um die Gehirnaktivität zu fördern. Bringt mehr immer mehr? Und welche Sportart wäre optimal? Auch für Sportwissenschaftler sind dies derzeit spannende Fragen, die sie intensiv erforschen. Am sichersten sind sich die Experten bislang bei den Ausdauersportarten. Professor Heiko Strüder von der Kölner Sporthochschule: "Sie müssen keineswegs einen Marathon absolvieren. Es reicht völlig, aus wenn man zweimal oder dreimal pro Woche einen zügigen Spaziergang absolviert, auch das wirkt sich schon positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus."

Autor: Mike Schaefer

Stand: 31.10.2012 12:58 Uhr

Sendetermin

So, 09.03.08 | 17:03 Uhr